Natürlich wird niemand ernsthaft glauben, dass „Einfach weg“ der letzte Fall des Privatdetektivs aus Münster ist. Der Titel würde zwar passen, aber fünf weitere Episoden mit Leonard Lansink sind bereits abgedreht. Trotzdem sorgt der Prolog für einen Schreckmoment, als Georg Wilsberg allem Anschein nach von einer Pistolenkugel mitten ins Herz getroffen wird. Es folgt, Krimi-Fans kennen das, eine lange Rückblende, „Zwei Tage zuvor“. Kumpel Ekki (Oliver Korittke) freut sich auf die Hochzeit eines alten Freundes, er ist Trauzeuge und hat sich extra einen neuen Anzug zugelegt, aber die Braut ist in heller Aufregung: Jan, ihr Verlobter, ist spurlos verschwunden. Einzige Hinterlassenschaft ist ein Video: Angeblich hat er kalte Füße gekriegt und sich nach Bali abgesetzt; im Hintergrund ist ein Strand zu sehen. Zur gleichen Zeit deutet Kommissar Overbeck (Roland Jankowsky) eine Blutlache als eindeutigen Hinweis auf ein Gewaltverbrechen („Das riecht nach Mord“) und fordert die Spurensicherung an. Kriminalrat Schaaf (Rainer Laupichler) hält das für völlig übertrieben und bläst die Aktion wieder ab; doch dann findet Overbeck eine Patronenhülse.
Bis zu diesem Punkt mag Mariann Kaisers drittes Drehbuch für die Reihe nicht weiter originell sein, aber dann entwickelt ihre Geschichte eine „Wilsberg“-typische Komplexität. Schillerndste Figur ist ein sogenannter Finfluencer: Vince Grossmann hat es mit seinen Anlageempfehlungen zu großem Wohlstand gebracht. Der Film führt ihn auf seiner eindrucksvollen Yacht ein. Auf diese Weise lernt auch Overbeck den Mann kennen: Der Polizist hat sich ebenfalls ein Boot zugelegt, erliegt prompt den Schmeicheleien des smarten Meinungsmachers, folgt dessen Investitionsempfehlung und wird später, als er sich wieder mal über seine Chefin Anna Springer (Rita Russek) ärgert, den Dienst quittieren.
Foto: ZDF / Thomas Kost
Natürlich fragt sich das geneigte Stammpublikum, was das alles mit Jan zu tun hat, aber erst mal stellt Kaiser, deren bisherige „Wilsberg“ Episoden „Folge mir“ (2023) und „Blinde Flecken“ (2024) ähnlich sehenswert waren, eine Firma namens „Secret Care“ vor. Inhaberin Sophie Dragon (Minh-Khai Phan-Thi) verschafft ihrer Kundschaft „maßgeschneiderte Alibis für jede Lebenslage“ und arrangiert bei Bedarf „das perfekte Verschwinden“. Selbstredend hält sie sich bedeckt, was Jan betrifft, aber Wilsberg entdeckt in ihrer Agentur den Raum, in dem das Video aufgenommen worden ist. Zur zweiten Hauptfigur neben dem Detektiv wird jedoch mehr und mehr Overbeck, der schon in Kaisers ähnlich wendungsreichem Drehbuch zu „Folge mir“ eine entscheidende Rolle spielte. Dort wurde der Kommissar zum Bodyguard einer Lifestyle-Influencerin. Den beiden sind diesmal zwar keine gemeinsamen Szenen vergönnt, aber das Wiedersehen mit Bonnie (Johanna Ingelfinger) ist trotzdem ein Vergnügen, zumal sie Wilsberg darüber informiert, wie Grossmann zu seinem Vermögen gekommen ist. „Pump and Dump“ heißt seine Methode: Aktienkurse werden künstlich aufgepumpt und rechtzeitig mit großem Gewinn verkauft, bevor die Blase platzt.
Der selbsternannte „Ovinator“ neigt zwar zu einer gewissen Selbstüberschätzung, doch bei einer angeblichen Rendite von 400 Prozent müsste ein Polizist eigentlich hellhörig werden. Andererseits ist sein Traum vom großen Glück natürlich allzu menschlich. Außerdem beschert ihm die Zusammenarbeit mit dem „Money-Coach“ eine Bredouille ganz anderer Art: Er landet in einem Kofferraum und wird dort akustisch Zeuge eines Verbrechens, aber weil die Kamera bei ihm bleibt, weiß das Publikum genauso wenig über die Ereignisse wie er. Zum Thriller wird der ansonsten recht entspannte inszenierte Krimi auch dank der guten Musik (Andreas Weidinger) trotzdem erst später. Für Regisseurin Britta Keils ist „Einfach weg“ nach „Achtsam bis tödlich“ und „Mit allen Wassern gewaschen“ (2025) gleichfalls die dritte „Wilsberg“-Episode.
Dass und wie der Detektiv den vermeintlichen Todesschuss überlebt, ist ein bisschen weit hergeholt, aber das kann den guten Gesamteindruck nicht trüben, weil der Film mit immer wieder neuen Überraschungen erfreut und die Ensemblemitglieder gewohnt spielfreudig sind. Janina Fautz zum Beispiel ist nun schon seit fast zehn Jahren der personifizierte frische Wind der Reihe: Merle, Springers Patenkind und angehende Psychologin, hat als studentische Hilfskraft im Präsidium entscheidenden Anteil an der Klärung des Falls, ebenso wie Anwältin Tessa (Patricia Meeden), die sich in einen schmucken Nachbarn (Martin Bruchmann) verguckt. Auch er ist ein Opfer Grossmanns, dessen Besetzung mit Sympathieträger Steve Windolf ohnehin eine ausgezeichnete Idee war. Overbeck schließlich hatte in der Tat den richtigen Riecher, war der Zeit aber vier Tage voraus.
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