Vom LKA zum Hauptkommissar befördert und von Hamburg ins Wendland weggelobt: Es kann Schlimmeres geben. Nach einem Einsatz vor vier Jahren hat sich Jakob Stiller (Ulrich Noethen) in die Asservatenkammer versetzen lassen; große Karrieresprünge hat dieser Kommissar also sowieso nicht mehr vor. Wichtiger ist ihm die stille Rache an seinem Vorgesetzten (Andreas Anke), dessen voreiliger Zugriff damals einer Frau das Leben kostete. Und so hat Stiller einen Krimi geschrieben, der die Ereignisse fiktionalisiert verarbeitet. Das sorgte für böses Blut und – für Wendland! Dort wartet bereits die erste Leiche auf Stiller. Die Vorstellungsrunde mit den neuen Kollegen Kira Engelmann (Paula Kalenberg), Oliver Klasen (Malte Thomsen) und mit Jürgen Fauth (Dominic Raacke), dem Revierleiter, der sich in den Ruhestand verabschiedet, findet am Tatort statt. Der Profi aus Hamburg sieht sich bald einem Fall gegenüber, der in die Zeit zurückreicht, in der die große Welt auf das kleine Wendland schaute. Der Protest gegen das Atommülllager in Gorleben schrieb aber auch eine andere, kleine private Geschichte, in der eine Waffe, die gleiche, die beim aktuellen Mord verwendet wurde, ein Banküberfall mit Todesfolge und ein junges (Revoluzzer-)Quartett eine Rolle spielten. Die demente Andrea Loewe (Ruth Reinecke), der schießwütige Schafzüchter Maik Ruland (Kai Maertens) und der Ermordete könnten zu dieser „Viererbande“ gehört haben.
Nun also doch: Ulrich Noethen als ermittelnder Kommissar. Nachdem er vor rund zwanzig Jahren kurzfristig dem „Tatort“ aus Münster absagte (wofür ihm Jan Josef Liefers sicherlich bis heute dankbar ist) und der Grimme-Preis-gekrönte „Kommissar Süden“ bereits nach zwei Episoden der Exitus ereilte, hatte der verdiente Schauspieler mit „Neben der Spur“ mehr Glück. Die Reihe nach den Romanen von Michael Robotham, in der er einen Psychologen verkörpert, der der Kripo unter die Arme greift, dann aber zunehmend sich selbst und seine Familie in Gefahr bringt. Reihe und Charaktere waren auserzählt. Da Noethen aber offenbar Lust hatte, es anderen namhaften Schauspielern gleichzutun und einen der unzähligen „richtigen“ Ermittler im deutschen Fernsehen zu spielen, hat sich Josef Rusnak, die maßgebliche Kraft hinter den letzten „Neben-der-Spur“-Thrillern, „Wendland“ erdacht. Mit folgenden Bausteinen: ein desillusionierter Kommissar, der passionierter Radfahrer ist und kein Blut sehen kann, der dafür hellsichtig und mit einer schnellen Kombinationsgabe ausgestattet ist. Seine Frau ist tot, die Tochter (Sylvana Seddig) lebt in Hamburg und ist dort die jüngste LKA-Kommissarin. Seine junge neue Kollegin tritt im Wendland quasi an deren Stelle („Sie hören sich an wie meine Tochter“), und dann ist da noch ein ehrgeiziger Polizist, der seinen neuen Chef bewundert. Bisher ist das alles eher Stückwerk, Einzelinformationen, die aneinandergereiht werden, aus denen sich aber noch wenig Struktur oder Subtext ergeben.
Erste Fälle, man denke an „Kommissarin Heller“ oder „In Wahrheit“, an den „Tatort“ aus Stuttgart oder aus Dortmund, sind nicht immer der Krimireihen-Weisheit letzter Schluss. Und umgekehrt: Was großartig beginnt, endet oft früh wie „Lotte Jäger“ oder eben „Kommissar Süden“. Die Saat ist jedenfalls gelegt. „Stiller und die Geister der Vergangenheit“ ist mehr als solides deutsches TV-Krimi-Handwerk. Zwei Fälle, die in die Vergangenheit zurückreichen; der aktuelle sogar in die Geschichte der deutschen Protestbewegung, Bauern und Aktivisten im Schulterschluss. Durch Original-Aufnahmen und Rückblenden in Schwarzweiß kommt Leben und „Farbe“ in den Film. Den Zuschauer mit den Augen des radelnden Stiller die unbekannte Landschaft erkunden zu lassen, ist auch eine gute Idee, bei der der Autor Rusnak bereits an den Regisseur Rusnak gedacht hat. Doch allzu prickelnd ist das Gesehene bislang nicht: ein plattes Land mit eigensinnigen Typen oder mit Charakteren wie Stillers Vermieterin, zugleich Tierärztin (Helene Grass) im Ort, die ein eher konventionelles Versprechen geben. Wird sich in dieser Gegend Deutschlands (längerfristig) etwas Besonderes finden lassen?
Eine thematische Besonderheit hat „Stiller und die Geister der Vergangenheit“ schon abgearbeitet. Der Mythos von der „Republik Freies Wendland“ schwingt im Plot mit, vertieft wird wenig, was man allerdings nicht vermisst. So ist das Doku-Material eine sinnliche Ergänzung zu den knappen, verbalen Einwürfen, das dazu beiträgt, dass sich jüngere Zuschauer ein Bild machen können von jener Zeit. Für die Zukunft müssen sich die Macher etwas einfallen lassen, um mehr als die x-te Provinzkrimi-Reihe zu produzieren. Zum Auftakt ging es vor allem auch um die Einführung und Charakterisierung der Titelfigur. Künftig müsste das Wesen und die Sinnlichkeit des Wendlands stärker ins Zentrum rücken. Sollte das Dargestellte, Land und Leute, zu wenig hergeben, muss eben mehr Wert auf die Darstellungs-Weise gelegt werden. Bisher bleibt – bis auf die Einschübe – die Inszenierung unauffällig, sinnhafte Stimmungsbilder, Atmosphäre sind in Rusnaks Startepisode kaum auszumachen.
Soundtrack: José González („Let It Carry You“), Peter, Paul & Mary („Don’t Think Twice, It’s All Right“), Earth & Fire („Weekend“), Frank Sinatra („Strangers In The Night“), Jimi Hendrix (All Along The Watchtower“)
Und so ist es Ulrich Noethen, der den Unterschied macht. Seinen Kommissar, abseits von jenem verhängnisvollen Einsatz auf der Reeperbahn, der ihn zum Schreiben bewogen hat und der seine Figur bislang maßgeblich definiert, zu einem echten Charakter zu machen wie es beispielsweise Noethens Joe Jessen in Robothams Romanverfilmungen ist, das steht Rusnak oder einem anderen Drehbuchautor noch bevor. Auch den Dialogen wäre mitunter etwas mehr Doppeldeutigkeit zu wünschen. Dieses Haltung-auf-der-Zunge-tragen, um möglicherweise künstliche Gegensätze aufzubauen, das mögen deutsche Autoren. „Das Letzte, was wir gebrauchen können, ist jemand, der sich auf Kosten der eigenen Kollegen profiliert“, echauffiert sich die junge Kollegin. Solche Scheingefechte sind Zeitfüller, ohne echte Relevanz, denn ein nachhaltiger Konflikt, der Konsequenzen für die Handlung hätte, entsteht aus dem Einwurf von Kira Engelmann nicht. Noch mehr im luftleeren Raum schwebt ein Satz wie „Ich mag tote Sachen, am liebsten beschriftet, schön in Plastiktüten abgepackt“. Eine Provokation ist diese Aussage offenbar nicht. Gehört sie zum Wesenskern dieses Menschen oder spricht aus ihr der Mann, der vier Jahre in der Asservatenkammer gearbeitet hat? Am Ende wirkt dieser Satz nur so dahingesagt. Business as usual. Wie der ganze Film. Ein Krimi, den die Zielgruppe millionenfach einschalten wird. Aber es gibt Optionen für mehr. Das Potential von „Stiller“ muss nur noch besser genutzt werden. (Text-Stand: 3.9.2022)