Weil das Kommissariat unterbesetzt ist, muss Tobi Gruber (Noah L. Perktold) zu seinem ersten eigenverantwortlichen Einsatz. Ruhestörung, „nichts Wildes“. Vor Ort überfordert ihn und seine Kollegin jedoch das unübersichtliche Szenario: ein gewalttätiger, schwer betrunkener Familienvater (Dominic Marcus Singer), ein Kampfhund, eine verängstigte Ehefrau (Marlene Hauser) und zwei Kinder, alle in einer Wohnung, auf engstem Raum. Der Polizistin gelingt es, die drei in Sicherheit zu bringen, während Tobi mit gezückter Waffe den aufgebrachten Ehemann zu beruhigen versucht. Die Lage scheint unter Kontrolle, bis der Sohn noch einmal zurück ins Haus läuft und Tobias ihm hinterher. In der Wohnung eskaliert die Situation erneut. Es fällt ein Schuss. Zurück bleiben ein toter Hund und der lebensgefährlich verletzte Familienvater. Zwar übernimmt die Interne den Fall, aber Tobis Mutter Fanny (Ursula Strauss), die Starermittlerin des Innsbrucker Kommissariats, lässt es sich nicht nehmen, selbst den vielen Ungereimtheiten nachzugehen. Hat Tobi einen Fehler gemacht oder nicht? Hat er auf den Hund oder auf den Mann geschossen? Seine und die Aussage der Ehefrau widersprechen sich. Für Fanny ist klar: Bei dieser Familie stimmt etwas nicht. Hat die Ehefrau womöglich eine Affäre mit ihrem Schwager (Aaron Karl)? Nur gut, dass es bei den Grubers anders zugeht; Fanny und ihr Ex (Kai Ivo Baulitz) pflegen eine freundschaftliche Beziehung. Doch auch im Dreigenerationenhaus mit Großvater Hannes (Sven-Eric Bechtolf), der selbst Polizist gewesen ist, herrscht erst mal Sprachlosigkeit. Der Fall könnte schließlich das Ende von Tobis Karriere bei der Polizei bedeuten.
Foto: ARD Degeto / ORF / Christoph Karl Izmenyi
Ob „Kluftinger“, „Schwarzach 23“, zuletzt „Haveltod – Ein Potsdam-Krimi“ oder in einer besonders originellen Variante „Schwartz & Schwartz“ – Krimi mit Familienanhang ist eine immer mal wieder gern gesehene Abwechslung vom schnöden Whodunit-Ermittlungseinerlei. Da sind Väter a.D., die alles besser wissen oder privates Chaos veranstalten, da sind Geschwister oder Brüder, die gezwungenermaßen gemeinsam ermitteln müssen. In der neuesten Familien-Krimi-Variante sind es drei Generationen von Polizisten, die sogar noch unter einem Dach wohnen. Schöpfer der deutsch-österreichischen Donnerstagskrimi-Reihe, der renommierte Drehbuchautor Christian Jeltsch (68), der es auf 18 „Tatort“-Episoden, sechsmal „Kommissarin Lucas“, viermal „Polizeiruf“, auf weit über 20 Einzelstücke und auch auf einige Serien gebracht hat (fast alles mehr als sehenswert), hat schon einmal, 2015, eine schräg-komische Krimi-Serie im Familien-Milieu angesiedelt, allerdings gab es da nur eine ehrbare junge Polizistin; der Rest der Familie befand sich dagegen auf der anderen Seite des Gesetzes: „Unter Gaunern“, hieß das köstliche, leider nur achtteilige Vergnügen mit Cristina do Rego, eine Perle am Vorabend (die die ARD nicht mal kostenpflichtig auf ARD+ zur Verfügung stellt).
In „Tiroler Blut“ geht es gesitteter zu. Erzählt werden Familien-Krimi-Dramen: In „Der erste Schuss“ stellt sich nicht nur für den Gruber-Frischling die Schuldfrage. Auch andere haben in dieser Gefahrenlage moralisch falsche Entscheidungen getroffen. Fanny, die befürchtet, dass der Fall in der internen Ermittlung steckenbleibt und die bei dieser Familie kein gutes Gefühl hat, geht es vornehmlich um die juristische Schuldfrage. Dass – selbst wenn Tobi auf den Hund geschossen hat – er sich Vorwürfe macht und sich selbst die Schuld gibt: Diesen psychologischen Druck wollen die Außenstehenden, selbst die Familie, nicht sehen. Irgendwann bricht es dann aus dem jungen Mann heraus: „Ich bin der Tobi, der geschossen hat. Ich werde nie wieder frei sein.“ Bei solchen seelischen Belastungen hat (Innsbrucker) Schmäh logischerweise einen schweren Stand. Macht nichts, wenn eine Hauptdarstellerin wie Ursula Strauss den Ton angibt: Da blitzen dann zwischen ermittelnden Ego-Trips und den emotional schweren Augen-Blicken schon mal kurz Sarkasmus und Ironie auf. Und auch der österreichische Zungenschlag nimmt zumindest ein bisschen von der deutschen Schwermut, vor allem aber sorgt er – wenngleich hier nicht – für Augenzwinkern oder Unverständnis, so doch für eine gewisse Authentizität, die den klassischen ARD-Auslandskrimis am Donnerstag abgeht, in denen deutsche Schauspieler Griechen, Spanier, Franzosen oder Dänen mimen müssen.
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Obwohl oder gerade, weil die Auftaktepisode nicht mit einem gewöhnlichen Mord beginnt, ist es ein psychologisch harter Fall. Die Familienbindung verstärkt das einerseits, andererseits fungieren die Grubers als positives Gegenbild zur Problemfamilie im Film: als loyale Sicherheitsinstanz mit Geborgenheitsgarantie, was es für den traumatisierten Tobi nicht unbedingt leichter macht. Die nötige Entlastung vom Fall bietet auch das Ambiente. In dieses Landhaus in der Peripherie von Innsbruck würde gewiss jeder Zuschauer gern (mit)einziehen. Dieses Alpenpanorama, der besonders in der zweiten Episode stets einladend gedeckte Tisch, diese familiäre Vertrautheit inklusive dummer altväterlicher Weisheiten („Gleich wieder in den Sattel“). Autor Jeltsch und Regisseur Matthias Tiefenbacher gelingt der Spagat zwischen Krimi- und Familien-Drama, ohne in existenzielle Tristesse zu verfallen, aber auch ohne gefälligen Wohlfühlschmus. Sie und mit ihnen halten die Schauspieler die Balance zwischen diesen Tonlagen. Gearbeitet wird mit Bildern aller Art: mit Metaphern wie das Fliegenlassen eines Falken, dessen Freiheit mit dem Gefühl des in seiner Mitschuld gefangenen Tobi korrespondiert; mit Charakter-Bildern wie in der ersten Sequenz, in der man Fanny und Tobi beim wilden Mountainbiking sieht, wobei der Sohn sichtlich Spaß an seinen riskanten Freeride-Einlagen hat, aber auch seiner Mutter etwas beweisen möchte; mit Handy-Videos, die mit Hilfe von Lippenleserin Ruth (Alina Fritsch), Fannys Kollegin, entscheidende Aufschlüsse geben können. Und die Episode endet mit einer Postkarten-Ansicht, der pure Kitsch, ein deutlicher Kontrast zu den vorangegangenen 88 Minuten. Als ob die Macher die Zuschauer daran erinnern wollten: So hätten wir das die ganze Zeit erzählen können, so haben wir es aber ganz bewusst nicht gemacht!
Foto: ARD Degeto / ORF / Christoph Karl Izmenyi

