Francesca Polidoro (Julia Goldberg), die Buchhalterin des viel gepriesenen Kieler Start-ups Prometheus, kopiert heimlich Daten im Büro – tags darauf treibt ihre Leiche am Rand der Förde. Am Abend hatte sie von zu Hause voller Angst ihren Freund Nicki Bender (Johannes Hegemann) angerufen, der ihr allerdings nicht beistehen konnte, weil er noch als Rettungssanitäter im Dienst war. Kurz darauf klingelt Franco Steiner, der Sicherheitschef von Prometheus, an der Tür. Dass Steiner von dem auf Bösewicht-Rollen abonnierten Sascha Geršak gespielt wird, ist etwas verräterisch. Aber der Zweiteiler „Unter Freunden / Unter Feinden“ ist ohnehin kein klassischer Whodunit-Krimi. Wer Francesca umgebracht und später noch weitere Morde begeht, darum macht Regisseur und Drehbuchautor Lars Kraume (nach einer Idee von Katharina Adler und Rudi Gaul) kein Geheimnis. An Spannung mangelt es dennoch nicht, was allerdings weniger an der nicht sonderlich raffinierten Geldwäsche- und Mafia-Geschichte liegt, sondern an interessanten Polizeifiguren sowie einer packenden Inszenierung von Regisseur Kraume und Bildgestalter Jens Harant. Hier kommt keine Langeweile auf, auch wenn man Typen wie den italienischen Mafiaboss und seine Gorillas schon oft gesehen hat. Ein schönes Genre-Zitat ist immerhin die Szene, in der Sicherheitschef Steiner zum Mittagessen mit dem Paten „gebeten“ wird.
Foto: NDR / ARD / Thorsten Jander
Die Annahme, dass ein politisch gefeiertes Start-up für Investitionen im Bereich Raumfahrt und Teleskoptechnik auf Mafia-Gelder angewiesen sein soll, erscheint zwar ein bisschen unglaubwürdig. Auch bleiben die Prometheus-Eigner Viola und Oskar Berger (Sarah Hostettler, Pascal Houdus) blasse Randfiguren. Umso überzeugender gelingt dafür das Drama um koksende und korrupte Ermittler, um internes Postengerangel und persönliche Freundschaften bei der Polizei. Der Kieler „Tatort“ stellt sich dabei gleich mit mehreren Figuren neu auf: Kommissarin Mila Şahin (Almila Bagriacik) übernimmt mit ihrer von Berlin nach Kiel gewechselten Freundin Anna Nowak (Lilith Stangenberg) die Ermittlungen im Fall der mutmaßlich ermordeten Prometheus-Buchhalterin. Weil sie sich auf die frei werdende Stelle von Dienststellenleiter Roland Schladitz (Thomas Kügel) bewirbt, muss Şahin Polizeipsychologin Elli Krieger (Karoline Schuch) zur Begutachtung Rede und Antwort stehen – was ihr nicht besonders schmeckt. Ihr Konkurrent bei der Bewerbung ist Robert Iwersen (Yorck Dippe) vom Landeskriminalamt – beide werden sich in einer denkwürdigen Szene in wütende Raserei steigern. Außerdem verspricht der LKA-Beamte Jan Kuper (stark: Sven Schelker) Hilfe beim Durchforsten der beschlagnahmten Prometheus-Akten. Zwischen Nowak und dem korrupten Kuper entwickelt sich eine Affäre, was Şahin gleich in mehrere Konflikte stürzt. Aufgrund der dürftigen Beweislage würde die Kommissarin ihre Karriere aufs Spiel setzen, wenn sie gegen Kuper eine interne Ermittlung befürwortet. Zudem fürchtet sie um die labile, offenbar nach wie vor drogensüchtige Freundin: eine Paraderolle für Lilith Stangenberg.
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Der vielfach ausgezeichnete Kraume („Der Staat gegen Fritz Bauer“, „Das schweigende Klassenzimmer“, „Guten Morgen, Herr Grothe“) scheut auch das Krimi-Genre nicht und hatte beim „Tatort“ schon das herausragende Frankfurter Team mit Joachim Król und Nina Kunzendorf erfunden und an den Start gebracht. Nun prägt er den Übergang in Kiel, nachdem er schon die Borowski-Abschiedsepisode „Borowski und das Haupt der Medusa“ nach einem Drehbuch von Sascha Arango inszeniert hatte. Nur wenige haben ihren jeweiligen „Tatort“-Schauplatz derart geprägt wie dieser Klaus Borowski, der mit seiner wortkargen, melancholisch vernebelten Art nach Kiel und an die Nordseeküste so gut passte wie einst der Rüpel Schimanski nach Duisburg und in den Ruhrpott, das proletarische Herz der alten Bundesrepublik. Seit 2008 trugen alle Episoden Borowskis Namen im Titel – eine leider etwas unglückliche Idee, weil sie seine Co-Ermittlerinnen zu Nebenfiguren degradierte. Dabei waren auch die weiblichen Hauptrollen exquisit besetzt. Besonders Maren Eggert als Polizeipsychologin Frieda Jung stach heraus, nicht zuletzt weil sich Jung und Borowski ineinander verliebten und eine am Ende unglückliche Liebesbeziehung führten. Sibel Kekilli als Sarah Brandt (2010-2017) und seitdem Almila Bagriacik als Mila Şahin hatten als Kommissarinnen dagegen Mühe, aus dem langen Borowski-Schatten herauszutreten.
Umso schöner, dass es Kraume zusammen mit Katharina Adler und Rudi Gaul gelungen ist, die Figur der Mila Şahin so kraftvoll und unterhaltsam in den Mittelpunkt des Kieler Neustarts nach der Borowski-Ära zu rücken. Und Almila Bagriacik dreht mächtig auf, kann neue Facetten ihrer Figur zeigen und überzeugt in einer großen Bandbreite an dramatischen und emotionalen Szenen. In der Doppelfolge „Unter Freunden / Unter Feinden“ wird Şahins Selbstverständnis als Polizistin auf die Probe gestellt. Sie gerät in einen Konflikt zwischen Karrierewunsch und Korruptionsbekämpfung, ist als Freundin einer labilen Kollegin gefordert, schwankt zwischen polizeilicher Integrität und düsteren Rache-Impulsen. Ihre Herkunft spielt eine beiläufige, aber nicht unwichtige Rolle. Dass die eigenen Rassismus-Erfahrungen zu ihrer Berufswahl beigetragen haben und sie nach wie vor mit der türkischen Community verbunden ist, wird in einigen Szenen skizziert. Warum sie vor allem als selbstlose Gönnerin charakterisiert wird, die Geld an einen klammen Freund verleiht, ohne auf Rückzahlung zu pochen, wirkt allerdings vorerst etwas eindimensional.
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Jedenfalls ist Mila Şahin nun im „Tatort“-Kosmos nach dem Abschied von Ivo Batic (Miroslav Nemec) in München neben dem neuen Frankfurter Team mit Maryam Azadi (Melika Foroutan) und Hamza Kulina (Edin Hazanovic) die einzige Ermittler-Hauptfigur mit internationaler Biografie. Da könnte noch mehr gehen – gerade in Zeiten, in denen der Wunsch nach Ausgrenzung in der Politik an Boden gewinnt. Nach Bremen, Ludwigshafen und Zürich hat Kiel nun außerdem das vierte, rein weibliche Ermittlerteam im gegenwärtigen „Tatort“-Ensemble. Die energische, im Zweifel auch physisch zupackende Şahin wird durch eine zierliche, rational-kontrollierte Figur ergänzt: Karoline Schuch wirkt anfangs als Polizeipsychologin in ihrem Büro noch etwas verloren. Wie das Zusammenspiel funktionieren kann, zeigt sich andeutungsweise im zweiten Teil („Unter Feinden“) im Rahmen eines spannenden Kammerspiels. Die Hamburger Kriminalpsychologin und Sachbuch-Autorin Claudia Brockmann („Warum Menschen töten“), die auch bei der herausragenden Serie „Das Geheimnis des Totenwaldes“ (ebenfalls mit Karoline Schuch) beratend tätig war, soll die Kieler „Tatort“-Reihe weiter begleiten. Am Ende überrascht Krieger jedoch weniger mit einer psychologisch ausgefeilten Fragetechnik, sondern mit tatkräftiger Entschlossenheit.
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