Moya Alemu (Nambitha Ben-Mazwi) wirkt unsicher und verängstigt, als sie drei Pizzen in die 23. Etage eines leer stehenden Büroturms ausliefern soll. Ein blonder, freundlicher junger Mann nimmt die Pizzen entgegen, doch anschließend erlebt die aus Äthiopien stammende, illegal in Zürich lebende Frau einen nächtlichen Alptraum. Auf der Flucht vor dem Sicherheitsdienst verirrt sie sich in den Katakomben und beobachtet schließlich zwei Männer in weißen Schutzanzügen, die offenbar eine in Plastik gewickelte Leiche aus dem Haus schaffen wollen. Sie kann mit ihrem Fahrrad entkommen, wird zuvor aber vom Auto eines der Täter angefahren – und verliert dabei den Ausweis des Lieferdienstes, der freilich nicht auf ihren Namen, sondern auf den ihrer Cousine Sanaa Mukambo (Nancy Mensah-Offei) ausgestellt ist. Moya wohnt mit dem kleinen Yaro (André Nkot Olinga), dem Sohn ihrer bei der Flucht übers Mittelmeer gestorbenen Schwester, bei Sanaa und übernimmt ab und zu deren Schichten beim Lieferdienst.
Die stimmungsvoll gefilmte, dynamisch geschnittene Einführung samt Moyas Abenteuer – man wird sofort hineingezogen in diesen von Claudio Fäh inszenierten Zürich-Thriller. Der Schweizer Regisseur steht nicht gerade für Arthouse-Dramen, sondern hat sich in Hollywood mit actionreichen B-Movies („Sniper – Reloaded“, „Northmen: A Viking Saga“) einen Namen gemacht und zuletzt die Survival-Thriller „Turbulence“ und „No Way Up“ gedreht. Dass er auch Suspense mit Anspruch zu verbinden weiß, beweist er mit seinem Debüt für das deutschsprachige „Tatort“-Publikum. Dabei stehen drei Frauen im Mittelpunkt des Drehbuchs von Mathias Schnelting. Es dauert allerdings eine Weile, ehe sich Moya und die Kommissarinnen Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) begegnen. Und dann lässt sich Ott zu einem leichtsinnigen Versprechen hinreißen, das sie eigentlich nicht einhalten kann: Dass Moya nicht abgeschoben wird, wenn sie der Kantonspolizei bei der Tätersuche hilft.
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Denn als die nackte Leiche von Ruben Jovanov (Yves Weckemann) ans Ufer geschwemmt wird und Moya dort gerade auf ihrer Joggingrunde vorbeikommt, erkennt sie den jungen Mann wieder, der die Pizzen in Empfang genommen hatte. Dass Moya geschockt reagiert, fällt wiederum Tessa Ott auf, was später natürlich noch eine Rolle spielen wird. Manches ist also eher plakativ und auf Zufall aufgebaut konstruiert, aber dadurch gewinnen Fäh und Schnelting immerhin Zeit und Spielraum – auch um von dem unsicheren, von ständiger Angst vor dem Auffliegen bestimmten Dasein einer Illegalen zu erzählen. Sanaa muss Moya vor die Tür setzen, will sie die Wohnung nicht verlieren, woraufhin ihre Cousine mit dem seit dem Unglück auf dem Mittelmeer verstummten Neffen Yaro eine neue Bleibe suchen muss. Die Kommissarinnen wiederum werden bei der Durchsuchung von Rubens Wohnung von zwei Einbrechern überrascht (noch so ein eher unwahrscheinlicher Zufall), was zu einem halsbrecherischen Duell zwischen Grandjean und dem brutalen Christian Brock (Liliom Lewald) auf einem Baugerüst führt – gekonnt inszeniert als archaischer Kampf zwischen Mann und Frau. Spannung und Intensität bleiben hoch, zumal es absehbar ist, dass die beiden Täter versuchen werden, die mit dem Fahrrad geflüchtete Zeugin zu finden und sich dabei möglicherweise wegen des Lieferdienst-Ausweises, der ihnen in die Hände gefallen ist, an die Falsche halten.
Nach und nach rückt das sozialkritische Motiv in den Vordergrund, ohne dass dies die Krimispannung beeinträchtigen würde. In der noblen Finanz- und Kunstmetropole Zürich macht sich die Oberschicht mit Geld und Gewalt diejenigen gefügig, die über weniger Macht verfügen. Wie im Fall von Ruben, der als Jugendlicher aus Nordmazedonien in die Schweiz kam, sich als Sexarbeiter durchs Leben schlug und von seinem „Sugardaddy“, dem angesehen Richter Urs Jacobi (Stefan Merki), ausgehalten wurde. Am Ende wird Ruben das Opfer eines entgrenzten Machtgefühls, das zum Morden ohne Motiv verführt – einfach weil man es kann. Die Täterfigur ist auf diese Funktion reduziert, aber umso verblüffender gelingt die Auflösung und umso wirkungsvoller ist der an Horrorfilme erinnernde Showdown.
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Die beiden Kommissarinnen sind hier unzweifelhaft die „Guten“, die die „Bösen“ jagen. Langweilig und simpel wirken die Figuren aber ganz und gar nicht – dank des unaufgeregten, souveränen, lakonisch-humorvollen Spiels von Schuler und Zuercher und auch dank einiger klug arrangierter Nebenfiguren wie der eigenwilligen Staatsanwältin Wegenast (Rachel Braunschweig) oder Grandjeans aufmerksamem Freund Milan Mandic (Igor Kovac). Datenanalyst Noah Löwenherz (Aaron Arens) ist diesmal häufig gestresst und auch ein bisschen eifersüchtig auf den neuen Kollegen Justus Reynier (Basil Eidenbenz), den er für sein geplantes Sabbatical einarbeiten will. Eigentlich spielt der Film zwischen zwei Zigarettenpausen von Ott und Grandjean. „Wir kommen wie immer zu spät“, sagt Ott zu Beginn. „Wir kehren die Scherben auf, aber wirklich was ändern können wir nicht.“ Doch am Ende ändern sie vielleicht doch was. Dafür fängt Grandjean sogar kurz mal wieder mit dem Rauchen an.


1 Antwort
Wie immer ein guter Zürich Tatort. Mag manchen etwas zu plakativ rüberkommen, ist aber durchaus realistisch. Noch mehr im Hinblick auf den Täter (aus den eigenen Reihen.)
Eher erschreckend finde ich, dass es auch oder gerade in echt mehr als genügend Männer gibt, die genau so wie der Täter ticken und agieren. Vielleicht nicht immer so extrem, aber innerhalb derselben, letztlich menschenverachtenden, narzisstisch-psychopathischen Muster, weil sie nie Grenzen erfahren haben oder was Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen erlernt haben, die zugleich auch auch andere in ihren Wahnsinn verstricken. Also besteht der ständiger, immer „hochprozentigere“ Kick darin, ständig immer mehr Grenzen zu überschreiten, hier bis hin zu Mord (aus Langeweile).
Kranke Männer, taffe Frauen könnte man die Folge auch nennen. Gutes Team, passt schon so und am Ende siegt doch zumindest ein wenig Menschlichkeit…