Ein abgeschiedener Vierseitenhof in der Altmark. Die Wände atmen seit über einem Jahrhundert das Leben der Menschen, die hier wohnen, ihren Geschmack, ihr Sein in der Zeit. Alma (1910er), Erika (1940er), Angelika (1980er) und Nelly (2020er) verbringen zu verschiedenen Zeiten ihre frühen Lebensjahre auf diesem Hof und doch scheinen ihre Wege auf wundersame Weise miteinander verbunden zu sein. Auf die Idee zu dieser Geschichte ist die Filmemacherin Mascha Schilinski und ihre Co-Autorin Louise Peter gekommen, als sie ein paar Monate auf einem Bauernhof in der Altmark verbrachten.
Foto: ZDF /( Studio Zentral / Fabian Gamper
Die folgenden Zeilen sind meinem Ranking Kinofilm-Highlights 2025 (Position 9) entnommen:
„Schon komisch, dass einem wehtun kann, was nicht mehr da ist“, heißt es in Mascha Schilinskis deutschem Preisabräumer „In die Sonne schauen“. Können Traumata über Generationen in Körpern und Seelen überdauern? Ja, sie können. Vier Geschichten junger Mädchen, jede ausschnitthaft erzählt und alle vier allenfalls assoziativ miteinander verbunden, erzählen von diesem Phänomen. Schauplatz ist ein Bauernhof in der Altmark: Da ist in den 1910er Jahren Alma (Hanna Heckt), die in einer von Religiosität, Aberglauben und Schweigen geprägten Familie aufwächst; da ist in den 1940er Jahren die vom Krieg und vom Missbrauch durch ihren Onkel traumatisierte Erika (Lea Drinda); da ist 40 Jahre später Angelika (Lena Urzendowsky), deren Identitätssuche von einer seltsamen Todessehnsucht geprägt ist; und da sind schließlich in der Gegenwart Nelly und ihre Schwester Lenka – in dieser Geschichte lebt die Vergangenheit in rätselhaften Träumen weiter. Dieser Film hat seine eigene Filmsprache. Die Zeitebenen fließen ineinander, das durchgängige 3:4-Bildformat etabliert die Enge, in der sich die Mädchen befinden, von der titelgebenden Sonne ist nur wenig zu sehen. Der Film wirkt „oftmals wie ein wundersames, eigensinniges Kinogedicht in freiem Versmaß, das sich einer eindeutig vorwärtsschreitenden Narration selbstbestimmt entzieht“ (Filmdienst). Ja, „In die Sonne schauen“ sollte man lesen wie Literatur und dessen Klangdesign hören wie Musik: den Bildern mit eigenen Bildern begegnen, die Fantasie spielen lassen und immer neugierig bleiben.
„In die Sonne schauen“ wurde in Cannes ausgezeichnet, gewann zehn Deutsche Filmpreise und erreichte mehr als 350.000 Kinozuschauer allein hierzulande.

