„Fortsetzung folgt“ war früher ein Versprechen, auf das man sich verlassen konnte. Für TV-Serien gilt das nicht immer, weshalb die vielen Fragen, die am Ende von „House of Yang“ offen bleiben, womöglich nie beantwortet werden. Natürlich kann man sich mit dem Hamlet-Zitat trösten, dass es nun mal „mehr Ding’ im Himmel und auf Erden“ gibt, als unsere Schulweisheit sich träumt, aber unbefriedigend ist der Schluss trotzdem, selbst wenn das Drehbuch durch einen kleinen Clou erfreut. Die sechsteilige SWR-Serie erweckt ohnehin den Eindruck, als hätten die Verantwortlichen ihre Geschichte in erster Linie möglichst rätselhaft gestalten wollen; das Pressematerial ist vorsorglich um einen Stammbaum ergänzt worden. Die verschachtelte Erzählweise ist zwar durchaus reizvoll, aber auch verwirrend, weil sich die verschiedenen Zeitebenen ständig überlappen.
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Die Handlung beginnt 1999. Schauplatz der Ereignisse ist ein Schwarzwaldhaus. Die Perspektive aus der leichten Untersicht ist zwar nicht so extrem wie einst beim „Bates Motel“ im Hitchcock-Klassiker „Psycho“ (1960), aber die Musik, der Nebel und die Düsternis, die das Anwesen umgeben, lassen keinen Zweifel am Genre: Ein Mädchen hetzt in Panik eine Treppe hinauf, stolpert, rettet sich ins Wäschezimmer, sitzt nun jedoch in der Falle, denn wo vorher Tür und Fenster waren, ist jetzt eine massive Wand; Ende des Prologs. Gut 25 Jahre später kehrt Jessie (Elisa Hofmann) in das Haus zurück, in dem sie und ihre einst verschwundene Schwester Isabel aufgewachsen sind. Sie will das Anwesen nach dem Tod des Vaters verkaufen und so schnell wie möglich wieder weg. Teenager-Tochter Mila (Purnima Grätz) findet das düstere Domizil allerdings spannend und hat viele Fragen.
Jetzt reichen Stefanie Ren (Buch) und Mia Spengler (Regie) nach, was damals passiert ist: Die Eltern waren im Theater, die Töchter hatten sturmfreie Bude. Cousine Tabea hat ihren Freund Benni mitgebracht. Als die Jugendlichen im Dunkeln verstecken spielen, sieht Isabel, wie Jessie und Benni sich küssen. Jetzt schließt sich der Kreis zum Auftakt: Isabel will Tabea von dem Kuss erzählen und rennt davon, Jessie ruft „Ich bring’ dich um“, läuft hinterher und prallt gegen eine Wand, wo vorher die Tür zum Wäschezimmer war. Endgültig mysteriös wird die Geschichte, weil sich 1999 wiederholt hat, was am selben Ort bereits fünfzig Jahre zuvor passiert ist: In den Wirren der Nachkriegszeit strandet eine Frau mit Baby und Tochter im Schwarzwald. Zwischen der hochschwangeren Hausherrin Elsa (Emma Bading) und Daiyu (Andrea Guo), Jessies Großmutter, entwickelt sich eine angedeutete Liebesbeziehung. Daiyus Tochter wird ebenfalls Zeugin eines verbotenen Kusses. Als sie kurz darauf vor Elsas zudringlichem Bruder (Vladimir Burlakov) flieht, verschwindet auch sie spurlos. 75 Jahre später ereilt Mila das gleiche Schicksal.
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Der englische Titel mag irritieren, zumal es eine Weile dauert, bis klar ist, dass es sich bei Yang um Jessies Mutter handelt. Andererseits drängt sich die Assoziation zu Yin und Yang förmlich auf; auch das hat natürlich seine Bewandtnis. Außerdem wird Yang neben Jessie und Mila mehr und mehr zur Hauptfigur: Auch sie ist seit 1999 wie vom Erdboden verschluckt, taucht nun jedoch in der Gegenwart auf; Mila findet sich dagegen im Jahr 1949 wieder. Jessie gibt sich die Schuld am Schicksal ihrer zwölfjährigen Schwester, aber Yang weist sie auf eine Möglichkeit hin, wie Isabel zu retten sei; Jessie muss sich jedoch zwischen Schwester und Tochter entscheiden. Die Wanderungen zwischen den Zeiten sind ebenso faszinierend wie die regelmäßig eingestreuten Hinweise, die Mädchen befänden sich in einer Art Zwischenwelt: Auf dem Grund eines tiefen Brunnens, in den sich Yang auf der Suche nach Isabel einst fallen ließ, entdeckt Jessie einen Anhänger, den sie 1999 ihrer Schwester geschenkt hat.
In der ARD-Ankündigung zu „House of Yang“ heißt es, die Serie stelle eine entscheidende Frage: „Sind wir dazu verdammt, die tragischen Fehler unserer Eltern und Großeltern zu wiederholen? Oder gibt es einen Ausweg aus dem vererbten Trauma, um frei und unbelastet von den Schatten der Vergangenheit einen eigenen Weg zu beschreiten?“ Dieser psychologische Ansatz klingt interessant, aber auch etwas prätentiös. Für das Endprodukt gilt das angesichts der mitunter unnötig komplizierten Dramaturgie nicht minder. Szenenbild (Cosima Vellenzer) und Bildgestaltung (Zamarin Wahdat) sind allerdings ebenso sehenswert wie die Leistungen gerade auch der jungen Ensemblemitglieder, Musik und Sounddesign sorgen für die passende Atmosphäre sowie den einen oder anderen Gänsehautmoment, und natürlich darf auch der Schlüsselsatz aller Mystery-Geschichten nicht fehlen: „Hier passieren seltsame Dinge“, stellt die erwachsene Tabea (Antonia Bill) fest. Ren und Spengler haben zusammen an der Filmhochschule Baden-Württemberg studiert und beide einen deutsch-asiatischen Hintergrund; die rassistischen Momente, auf die zu Beginn eine Trigger-Warnung hinweist, kennen sie aus eigener Erfahrung. Die Autorin ist als Tochter einer Deutschen und eines Chinesen im Schwarzwald aufgewachsen und hat mit ihrem Konzept 2023 den SWR-Wettbewerb „Tief im Südwesten“ gewonnen.

