Wenn sich brave Bürger mit hartgesottenen Ganoven anlegen, ist in der Regel klar, wie die Sache ausgeht; und Frank Koops muss es wieder mal ausbaden. Aber auch der notorisch unterschätzte Provinzpolizist hat keine Ahnung, was ihm bevorsteht, als ihn ein Notruf ereilt: Auf dem Gleis der Harzbahn liegt eine tote Kollegin. Kaum hat er in ihrem Telefon die Nummer eines LKA-Beamten entdeckt, steht der Mann auch schon neben ihm. Fortan entspinnt sich ein Zweikampf mit scheinbar ungleichen Waffen, denn Oliver Mienle geht über Leichen, um sein Geheimnis zu wahren. Am Ende wird die Bevölkerungszahl von St. Andreasberg etwas geschrumpft sein, weil Habgier zumindest im Film in der Regel bestraft wird.
„Erpressung“ erfreut erneut durch all’ jene Zutaten, die „Harter Brocken“ seit dem Start vor zehn Jahren zu einem besonderen Kleinod innerhalb der ARD-Krimireihen gemacht haben: schwarzer Humor, richtig böse Schurken sowie ein von Aljoscha Stadelmann mit großer Gelassenheit verkörperter Antiheld, der eigentlich bloß seine Ruhe haben will, aber stets cleverer ist, als die Gegenseite glaubt; und vor allem hartnäckiger. Zwischendurch sorgt sein bester Freund, der Postbote Heiner (Jakob Benkhofer hat die Rolle von Moritz Führmann übernommen), für unfreiwillige Heiterkeiten. Sollte Koops doch mal so richtig in der Klemme stecken, ist auf die junge Kollegin Mette (Anna Fischer) aus dem Nachbarort Verlass. Heiners Verlobte trägt auch diesmal entscheidend dazu bei, dass die Sache am Ende zwar mit einigen Blessuren, aber im Großen und Ganzen gut ausgeht.
Foto: Degeto / Kai Schulz
Für den Film gilt das ohnehin, deshalb ist es einigermaßen überraschend, dass sich Reihenschöpfer Holger Karsten Schmidt, der die ersten fünf Drehbücher verfasst hat, diesmal hinter seinem Pseudonym Klaus Burck verbirgt (Koautor: Michael Knoll). Dabei verrät schon der Auftakt seine unverkennbare Handschrift: „Hans-Peter, mach’ keinen Quatsch“, ruft Hans-Peters Frau, als ihr Mann auf der Leiter steht und mit dem Besenstiel die Satellitenschüssel ausrichten will; ihr Schrei geht in das Pfeifen einer Dampflok über. Die Brockenbahn mit ihren uralten Waggons ist der heimliche Star des Films. Der Vorspann wird von typischen Western-Klängen untermalt, der Reihentitel erscheint Buchstabe für Buchstabe im Takt zur Musik; im Grunde hat der Film bereits jetzt gewonnen.
Hans-Peters Absturz ist jedoch weit mehr als bloß ein grimmiger Auftakt. Der Rentner hat schon vorher Quatsch gemacht, und deshalb muss nun auch die Gattin dran glauben: Mienle (André M. Hennicke), der Schurke mit Dienstausweis, sucht einen Mikrofilm mit Fotos, die ihn in eine hochnotpeinliche Lage bringen könnten. Worum es dabei geht, lässt das Drehbuch zunächst offen, aber die nächste Leiche folgt sogleich: Horst Witt (Uwe Preuss), pensionierter Beamter und früher Mitarbeiter des Stasi-Archivs, wird in seinem Haus überfallen. Die Einbrecherin (Kathleen Gallego Zapata) hat eine äußerst bedrohlich wirkende Spritze dabei, kommt aber nach einigem Hin und Her selbst in den Genuss ihrer tödlichen Medizin. Sie schafft es noch, den fliehenden Witt zu verfolgen und in die Schulter zu schießen, dann bricht sie tot auf dem Gleis zusammen, „kurz vor Elend, auf dem Weg nach Sorge“ (die Stationen heißen wirklich so), wie Lokführerin Armadi (Nagmeh Alaei) Koops mitteilt; und schon steckt er mittendrin in diesem Fall, der noch weitere Opfer fordern wird.
Foto: Degeto / Kai Schulz
Neben der Handlung, in deren Verlauf sich Mienles für den Landtag kandidierende Vorgesetzte (Irene Rindje) als ähnlich skrupellos erweist, erfreut der neunte Film der Reihe nicht zuletzt durch die Liebe zum Detail; das gilt neben den musikalisch zum Teil sorgfältig integrierten Zug-Songs auch für eine der Gegend nachempfundene Modelleisenbahn. Regisseur Hanno Olderdissen hat sich zuletzt mit der feinen Tragikomödie „Ganzer halber Bruder“ (2025) und den sehenswerten „Lassie“-Abenteuern (2020/23) in ganz anderen Genres getummelt, aber mit der formidablen SWR-Serie „Höllgrund“ (2022) gezeigt, dass ihm auch der Provinzkrimi liegt. Warum Schmidt seinen Namen als Autor dennoch zurückgezogen hat, erschließt sich daher nicht, aber natürlich weiß außer ihm niemand, welcher Film ihm vorschwebte. Vermutlich hat die Maßnahme mit seinem Missmut über eine unerwünschte Reduktion von Komplexität und schwarzem Humor zu tun, doch den „Brocken“-Fans wird „Erpressung“ trotzdem viel Vergnügen bereiten. Unglücklich ist allerdings die Terminierung am ersten Weihnachtsfeiertag, das hat vor einigen Jahren schon mal nicht funktioniert: „Der Bankraub“ (2017) hatte die schlechteste Quote der bisherigen acht Filme.


6 Antworten
HK Schmidt hat seinen Namen nicht wegen diesem Film zurückgezogen, sondern wegen der beiden Vorgänger, las ich auf seiner Seite. An denen war im Kern zu viel herum-geändert worden, und ein Drehbuchautor bzw. Reihenerfinder mit seinem Renommée muss sich ja nicht alles gefallen lassen.
Sollen sich die Macher halt nen anderen suchen.
Oder mit Klaus Burck vorlieb nehmen, bei dem die Szene dann auch weiß, was geschehen ist.
Warum werden immer wieder die gleichen Klischees strapaziert?
Beamte geben sich als LKA Angehörige aus und es wird nicht hinterfragt? Opfer schlagen ihre Angreifer nieder und laufen dann weg ohne sie zu entwaffnen, zu fesseln oder sonstwie unschädlich zu machen. Was soll das?
Kann man denn Spannung nicht ohne solche unsinnigen Verhaltensweisen erzeugen?
Nö. Das Format war richtig gut, hat Spass gemacht. 3 Folgen …
Diesmal wars einfach schlecht. Ein fake Heiner, alles ausgelutscht, flach.
0 Punkte.
Mir waren es auch zu viele Unplausibilitäten. Vor allem zum Schluss häufte es sich. Warum fuchtelt die Mette mit der Pistole rum, SCHIESST aber nicht, als die Bösewichtin im schwarzen Mercedes gemütlich an ihr vorbei fährt? Warum SCHIESST der Bösewicht nicht, als Koops hinter der Toilettentür auftaucht, und sich auch noch Zeit genug für ein Zwinkern lässt, bevor er ihn mit der Tür rammt? Dass der Bösewicht durch diesen Stoß prompt stürzt, war unglaubwürdig. Und die Siegesgewissheit der Bösewichtin gegenüber Koops war auch Quatsch – der Frau muss nach der erfolglosen Schießerei mit Mette und Heiner doch klar gewesen sein, dass sie ihre politischen Ambitionen eh begraben konnte. Also, das Ende war so sowas von zurechtgebogen und an den Haaren herbeigezogen, dass man sich als mitdenkender Zuschauer nur noch fremdschämen konnte.
Bis zum Austausch der Figur Heiner eine kultige Krimiserie.
Austausch der Figur Heiner geht gar nicht.
Die Figur Heiner hätte realistisch ausscheiden sollen, um dann eine Neubesetzung durchzuführen
oder eine komplett neue Person zu migrieren.
@Robert: Stimmt, eine komplett neue Person wäre besser gewesen. Auch wenn die letzte Folge lange zuücklag, war der Moritz Führmann als Heiner zu markant, um die Rolle einfach neu zu besetzen.