„In Friesland löppt alls anners“, und deshalb sind die Geschichten aus Leer nicht immer, aber doch gelegentlich eine echte Zierde des Krimi-Sendeplatzes samstags im „Zweiten“. „Der letzte Häuptling“ ist eine besonders originelle Episode, mit der Autor Lorenz Lau-Uhle indirekt an die Ereignisse aus „Tief im Dreck“ (2025) anknüpft. Damals hatte der Fund einer Sonnenscheibe für allerlei kriminellen Trubel gesorgt. Das seit Jahrtausenden verschollene Relikt wäre eine kulturgeschichtliche Sensation gewesen, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre. Nun wiederholt sich die Geschichte, wenn auch unter etwas anderen Vorzeichen, und erneut hat Archäologe Trautmann (Ulrich Brandhoff) seine Finger im Spiel.
Foto: ZDF / Michael Kötschau
Der Film beginnt mit einer Warnmeldung vom BKA: Ein Bauer hat eine beträchtliche Menge Ammoniumnitrat erworben. Das ist zwar nicht weiter ungewöhnlich, schließlich wird das Salz als Düngemittel verwendet, aber Krimifans wissen: In Kombination mit anderen Chemikalien lässt sich damit Sprengstoff herstellen. Kaum trifft das Kripo-Trio (Maxim Mehmet, Sophie Dal, Felix Vörtler) auf dem Hof von Tamme Renke und Ehefrau Gesa (Rainer Strecker, Inka Friedrich) ein, ereignet sich auch schon eine fette Explosion. Der Schafzüchter erklärt sein seltsames Gebaren mit der Suche nach angeblichen Bodenschätzen: Der Besitzer des von den Renkes seit dreißig Jahren bewirtschafteten Weidelands ist verstorben, sein Erbe hat die Pacht beendet; womöglich, weil sich unter dem Gras Gold, Silber oder Erdöl verbergen, wie Tamme vermutet. Seine Suche hat allerdings einen Fund ganz anderer Art offenbart: Am Fuß des Kraters entdeckt Polizistin Süher eine mumifizierte Leiche. Da der Mann erschlagen worden ist, geht Hauptkommissar Brockhorst von einem „historischen Cold Case“ aus, was Trautmann dank einer uralten Münze bestätigen kann. Und nicht nur das: Ostfriesland wurde einst von Häuptlingen beherrscht. Der Archäologe ist überzeugt, dass es sich bei dem Opfer um ein sehr mächtiges Familienoberhaupt handelt, für dessen Existenz es bislang jedoch keine Beweise gab. Dadurch würden sich allerdings auch die Besitzverhältnisse ändern, denn nach friesischem Erbrecht gehört das Land seinen Nachkommen. Prompt pocht eine junge Frau (Stella Holzapfel) sehr nachdrücklich auf ihren legitimen Erbanspruch. Jetzt beginnt, bildlich gesprochen, ein Hauen und Stechen, denn die unscheinbare Wiese entpuppt sich wider Erwarten in der Tat als äußerst wertvoll.
Foto: ZDF / Willi Weber
Wie Lau-Uhle auf dieser Basis in seinem ersten Drehbuch für die Reihe eine zunehmend verzwickte Geschichte entwickelt, sorgt für großes Vergnügen, zumal Alexander Costea die Vorlage sehr abwechslungsreich umgesetzt hat. Seine beiden früheren „Friesland“-Episoden („Sterneduell“ und „Sturmmöwen“, beide 2024) waren ebenfalls sehenswert, doch „Der letzte Häuptling“ ist nicht zuletzt dank der kleinen Spannungsverstärker noch besser, zumal moderate Horrorfilmelemente im Zusammenspiel mit Musik und Sounddesign für wohliges Gruseln sorgen. Erstes Opfer ist ausgerechnet Wolfgang Habedank (Holger Stockhaus): Kaum hat es sich der brave Bestatter mit einem Joint aus eigenem Anbau bei wohltemperiertem Jazz gemütlich gemacht, als er seltsame Geräusche aus dem Keller hört, und nun widerfährt ihm ein Ungemach, das für Menschen seines Fachs womöglich der schlimmste Albtraum ist: Erst jagt ihm der vermeintlich wiederauferstandene Häuptling einen beinahe tödlichen Schrecken ein, dann wird er in einen Sarg gesperrt. Fortan treibt der mehrfach gesichtete vermeintliche Wiedergänger sein nächtliches Unwesen in Leer. Costea und Kameramann Florian Schilling bedienen sich in diesen Szenen einer bewährten Bildgestaltung: Der offenbar in seiner Totenruhe gestörte Häuptling ist nur als Schatten zu sehen. Schließlich fordert der Spuk ein tatsächliches Todesopfer: Wenn im Krimi ein Grab ausgehoben ist, fällt irgendwann auch jemand tot hinein.
Neben der mit großer Sorgfalt im kriminalistischen Detail erzählten Geschichte und der munteren Umsetzung auf hohem handwerklichen Niveau erfreut „Der letzte Häuptling“ nicht zuletzt durch die darstellerischen Leistungen. Einzig Maike Jüttendonk legt ihre Rolle als Repräsentantin eines Unternehmens für Solartechnik allzu komödiantisch an. Eine Bereicherung des Ensembles ist Pablo Konrad als über weite Strecken bloß „der Isländer“ genannter Erbe des Weidelands, der sich zudem als Kollege von Habedank entpuppt; es ist daher eine ausgesprochen gute Nachricht, dass er der Reihe für einige der nächsten Episoden erhalten bleibt.
Foto: ZDF / Willi Weber

