In seinem autobiografischen Buch „Geht’s noch“ beschreibt der österreichische Schauspieler Simon Schwarz, welche Erleichterung es für ihn bedeutete, als er endlich eine Erklärung für jene Symptome fand, die ihn seit seiner Kindheit begleiteten. Die Kombination eines Aufmerksamkeitsdefizits mit Hyperaktivität hatte ihm vor allem zu Schulzeiten erhebliche Probleme bereitet. Die Merkmale dieser Störung wurden zwar bereits vor 250 Jahren beschrieben, aber die Diagnose ADHS wurde erst geläufig, als Schwarz (Jahrgang 1971) die Schule längst verlassen hatte. Bis heute hält sich zudem die verbreitete Meinung, die Störung betreffe nur Kinder und Jugendliche. Jenseits aller qualitativen Maßstäbe ist es dem ZDF daher schon mal hoch anzurechnen, dass der Sender mit seiner neuen Reihe „Einfach Elli“ verdeutlicht: ADHS wächst sich nicht irgendwann raus; man behält die Störung sein Leben lang.
Foto: ZDF / Susanne Bernhard
Ob die Betroffenen ihre Entwicklungsabweichung, wie es im ersten Film („Neuanfang“) und auch im redaktionellen Begleitwort euphemistisch heißt, tatsächlich als „Gabe“ betrachten, sei dahingestellt, aber davon abgesehen gehen Christiane Rousseau und Koautor Friedemann Goez, der die Filme auch produziert hat, sehr sorgsam mit dem Thema um. Zunächst wirkt der Auftakt jedoch wie ein typisches „Medical“, schließlich tummelt sich die neue Heldin auf dem „Bergdoktor“-Sendeplatz: Dank ihres Blicks für Details erkennt Notfallsanitäterin Elli Kempfer (Klara Deutschmann) Zusammenhänge, die das Klinikpersonal übersieht. Auf diese Weise rettet sie in der Auftaktfolge gleich mehreren Menschen das Leben. Außerdem verfügt sie über Fachkenntnisse und Fertigkeiten, die deutlich über das für diesen Beruf nötige Niveau hinausgehen. Damit macht sie sich nicht unbedingt beliebt: Gerade Mai Trang (Mai Duong Kieu), die Leiterin der Notaufnahme, ist nicht gerade begeistert, dass die junge Frau mehrfach ihre Diagnosen korrigiert. Die „Gabe“ hat allerdings ihren Preis. Elli ist vergesslich und reagiert mitunter allzu impulsiv; das Verfassen eines simplen Berichts ist eine echte Herausforderung. Aus Sicht von Verwaltungsdirektorin (Sophie von Kessel) war der Arbeitsvertrag für die neurodivergente Mitarbeiterin ohnehin eine weitere Inklusionsmaßnahme; sie selbst sitzt im Rollstuhl.
Natürlich gehört zu solchen Reihenkonzepten auch eine private Komponente, die das Drehbuch geschickt nutzt, um das Subthema zu vertiefen: Ellis Mutter (Clelia Sarto) ist Künstlerin und das, was Jugendliche heutzutage „verpeilt“ nennen. Louise wollte ursprünglich Ärztin werden und hat während des Praktikums festgestellt, dass sie für den Beruf nicht geeignet ist. Auch sie hat ADHS, die Störung aber im Gegensatz zu ihrer Tochter nie akzeptiert und daher auch nicht therapiert; sie hält ADHS für eine „Modediagnose“ und rechtfertigt ihr Durcheinander als kreatives Chaos. Fels in der Brandung ihres Lebens ist der von Rainer Bock gelassen, weise und liebenswert verkörperte Taxifahrer Leo, der Ellis Ersatzvater geworden ist. Ihren Erzeuger kennt sie nicht, was in solchen Filmen unvermeidlich zu einer in diesem Fall tatsächlich überraschenden Offenbarung führt. Im zweiten Film spielt der familiäre Aspekt daher eine deutlich größere Rolle, weil Louises Geständnis in Bezug auf die Vaterschaft einiges durcheinanderwirbelt. Der „Medical“-Aspekt konzentriert sich in „Verzeihen“ daher weitgehend auf nur einen Fall: Nach einem Fahrradsturz stellt sich raus, dass ein Familienvater (Tobias Oertel) seit zehn Jahren ein Doppelleben führt. Nun braucht er eine neue Niere. Seine Frau kommt als Spenderin nicht infrage; seine Freundin aber sehr wohl.
Foto: ZDF / Susanne Bernhard
So sehenswert „Einfach Elli“ dank des guten Ensembles und des sympathischen Humors auch ist: Die Gestaltung der beiden Filme entspricht dem üblichen Standard. Gunnar Fuß ist ein renommierter Kameramann, aber seine Inszenierungen, darunter mehrere Episoden der ZDF-Krimireihe „Solo für Weiss“, sind eher routiniert als inspiriert. Dem ZDF wird das zumal in diesem Fall egal sein, schließlich wiegt bei solchen Produktionen der Geschmack des Publikums ungleich stärker als künstlerische Aspekte. Deshalb darf Elli zwischendurch zur Freude Klara Deutschmanns durch die Gegend reiten; die Schauspielerin konnte ihre entsprechende Leidenschaft bereits in „Reiterhof Wildenstein“ (ARD, 2019 bis 2021) ausleben. Dass die Kamera immer wieder mal einen Blick aufs alpine Karwendel-Panorama wirft, versteht sich ebenso von selbst wie die gefällige Musik oder Ellis Drang, nicht bloß Erstversorgung, sondern auch Seelsorge anzubieten. Aus dem optischen Rahmen fallen allein einige Einstellungen aus der Vogelperspektive, wenn sich die junge Frau wieder mal „an der Erde festhält“ und rücklings auf der Almwiese einen Klee-Engel macht. So bleibt als Besonderheit von „Einfach Elli“ vor allem der seriöse Umgang mit ADHS, wobei das Drehbuch allerdings verschweigt, dass sich die Störung bei Mädchen anders äußert als bei Jungs, weshalb es aufgrund falscher Diagnosen oftmals zu Behandlungsfehlern kommt. Sollten betroffene Frauen jedoch angesichts der Filme einen ähnlichen Erkenntnisgewinn erleben wie Simon Schwarz, der erst vor einigen Jahren bei der Lektüre eines „Zeit“-Artikels feststellte, warum er anders ist als andere, wäre schon das allein ein Grund, die Reihe zu preisen.


2 Antworten
Ich habe jetzt die ersten beiden Teile gesehen und nur den Kopf geschüttelt. Einzig die Landschaft und davon gibt es leider wenig zusehen, war annehmbar. Der Rest ist zum vergessen: Angefangen beim gendern, über die blauen Fingernägel, der ständigen Kompetenzüberschreitung, bis hin zu der fast strafbaren Handlung bei Einsatz nach Reanimation den Patienten und Kollegen alleine zu lassen, um kopflos davon zu rennen. Ich könnte hier noch viel mehr aufzählen, aber ich denke es reicht. Diese Serie wird hoffentlich bald wieder eingestellt, oder es finden sich vernünftige Drehbuchautoren und kompetente medizinische Berater
Ich warte auf die Rezension zu diesem unsäglichen Serienkonzept, die erklärt, warum es zynisch ist, ADHS in einem Heile-Welt-Format als USP zu verwenden. Bis hin zu: „es gibt kein richtiges Leben im falschen“!