„Trutz, blanke Hans“: Das wäre in der Tat ein würdiger Titel für diesen Krimi gewesen, zumal die Rungholt-Sage mehrfach erwähnt wird. Vielleicht glaubte man bei der ARD, dass Detlev von Liliencrons Ballade außerhalb Frieslands zu wenig bekannt ist und im Süden ohnehin niemand weiß, dass mit „Blanke Hans“ die Nordsee gemeint ist. Der Titel des Gedichts bezieht sich auf die Hybris, mit einem Deich den Naturgewalten trotzen zu können: Laut Legende ist das gottlose Rungholt einst von einer Sturmflut überrollt worden und im Meer versunken.
Anstelle des Arbeitstitels heißt der vierte Krimi aus Husum nun „Tod eines Pastors“. Das ist inhaltlich korrekt, aber auch ein bisschen langweilig: Im Watt wird die Leiche eines Dorfpfarrers gefunden. Bei ihren Ermittlungen stellen Ria Larsen (Marlene Tanczik) und Michael Brandt (Anton Spieker) recht bald fest, dass der Mann selbst für einen protestantischen und daher nicht ans Zölibat gebundenen Geistlichen recht umtriebig war; Eifersucht wäre ein mögliches Mordmotiv. Außerdem gibt es allerlei üble Nachreden über minderjährige Schülerinnen; Pastor Oltmann war nebenbei auch Religionslehrer an der privaten Liliencron-Schule und dort äußerst beliebt.
Foto: Degeto / Christoph Assmann
Diese teure Elite-Einrichtung, die auch Kinder aus weniger begüterten Elternhäusern aufnimmt, rückt mehr und mehr ins Zentrum der Geschichte, genauer gesagt: zwei wohlstandsverwahrloste Teenager, die sich einen Spaß draus machen, Schwächere zu piesacken; ihr Verhältnis zum Pastor war weniger gut. Mit der Einführung der beiden Jungs verliert der Krimi allerdings schlagartig an Überzeugungskraft, sie entsprechen auch darstellerisch dem Klischee solcher Jugendlicher; dabei haben sowohl Franz Ferdinand Krause als auch Claude Albert Heinrich bereits gezeigt, dass sie viel mehr drauf haben, als sie hier zeigen dürfen. Gleichfalls eine typische Filmfigur ist die Referentin des Pastors. Deborah Kaufmann wird immer gern besetzt, wenn Frauen etwas merkwürdig sein sollen, wobei dieses Etikett nur annähernd umschreibt, wes Geistes Kind Petra Plasse ist. Immerhin sorgt sie für einen kleinen Schreckmoment, als sie abends wie aus dem Nichts bei Rias Mentorin (Charlotte Schwab) erscheint und stechenden Blicks mysteriöse Sätze von sich gibt.
Neben der Referentin gibt es noch weitere interessante weibliche Figuren, darunter eine Psychotherapeutin, die schon als Schülerin in den Pastor verliebt war, sowie eine Geschäftsfrau, die eine Affäre mit ihm hatte, bis er ’herausfand, dass sie bei den Abrechnungen für Renovierungsarbeiten an der Schule ziemlich kreativ vorgegangen ist. Recht makaber ist dagegen der Fund eines Schweinekadavers, der am gleichen Morgen entdeckt worden ist wie der tote Pastor. Das Tier gehört zu einem Mast- und Schlachtbetrieb. Es ist zwar eines natürlichen Todes gestorben, steckt aber in einem Talar. Wer für diesen groben Unfug verantwortlich ist, steht außer Frage, zumal das Gewand aus dem Theaterfundus der Privatschule stammt. Es deutet einen weiteren Bezug zur Rungholt-Sage an: Damals wurde allein der Pfarrer von Gott verschont.
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Davon abgesehen ist die Handlung (Drehbuch: Julia Drache) jedoch recht schematisch: Autofahrten, Befragungen, Reviergespräche. Die Verweise auf Rungholt, dem „Atlantis des Nordens“, wirken daher wie der Versuch, eine gewöhnliche Krimigeschichte aufzupeppen. Immerhin zeichnet sich „Tod eines Pastors“ durch eine auf fast schon morbide Weise schöne Bildsprache aus. Gerade die Wattaufnahmen sind mit ihrer schwarzweißen Anmutung faszinierend. Mit ihnen beginnt der Film auch, als die Kamera greifvogelgleich aus großer Höhe den Leichnam entdeckt. Im weiteren Verlauf verzichten Stefan Rick (Regie) und Kameramann Henner Besuch auch bei den Innenaufnahmen konsequent auf jede Form von Buntheit; die spätherbstliche Atmosphäre sorgt für eine Tristesse, die perfekt zur Geschichte passt. Wirklich fesselnd ist der Film nach dem vielversprechenden Auftakt trotz der angemessen düsteren Musik (Florian Tessloff) allerdings erst wieder zum dramatischen Ende. Zu viele Ensemble-Mitglieder geben sich zudem zu große Mühe, ihre Rollen auf besondere Weise zu verkörpern. Das gilt vor allem für Deborah Kaufmann; kein Wunder, dass sich Brandt nach der ersten Begegnung fragt, ob die Pastoralreferentin „was genommen“ habe. Marlene Tanczik wiederum wirkt, als habe Rick ihr aufgetragen, generell keine Miene zu verziehen, während Christoph Glaubacker (als Polizeikollege Sellien) wie schon zuletzt die personifizierte Unfreundlichkeit verkörpern muss.

