Die Polizistin und die Todesstille

Thelma Buabeng, Haley Louise Jones, Popadic, Bagriacik, Lars Becker. Cooler Kokain-Krimi-Korruptions-Cocktail

12.09.2026 10:00 ZDF-Stream Streaming-Premiere
21.09.2026 20:15 ZDF TV-Premiere
Foto: ZDF / Studio Zentral
Foto Rainer Tittelbach

BKA-Polizistin Gloria Acheampong muss bei ihrem zweiten Einsatz im Drogensumpf von Frankfurt ermitteln. Ein Verdeckter Ermittler, eingeschleust in einen berüchtigten Club, ist ermordet worden. Endlich mal wieder ein echter Lars-Becker-Milieu-Krimi! „Die Polizistin und die Todesstille“ (ZDF / Network Movie) besticht durch einen Plot in bester „Nachtschicht“-Manier. Wo es um fünf Tonnen Kokain geht, entstehen auf allen Seiten Begehrlichkeiten, und ein Menschenleben ist nicht viel wert. Der Krimi mit seiner komplexen Beziehungsstruktur und der Becker-eigenen Logik entwickelt sich zu einem Thriller, der allerdings auf die üblichen Bedrohungslagen verzichtet: Realismus & Drama obsiegen über billige Spannungsmache. In sich hat es dafür der Showdown, der hoffentlich in einer dritten Episode ein Nachspiel haben wird. Außergewöhnlich gut – neben der ausgeschlafen agierenden Thelma Buabeng – der gesamte Cast: Der Serien-Hype ist vorbei, endlich kriegt Lars Becker sie wieder alle!

Es gibt Schöneres, als im Drogensumpf von Frankfurt zu ermitteln. Noch dazu, wenn man den „Toten besser als gut“ gekannt hat. BKA-Polizistin Gloria Acheampong (Thelma Buabeng) verschweigt ihrem Chef Boris Lambert (Tobias Oertel) das Verhältnis zu dem VE Yunis Zouaï (Alexander Milo), der als Barkeeper im Club von Drogenhändler Leon Graf (Carlo Ljubek) angestellt war, und macht sich, unterstützt von den Drogenfahndern Milan Stepanovic (Slavko Popadic) und Ronny Engels (Nico Holonics), an die Arbeit. Die Leiche wurde in einem Auto auf einem Maisfeld im Taunus gefunden, in Sichtweite eines Hauses, das ein abgehalfterter Rapper dem DJ Nikki Caspari (Marc Benjamin) verkaufen möchte. Kann das Zufall sein? Beide stehen bei Drogenbaron Graf dick in der Kreide. Wie Nikki das Haus bezahlen will, fragt der sich zu Recht. Aber auch Nikkis Frau Emma (Haley Louise Jones) schwant Fürchterliches. Dass ihr Mann sich gern mal was durch die Nase zieht, weiß jeder. Aber dass er womöglich wieder im großen Stil dealt, wäre für die integre Flugbegleiterin ein Scheidungsgrund. Nikki aber ist sich seiner Sache sicher, hat er doch ein Video in der Hinterhand, das Leon Graf schwer belastet und wodurch sein Drogenimperium – geschmierte Polizisten inklusive – in Windeseile zerbröseln könnte. Das sei seine Lebensversicherung! Nikki weiht seine Frau ein. Wenig später ist er tot.

Die Polizistin und die TodesstilleFoto: ZDF / Studio Zentral
Eine Idee, mit der der Autor Lars Becker den Regisseur Lars Becker & die Zuschauer glücklich macht: Die Leiche des Verdeckten Ermittlers wird nicht in im düsteren Frankfurt gefunden. Thelma Buabeng & Tobias Oertel in „Die Polizistin und die Todesstille“

Endlich mal wieder ein echter Lars-Becker-Milieu-Krimi. Seitdem „Nachtschicht“ schon mal längere Pausen einlegt und „Der gute Bulle“ wohl dem Krebs von Armin Rohdes Hauptfigur zum Opfer fallen dürfte, besticht die zweite Episode der neuen ZDF-Reihe mit Thelma Buabeng durch einen Plot in bester „Nachtschicht“-Manier. Polizei und mutmaßliche Gangster geben sich die Klinke in die Hand. Wo es um fünf Tonnen Kokain geht, entstehen auf allen Seiten Begehrlichkeiten, und ein Menschenleben ist nicht viel wert. Eine taffe Ermittlerin, ein „sauberer“ Charakter als Episodenhauptfigur, eine Frau, Debbie Graf (Almila Bagriacik), die für ihren Mann die Kohlen aus dem Feuer holen muss, und jede Menge durchgeknallte oder undurchsichtige Nebenfiguren, daraus mixt Becker mal wieder einen coolen Krimi-Cocktail. Gleich in der ersten Szene werden Gloria und Emma zusammengeführt. Das ist mehr als ein dramaturgischer Kniff. Im Wechselspiel aus BKA-Befragungen, Recherchen der Drogenfahnder und Club-internen Szenen bekommt man als Zuschauer bald einen Überblick, weiß mehr als die Ermittelnden, ahnt so manches und fühlt sich nach einer Filmstunde bestätigt. Der Krimi mit seiner komplexen Beziehungsstruktur verdichtet sich im Schlussdrittel zu einer typischen Thriller-Situation, die sich zwar zu einem John-Woo-liken Showdown auswächst (vier Personen haben eine Waffe gezückt), davor aber nicht die üblichen Bedrohungslagen durchspielt. Zwar ist der mutmaßliche Killer ein Mal hinter Emma her, aber in dieser Szene obsiegt Realismus über Spannungsmache. Lars Becker liebt zwar Genre, aber nicht um jeden Preis. Wie in „Nachtschicht“ ist auch in Beckers neuer Reihe das Verhalten vieler Krimineller – inklusive der Griff zur Waffe – sprunghaft, um nicht zu sagen kopflos. Besonders wenn jede Menge Drogen im Spiel sind.

Die Polizistin und die TodesstilleFoto: ZDF / Studio Zentral
Nach „Liebes Kind“, „Doktor Ballouz und vor allem „Krank Berlin“ ist Haley Louise Jones eine feste Größe im deutschen Fernsehen. Im ZDF-Krimi ist sie eine der wenigen Figuren, die lange Zeit einen sicheren moralischen Kompass besitzt – und dann eine Waffe.

Ein Grund mehr, bei den Polizeifilmen von Lars Becker mit ihren emotional hochexplosiven Gemengelagen nicht nach Logik zu fragen. In „Die Polizistin und die Todesstille“ ist es die ebenso ästhetisch wie authentisch wirkende breite Palette von Moralisch-vs.-korrupt-Varianten, die besonders zu faszinieren vermag. Jede Figur hat sich bis zum bitteren Ende in dem Beziehungsnetz verfangen, das Becker clever ausgelegt hat. Selbst Debbie Graf, das falsche Biest (zeitgemäßer: diese Bitch), das weder Treue noch Frauensolidarität kennt, hat sich in eine missliche Lage gebracht. Die Bar, die Hotels, die Hinterzimmer der Macht, die Outdoor-Szenen – alles ist visuell passend dunkel und matt gehalten, mit ein paar atmosphärischen Farbinseln. Und wenn man dem Zuschauer eine Information geben sollte, um etwas klarzustellen (z.B. das Verhältnis zwischen Gloria und Yunis), dann baut man flugs eine Rückblende ein, egal, was die Stil-Polizei dazu sagt. Der Tonfall im Detail, die Dialoge sind mal gewohnt lakonisch, mal ironisch, mal Kokain-geschwängert, mal von Junkie-Wahnsinn durchtränkt, mal nah am Klischee („Wenn du mich abzockst, mach‘ ich dich fertig“). Wie gesagt: ein echter Lars Becker.

Für die Besetzung gilt: Becker lässt sich Diversität nicht vorschreiben, er erzählt sie. Und besonders auffallend: Er bekommt sie jetzt wieder alle! Das war bei der „Nachtschicht“ früher auch mal so, man sprach gern von der „Becker-Familie“. Dann gingen einige aus diesem Produktionsclan (allen voran Kida Khodr Ramadan) eigene Wege, der Serien-Hype tat sein Übriges. Jetzt kann der von den Schauspielern geschätzte Autor-Regisseur wieder in die Vollen greifen. Die charismatische Haley Louise Jones konnte er noch rechtzeitig vor den Dreharbeiten der zweiten „Krank Berlin“-Staffel für die Hauptrolle verpflichten, ebenso wie Slavko Popadic, den männlichen Hauptdarsteller der Ausnahme-Medical-Serie. Für jeden Film ein Gewinn ist Carlo Ljubek, der sowohl integer (bald Kommissar im BR-„Tatort“) als auch zwielichtig eine gute Figur macht: In „Die Polizistin und die Todesstille“ nennt man ihn „die Macht der Nacht“. Und auch Almila Bagriacik bricht mit ihrem „Tatort“-Image. Dafür verkörperte Nadeshda Brennicke, die Darstellerin der LKA-Chefin, bislang nur höchst selten eine Hüterin des Gesetzes (1999/2000: „Die Straßen von Berlin“). Sie will den „Saustall“ ausmisten („War die Notwehr geplant?“). Das betrifft auch für die Heldin der Reihe: Ihre intime Beziehung zum Mordopfer („Befangenheit“) und ihre eigenmächtigen Absprachen mit ihrem Kollegen machen auch sie zu einem Fall für die interne Ermittlung. Mehr dazu vielleicht beim nächsten Einsatz von Gloria Acheampong. Thelma Buabeng verkörpert die coole BKA-Ermittlerin trotz ihrer persönlichen Involviertheit in den Fall weiterhin klar, konzentriert, schlagfertig, ohne ausgestelltes Moralempfinden – kurzum: ausgeschlafen. Profi spielt Profi. Hoffentlich bald wieder. Dieses Jahr stand erst mal die vierte Episode der Anwaltsreihe mit Natalia Wörner auf Lars Beckers Drehplan. Und auch eine neue „Nachtschicht“ ist in der ZDF-Pipeline.

Die Polizistin und die TodesstilleFoto: ZDF / Studio Zentral
Eine falsche Schlange: Almila Bagriacik, sonst Kommissarin im Kieler „Tatort“, hat bei Lars Becker die Seiten gewechselt.

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Reihe

ZDF

Mit Thelma Buabeng, Haley Louise Jones, Slavko Popadic, Almila Bagriacik, Marc Benjamin, Nico Holonics, Tobias Oertel, Carlo Ljubek, Nadeshda Brennicke, Vincent Krüger, Teresa Rizos, Alexander Milo, Komi Mizrajim Togbonou

Kamera: Alexander Sachs

Szenenbild: Daniela Herzberg

Kostüm: Matteo Becker

Schnitt: Sanjeev Hathiramani

Musik: Hinrich Dageför, Stefan Wulff

Redaktion: Daniel Blum

Produktionsfirma: Network Movie

Produktion: Lasse Scharpen

Drehbuch: Lars Becker

Regie: Lars Becker

EA: 12.09.2026 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 21.09.2026 20:15 Uhr | ZDF

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