Weil TV-Kommissare rund um die Uhr ihrem Beruf nachgehen, haben sie keine Zeit für ein Privatleben. Romantische Anwandlungen münden meist in eine unglückliche Liaison: Wenn sie sich schon mal verlieben, dann entpuppt sich die Geliebte garantiert als mordverdächtig. Bei den Kolleginnen sieht es kaum besser aus. Auch sie sind solo und haben allenfalls mal eine Affäre mit dem verheirateten Vorgesetzten. Sonja Schwarz ist im vierten Film („Am Abgrund“, 2017) Witwe geworden. Ihre Beziehung mit Riccardo stand ebenfalls unter keinem guten Stern. Jetzt endlich, in der fünfzehnten Episode, winkt ihr ein kleines Glück: Als sie noch in Frankfurt lebte und ihre Ehe kriselte, hatte sie ein Verhältnis mit einem Kollegen, für den sie die große Liebe seines Lebens war. Eines Tages taucht dieser Mike (Hendrik Duryn) aus heiterem Himmel in Südtirol auf, und tatsächlich erlebt das Paar einen Moment reiner Freude; aber selbstredend hat das Drehbuch andere Pläne.
„Vergeltung“ bestätigt einmal mehr die Unberechenbarkeit der „Bozen-Krimis“: Der Film ist mindestens eine Klasse besser als die Episode zuvor, obwohl das Team hinter Kamera exakt das gleiche war; die Bildgestaltung ist deutlich agiler und wirkt zudem hochwertiger. Auch die Schauplätze sind interessanter: Seinen innigsten Moment erlebt das Liebespaar in einer Burg, in die es am späten Abend einbricht. Die Szene ist auf Schloss Sigmundskron bei Bozen gedreht worden, die Innenaufnahmen sind im dortigen Messner Mountain Museum entstanden. Einen großen Unterschied machen auch die Episodenhauptdarsteller: Hendrik Duryn ist eine prima Besetzung für den einstigen Geliebten, aus dessen Verhalten Sonja allerdings nicht schlau wird. Ähnlich reizvoll ist die Gastrolle für Dirk Borchardt als vorgeblicher Journalist, der eine Reportage über das Weingut der Familie schreiben will, aber eine Pistole im Gepäck hat. All’ das bettet Näter, von dem diesmal auch das Drehbuch stammt, in eine gänzlich undurchsichtige Geschichte: In Meran ist ein Mann mit einem Transporter mitten in die Tasche eines Straßencafés gefahren. Weil ein anderer die Gäste rechtzeitig gewarnt hat, gab es zum Glück keine Toten. Beide, der Fahrer wie der Gast, sind jedoch spurlos verschwunden. Sonjas Kollege Jonas (Gabriel Raab) hat zwei Theorien: Entweder war die vermeintliche Amokfahrt eine Warnung an den Wirt, damit er Schutzgeld zahlt, oder die Tat eines religiösen Eiferers, der ein Zeichen setzen wollte. Sonja indes glaubt, dass der Anschlag ein konkretes Ziel hatte.
Natürlich ist die Wahrheit eine ganz andere, und nun kommt Sonjas Vergangenheit ins Spiel. Die Verbindung dieser beiden Ebenen ist Näter gerade im Vergleich zu vielen anderen Filmen der Reihe, in denen die verschiedenen Handlungsstränge eher ungelenk miteinander verknüpft waren, bemerkenswert gut gelungen. Für hintergründige Spannung sorgt nicht zuletzt die Frage, warum sich Mike nach so vielen Jahren an die Liebe zu Sonja erinnert. An seinen Gefühlen besteht kein Zweifel, doch es ist offensichtlich, dass er noch etwas anderes im Schilde führt. Seltsam auch, dass er angeblich erst durch die Sirenen auf das Unglück aufmerksam geworden ist, während die Aufnahmen einer Überwachungskamera belegen, dass er schon vorher am Tatort war. Selbstverständlich läuft die Handlung auf eine finale Konfrontation zwischen Mike und dem zweiten Deutschen hinaus. Den Schluss hätte Näter ruhig noch etwas packender inszenieren können, zumal von der vermeintlichen Amokfahrt zu Beginn aus Gründen des Aufwands oder der Pietät nur berichtet wird. Am Ende muss Sonja ihrem Kollegen Jonas den Fall erklären, das ist ebenso unnötig wie die ständigen Streitereien zwischen den beiden, aber Spannungen innerhalb der Ermittlerteams sind ja ohnehin eine Art Erkennungsmerkmal deutscher TV-Krimis. Davon abgesehen gehört „Vergeltung“ zu den wenigen rundum gelungenen Filmen der Reihe. (Text-Stand: 8.2.2022)