Eine bezaubernde Prinzessin, die allein durch wahre Liebe von ihrem Fluch befreit werden kann, dazu ein Prinz, der unerschrocken dem Bösen trotzt: Die ARD-Märchenreihe „Sechs auf einen Streich“ ist womöglich der letzte Ort, an dem sich ein derartiges Handlungsmuster gänzlich ironiefrei erzählen lässt, zumal die junge Frau auch noch über weite Strecken nicht Subjekt, sondern Objekt der Handlung ist. Samirah Breuer kann sich immerhin damit trösten, in der „Schwanensee“-Adaption den mit Abstand nachhaltigsten Eindruck zu hinterlassen, zumal sie eine besondere Herausforderung zu meistern hatte: Wie im Tschaikowski-Ballett spielt die Hauptdarstellerin eine Doppelrolle als gute Fee und böse Stiefschwester.
Foto: SWR / Patrick Pfeiffer
Die Geschichte beginnt jedoch ganz anders: Prinz Friedrich (Riccardo Campione) soll endlich heiraten. Deshalb will die Königin (Silke Bodenbender) einen Ball veranstalten, bei dem sich wie im Kuppelformat „Der Bachelor“ die zuvor ausgewählten Kandidatinnen einfinden dürfen. Der junge Mann hat allerdings überhaupt keine Lust auf Brautschau und will viel lieber mit seinen beiden Freunden Abenteuer erleben. Also reitet das Trio in den Zauberwald, in dem angeblich immer wieder Menschen verschwinden. Dort gelangen sie an einen malerischen See, auf dem ein Schwan einsam seine Kreise zieht. Friedrich kann die Kumpane gerade noch davon abhalten, mit Steinen nach dem Tier zu werfen. Nach Sonnenuntergang, als die beiden anderen schlafen, verwandelt sich der Schwan in Odette, die ihm ihre Geschichte erzählt. Der Prinz ist entzückt von der jungen Frau und lässt ihr eine Einladung zum Ball da.
Wie in fast allen Märchen ist die faszinierendste Figur natürlich der Schurke, zumal Fritz Karl den sinistren Herrscher des Zauberwalds angemessen finster verkörpert. Witwer Rotbart ist Odettes Stiefvater, er hat sie einst verflucht, aber nun soll ihm das Mädchen mit Hilfe eines perfiden Plans indirekt zur Macht über das Königreich verhelfen: Er klaut die Einladung, verwandelt seine Tochter Odile (Jule Hermann) in eine dank Kostüm und Make-up düstere Kopie Odettes und sieht sich am Ziel seiner Wünsche, als Friedrich der vermeintlichen Geliebten wie erhofft einen Antrag macht. Die echte Odette ist zutiefst enttäuscht: Ihrer Ansicht nach hätte er spüren müssen, dass er reingelegt wird, und damit endet die Geschichte; jedenfalls in ihrer traurigen Variante, in der sich das Liebespaar gemeinsam in die Fluten stürzt. Es gibt zum Glück noch andere Variationen, und selbstredend haben Silja Clemens und Barbara Miersch für ihr Weihnachtsmärchen das Happy End gewählt.
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Regie führte Christian Theede, der in den letzten Jahren diverse und zumeist sehenswerte Beiträge zu Krimireihen wie „Sarah Kohr“, „Das Quartett“ und „Die Toten vom Bodensee“ (alle ZDF) gedreht hat. Ein Ausflug in die Märchenwelt wirkt da auf den ersten Blick eher ungewöhnlich, aber tatsächlich handelt es sich um eine Rückkehr. „Das tapfere Schneiderlein“ (2008), „Der gestiefelte Kater“ (2009), „Allerleirauh“ (2012, ebenfalls mit Fritz Karl), „Vom Fischer und seiner Frau (2013), „Hans im Glück“ (2015): Theede ist ein echter Experte für das Genre. Neu erfunden hat er es allerdings nicht; auch „Schwanensee“, im Rahmen von „Sechs auf einen Streich“ die einzige Neuproduktion des Jahrgangs 2025, ist klassisch und sehr familienfreundlich umgesetzt. Wer die reine Lehre bevorzugt, wird sich daher am modernen Sprachgebrauch der jugendlichen Mitwirkenden stören („wow“), die zudem gern die Konsonanten am Wortende verschlucken. Dass Friedrichs Freund Benno (Chieloka Jairus) nicht nur schwarz, sondern auch schwul ist, passt wiederum ins Gesamtbild moderner Märchenadaptionen. Amüsant sind auch kleine Einfälle wie jener, als Friedrich den Stapel mit den Kandidatinnen durchsieht. Die einen wischt er nach links, die anderen nach rechts: Das wird nicht zufällig an eine Dating-App erinnern; und Odette hält es für eine „bescheuerte Idee“, gleich heiraten zu wollen.
Sehr hörenswert ist zudem die Musik, die an den richtigen Stellen Tschaikowskis bekanntes „Schwanensee“-Motiv integriert. Die Bildgestaltung dürfte ihren Caspar-David-Friedrich-Look der digitalen Bearbeitung verdanken, ist aber sehenswert. Die visuellen Effekte sind ohnehin sehr überzeugend; wenn sich Rotbart wie aus dem Nichts materialisiert, ist das regelmäßig beeindruckend. Einige Szenen wirken darstellerisch etwas übertrieben, aber das wird die Zielgruppe nicht stören, und Samirah Breuer gelingt es vorzüglich, die beiden Facetten ihrer Rolle gänzlich unterschiedlich zu verkörpern.

