Von seinem Haus auf der Höri hat Hannu Salonen einen herrlichen Blick auf den Bodensee. Als überaus gefragter Regisseur kommt er allerdings viel zu selten dazu, die Aussicht zu genießen. In diesem Herbst starten gleich drei Produktionen, bei denen er Regie geführt hat: „Adams Acht“ ist ein Porträt des legendären Rudertrainers Karl Adam, „Kommissar Jennerwein – Hochsaison“ ein Alpen-Krimi, die Disney-Serie „Vienna Game“ eine historische Kostümsatire vor dem Hintergrund des Wiener Kongresses 1814/15. Bei aller Unterschiedlichkeit der jeweiligen Stoffe haben die Arbeiten des gebürtigen Finnen, der 1993 wegen des Filmstudiums nach Deutschland gekommen ist, neben dem zuverlässig ausgezeichneten Handwerk eins gemeinsam: Eine schlichte Genre-Zuordnung wird ihnen nicht gerecht. Deshalb ist „Adams Acht“ auch nicht bloß ein Sportfilm.
Die Handlung beginnt 1947 mit der Entnazifizierung Adams, den Oliver Masucci kantig und gewohnt eindrucksvoll verkörpert. Der Lehrer war NSDAP-Mitglied und an einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt beschäftigt; die „Napola“ waren die Kaderschmieden der Partei. Trotzdem wird er nicht mal als Mitläufer eingestuft: Das Land braucht Lehrkräfte. Einige Jahre später gründet er im schleswig-holsteinischen Ratzeburg einen Ruderclub, weil die vielen vaterlos aufwachsenden jungen Männer ein Ventil für ihre überschüssige Energie brauchen. Beim Deutschen Rudertag in Kiel behauptet er im Wortgefecht mit einem überheblichen Widersacher (Heino Ferch), er könne mit seinen Jungs einen Achter bilden, der 1960 in Rom sogar Chancen auf olympisches Gold habe. Bei den deutschen Meisterschaften kommt sein Team tatsächlich sensationell als erstes ins Ziel, aber bei einem Länderkampf kurz drauf ist es komplett chancenlos.
Foto: Majestic / Wanda Dujour
Ähnlich wie Sönke Wortmanns Film „Das Wunder von Bern“ (2003) ist „Adams Acht“ mehr als ein historisches Drama über den sportlichen Erfolg von Außenseitern: Das Land ist im Aufbruch, die Menschen wollen nach vorn schauen, aber die Vergangenheit ist noch präsent. Die Autoren Domenik Pockberger und Stephan Falk haben sich die eine oder andere künstlerische Freiheit gegönnt, doch gerade bei Adam und seinen bahnbrechenden Ansätzen hält sich das Drehbuch eng an die Realität. Als junger Mann war er Boxer und sogar Studentenweltmeister, von Rudern hatte er keine Ahnung, aber dank seiner Anleihen bei den Trainingsmethoden anderer Sportarten und seiner technischen Verbesserung der Boote wurde er zu einem exzellenten Theoretiker, was ihm den Spitznamen „Ruderprofessor“ einbrachte. Besonders faszinierend fand Salonen Adams Abkehr vom damals üblichen autoritären Stil: Der Trainer wollte keinen blinden Gehorsam, sondern mündige Athleten. Am Ende lässt er seine Jungs sogar die Taktik im olympischen Finale bestimmen.
Foto: Majestic / Ninety Minute Film
Authentisch ist auch die Liebesbeziehung zwischen dem intellektuellen Bugmann Hans Lenk (Felix Kammerer) und seiner ostdeutschen Freundin Ulla (Svenja Jung). Die „Zonengrenze“ führte mitten durch den Ratzeburger See, Ari nimmt regelmäßig die Abkürzung durchs Wasser. Im doppelt spannenden Finale wird Ulla auf diesem Weg in die Freiheit rudern, während ihr Freund zur gleichen Zeit um olympisches Gold kämpft. Dank der Bildgestaltung durch Salonens langjährigen Kameramann Felix Cramer, der kraftvollen Musik von Karim Sebastian Elias sowie einer rasanten Schnittfrequenz sind die sportlichen Szenen ungemein packend. Salonen wollte das Rudern zu einem „physischen Erlebnis“ machen: „Die Zuschauer sollen Schweiß, Rhythmus und Erschöpfung beinahe am eigenen Körper spüren.“
Ebenfalls einem realen Vorbild nachempfunden ist Schlagmann Manfred Rulffs, genannt Gammel (Leonard Kunz). Er repräsentiert die soziale Seite der Geschichte. Der aufbrausende junge Mann stammt aus einfachsten Verhältnissen, was später, als Adam aus dem Achter eine Art Nationalmannschaft formt, zu erheblichen Konflikten führt: Rudern war ein Sport für Reiche, das Team galt als „Lumpenpack“. Gammel ist es auch, der die Botschaft des Films zusammenfasst. Rudern sei ein „Spiegel des Lebens“: Die Stärksten der Gesellschaft hätten die Verantwortung, die Schwächsten mitzuziehen. In diesem Mannschaftsgeist sieht Salonen die eigentliche Kraft des Films. „Nicht der Sieg allein ist entscheidend, sondern der Weg dorthin: die Rückschläge, die Disziplin, der Schmerz und das langsame Entstehen eines echten Teams.“ Auf dieser Ebene zeigt sich auch der aktuelle Bezug von „Adams Acht“: Letztlich sitzen wir jenseits der politischen Differenzen sowie der sozialen und religiösen Unterschiede alle im selben Boot.

