Der Sinn des Lebens, hat Paul einst in der neunten Klasse unter Berufung auf Mahatma Gandhi und Martin Luther King in einem Aufsatz geschrieben, seien „Widerstand gegen Staatsgewalt, Anarchie, Hoffnung“. Das kam in der damaligen DDR nicht besonders gut an; sein Abitur konnte er vergessen. Mit Mitte vierzig definiert er den Sinn des Lebens anders: Es sei „die Freiheit, auszubrechen, wenn man eingesperrt ist.“ Paul träumt davon, auf den Spuren Johann Gottfried Seumes nach Sizilien zu pilgern. „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ ist das bekannteste Werk des sächsischen Reiseschriftstellers, der einst von Grimma aus 6.000 Kilometer Richtung Süden gewandert ist. Pauls Bitte um eine Ausreisegenehmigung wird erwartungsgemäß abgelehnt. Was nun folgt, ist eine mit großer Gelassenheit und viel Empathie erzählte Fluchtgeschichte, auch wenn Paul diese Bezeichnung nicht akzeptieren würde: Er will ja gar nicht fliehen, denn er liebt seine Frau und seine Heimat, und weil er nicht nur stur, sondern auch ein bisschen naiv ist, glaubt er tatsächlich, dass eine Rückkehr in die DDR möglich sei.
Foto: Arte, ZDF / Pandora Film
Paul heißt in Wirklichkeit Klaus Müller, er hat die Ereignisse rund um seine Flucht in dem autobiografischen Buch „Gehen, um zu bleiben: aus der DDR nach Italien – und zurück“ (2014) beschrieben. Friedrich Christian Delius hatte seine Geschichte bereits knapp zwanzig Jahre zuvor geschildert, allerdings in stark fiktionalisierter Form, deshalb nannte er seine Hauptfigur Paul Gompitz. Weil Legenden immer spannender sind als die Wirklichkeit, basiert das Drehbuch von Heide und Andreas R. Kersten (hinter den Pseudonymen verbergen sich Heide und Rainer Schwochow) nicht auf dem Sachbuch von Müller, sondern auf Delius’ Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ (Rowohlt, 1995). Verfilmt wurde es von Lars Jessen, die Hauptrolle spielt Charly Hübner, der auch als Erzähler durch die Handlung führt. Die beiden sind seit vielen Jahren ein bewährtes Team; 2021 haben sie für das Roadmovie „Für immer Sommer 90“ den Grimme-Preis bekommen.
Von heute aus betrachtet, sagt Paul zu Beginn im vorweggenommenen Epilog, „ist das alles schwer zu verstehen“. Jessen zeigt dazu italienische Impressionen in jenem typischen mediterranen Licht, das umgehend Fernweh weckt. Die lange Rückblende beginnt 1982. Paul hätte gern studiert, Literatur, Philosophie oder Geschichte, aber er durfte nicht. Stattdessen ist er Kellner geworden und bedient nun im Lokal eines Ausflugsdampfers auf dem Greifswalder Bodden. Auf einer hinter einem Bild in seiner Wohnung verborgenen Landkarte hat er mit roten Fähnchen die Stationen seiner geplanten Wanderung markiert: „Einmal Italien sehen, erleben, genießen – aber dann wieder zurück in die Heimat.“ Detailliert schildert der Film, wie Paul in siebenjähriger Kleinarbeit seine Flucht vorbereitet. Er eignet sich nautische Kenntnisse an, lernt erst in der Theorie und dann in der Praxis das Segeln, kauft seinem Segellehrer (Thorsten Merten) eine Jolle ab und nutzt schließlich ein Unwetter, um buchstäblich unter dem Radar über die Ostsee nach Dänemark zu fliehen.
Foto: Arte, ZDF / Pandora Film
Im Unterschied zu Delius’ Roman ist Jessens Film nicht zuletzt eine Liebesgeschichte. Dass der Regisseur die weibliche Hauptrolle mit Lina Beckmann besetzt hat, die auch im wahren Leben mit Hübner verheiratet ist, gibt dieser Ebene eine besondere Note. Das vertraute Spiel des Paars hat zur Folge, dass Pauls Dilemma noch intensiver wird: Um Anne nicht zur Mitwisserin und dadurch auch zur Mitschuldigen zu machen, darf er sie nicht in seine Pläne einweihen. Natürlich spürt sie, dass etwas in ihm arbeitet; irgendwann unterstellt sie ihm gar eine Affäre. Trotzdem geben die bis dahin innigen Szenen, die muntere Musik und die italienische Pop-Folklore dem Film eine Leichtigkeit, die ihn erheblich von den sonst zumeist in jeder Hinsicht düsteren Produktionen über die DDR unterscheidet.
Außerdem lassen Jessen und Kameramann Kristian Leschner auch Pauls vorpommersche Heimat in italienischem Flair leuchten. Damit setzt der Film ein frühes Zeichen, dessen tiefere Bedeutung sich allerdings erst im Rückblick erweist. Selbst wenn Paul als Erzähler zunehmend über die Zustände im Land klagt – „Was für ein Staat! Niemandem konnte man trauen. Immer nur einschüchtern, schikanieren, demütigen“ –, so bleibt die Tonalität dennoch fast fröhlich. Das ändert sich im dritten Akt, als die Stimmung melancholisch wird. Paul ist nach einer geschickt durch Ansichtskarten illustrierten Reise am Ziel seiner Wünsche, hat jedoch nicht bedacht, dass jeder Traum auch seinen Preis hat: Was zählt das Glück, wenn man es nicht teilen kann?

