Über 11.300 Menschen haben sich laut Statistischem Bundesamt 2025 in Deutschland das Leben genommen. Die Zahl steigt kontinuierlich. Trotzdem wird das Thema totgeschwiegen, nicht nur im persönlichen Umfeld der Betroffenen: Medien berichten selten über konkrete Fälle, um niemanden zur Nachahmung anzuregen („Werther-Effekt“). In Filmen wird der Komplex Suizid und Sterbehilfe dagegen vergleichsweise oft behandelt, stets mit der gebotenen Sensibilität. Das gilt auch für „Nichts wie weg“, wobei Elke Schuch für ihr von Sophie Averkamp kongenial umgesetztes Drehbuch einen sehr besonderen Zugang gefunden hat. Wenn das Thema heiter aufbereitet wird, dann meist als schwarze Komödie. Die Geschichte der an fortschreitender Demenz leidenden Pianistin und Komponistin, die mit ihrer Musik auch jegliche Lebensfreude verloren hat, kommt zwar ebenfalls ohne Trauerflor aus, aber der Humor ist nicht makaber. „Nichts wie weg“ ist vor allem ein Freundschaftsfilm.
Foto: ZDF / Christine Schroeder
Die Handlung beginnt mit einem Esel: Rosi ist ausgebüxt und wandert nun seelenruhig über eine Landstraße. Luise Dobertin (Ulrike Kriener) lässt sich nur kurz beirren, setzt ihr Vorhaben in die Tat um und rast gegen einen Baum, hat allerdings nicht bedacht, dass ein Airbag ihre Absichten durchkreuzt; sie landet nicht im Jenseits, sondern in einer Hamburger Klinik. Dort bekommt die junge Krankenschwester Anke (Tamara Romera Ginés) Ärger mit einem Esel ganz anderer Art: Ein Patient (Albrecht Ganskopf) macht ihr ein schmieriges Kompliment und greift ihr an den Po. Die reflexhafte Ohrfeige, die sie ihm daraufhin versetzt, wird sie einige Drehbuchumdrehungen später ihre Stelle kosten: Bei dem Mann handelt es sich ausgerechnet um den Gesundheitssenator. Tags darauf ist er aufgrund der falschen Dosierung eines Medikaments tot; und Anke ist angeblich schuld.
Schon die Einführung ist aller potenziellen Dramatik zum Trotz ein großes Vergnügen, und das ist bloß der Auftakt, denn die Handlungsstränge sind ja noch gar nicht miteinander verknüpft: Die am Kopf verletzte Luise verweigert eine eingehende Untersuchung, verlässt das Krankenhaus und durchsucht einen vor der Tür geparkten Rettungswagen nach Tabletten, um ihre Pläne umzusetzen. Just diesen RTW nutzt Anke, um sich aus dem Staub zu machen, und nun sind die beiden Frauen gemeinsam auf der Flucht: die eine vor der Polizei, die andere vor dem Leben. Was sich jetzt entwickelt, ist eine außerordentlich gelungene Kombination von Tiefgang und Frohsinn: Luise hat das Gedächtnis eines Goldfischs, doch ihren Todeswunsch vergisst sie nicht. Die beiden Frauen haben gänzlich unterschiedliche Herkünfte, aber eins gemeinsam: Beide sind verwitwet, und Anke hat mit diesem Verlust noch nicht abgeschlossen, deshalb will sie Luise retten. Sie habe eine Bekannte in der Schweiz, erzählt sie der Älteren, die kenne sich aus mit Sterbehilfe; in Wirklichkeit will sie die Musikerin zu deren Tochter Hannah nach Kiel bringen. Das ist einfacher geplant als getan, und das nicht nur, weil das lange nicht bewegte Auto von Luises Mann an einer Tankstelle den Geist aufgibt: Die beiden klauen kurzerhand einen anderen Wagen, aber nach Anke wird längst gefahndet, was zwischendurch zu einer Verfolgungsjagd führt. Kaum sind sie bei Hannah (Katrin Röver) eingetroffen, taucht auch schon die Polizei auf.
Foto: ZDF / Christine Schroeder
Für weitere launige Momente sorgt ein von Anton von Lucke mit dem nötigen Ernst versehener Kripo-Beamter, der erkennen muss, dass seine Chefin (Idil Üner) mit ihrer Vermutung, es handele sich um eine Geiselnahme, auf dem Holzweg ist. Wie die Frauen dem Polizisten zweimal in letzter Sekunde entwischen, ist ebenso hübsch ausgedacht wie umgesetzt. Über das eigentliche Thema macht sich „Nichts wie weg“ jedoch nie lustig. Luise beschreibt ihre Krankheit, als habe sie ein schwarzes Loch im Kopf, das alles aufsaugt: „meine Erinnerungen, meine Freude, mein Wissen, mein Können; alles, was ich bin.“ Einen ganz erheblichen Anteil an der herausragenden Qualität hat neben Buch und Regie die abwechslungsreiche Musik von Gudrun Lehmann, die zu Beginn die dramatischen Szenen entschärft, später auch mal rockig wird, den „Roadtrip“ mit „Country & Western“-Klängen begleitet und in Luises Haus nur aus Klavierklängen besteht. Gegen Ende fließen dann zwar einige Tränen, und das keineswegs nur im Film, aber rührselig wird es dennoch nicht, zumal das vermeintliche Ende der vorübergehenden Freundschaft bloß ein Anfang ist.
Die Sorgfalt des Drehbuchs offenbart sich nicht zuletzt in den kleinen Fährten, die Schuch zu Beginn legt und sehr viel später wieder aufgreift; die Sorgfalt der Inszenierung zeigt sich in Details wie den zerzausten Frisuren, als ein Güterzug an Anke und Luise Frauen vorbeibraust. Trotz der Meriten von Buch, Regie und Musik und all’ der anderen beteiligten Frauen sind es die beiden famosen Hauptdarstellerinnen, die das Werk krönen. Bei Ulrike Kriener ist das nicht weiter überraschend, und Tamara Romera Ginés, gebürtige Rheinländerin, hat schon den beiden Haudegen Jochen Horst und Ludger Pistor in der „Balko“-Neufauflage „Balko Teneriffa“ (RTL, 2022/23) die Show gestohlen.
Foto: ZDF / Christine Schroeder

