Krimis gibt es wahrlich genug. Auch der Sechsteiler „Das Vergessen – Spurlos im Moor“ ist ein Krimi. Doch diese Serie ist weit mehr. Sie ist auch eine intensive, emotionale Auseinandersetzung mit dem Schreckgespenst Alzheimer. Das Thema wurde schon des Öfteren filmisch behandelt, etwa in „Mein Vater“ (mit Götz George) oder „Die Auslöschung“ (mit Klaus Maria Brandauer). Nur, hier ist die Erkrankte – ähnlich wie zuletzt im „Tatort – König in Gelb“ – kein alter Mensch, sondern eine Frau in der Mitte ihres Lebens: Sie hat einen guten Job, zwei Teenager-Kinder, ist gesellschaftlich eingebunden und steht vor einer besonderen persönlichen Herausforderung.
Foto: ARD Degeto / ORF / Mona Film / Victoria Herbig
Erst wird die 17-jährige Amelie (Fabia Matuschek) nach einem Streit mit ihrer Mutter Caro Scheuer (Martina Ebm) nur vermisst, doch dann wird in einem Moor ein blutverschmierter Turnschuh von ihr gefunden. Während der Ermittlungen in der österreichischen Provinz kann Pia Kraus (Julia Koschitz) bald niemandem mehr vertrauen – nicht einmal sich selbst. Denn bei ihr wird Alzheimer diagnostiziert. Nur ihre Freundin, die Ärztin Anni Rath (Regula Grauwiller), weiß zunächst davon. Pias Gedächtnis lässt immer mehr nach, das macht ihre Arbeit an dem Fall zunehmend schwerer. Ihr ehemaliger Kollege Tarek Moser (Bardo Böhlefeld) übernimmt die Ermittlungen mit einer großen Suchaktion, die tragische Gewissheit bringt. Das ist der Beginn einer dramatischen Kettenreaktion – und weiteren Opfern!
Die Serie „Das Vergessen“ ist ein erneut gelungenes Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen ORF und ARD Degeto, hier der beiden Produktionsfirmen Mona Film (Österreich) und Odeon Fiction (Deutschland). Das Gesicht der Serie ist Julia Koschitz, österreichische, in München lebende Schauspielerin, in beiden Ländern gleichermaßen beliebt und erfolgreich. Ihre Ermittlerin gerät in einen doppelten Wettlauf mit der Zeit: Die eigensinnige Polizeibeamtin sucht den oder die Mörder ihrer Nichte, gleichzeitig muss sie gegen diese verfluchte Krankheit ankämpfen. Über sechs Folgen mit ihren ebenso markanten wie treffenden Titeln („Vermisst“, „Versunken“, „Verborgen“, „Verraten“, „Verschwunden“, „Verloren“) entwickelt sich eine emotional packende, stimmungsvoll inszenierte Serie zwischen Krimi-Thriller und Krankheits-Drama, bei der sich die vermeintliche Wahrheit von Folge zu Folge ein Stück weit ändert.
Foto: ARD Degeto / ORF / Mona Film / Victoria Herbig
Marcel Kawentel, Timo Lombeck, Rebekka Reuber (Buch) und das Regie-Duo Daniel Geronimo Prochaska („Bis in die Seele ist mir kalt“) und Johanna Moder („Ewig Dein“) balancieren gekonnt zwischen stimmiger Figurenpsychologie und Ermittlungsspannung. Sie kommen den Menschen nahe – dem Lehrer, der auf Dating-Seiten unterwegs ist, dem Autohändler mit seinen kriminellen Machenschaften, der Mutter, die ihre Tochter verloren hat, der Familie, die mitansehen muss, dass die starke Mutter immer schwächer wird. Man fiebert als Zuschauer mit, gleichzeitig tappt man genauso im Dunkeln wie die Ermittler, erhält Hinweise, rätselt, fragt sich, was wirklich passiert ist. Man taucht ein in ein Geflecht aus Vertrautheit, Lügen, Abhängigkeiten und Doppelmoral. Die Regisseure setzen die dörfliche Enge, das Vertrautsein der Bewohner, dieses Jeder-kennt-jeden, die Freundschaften und auch das Misstrauen atmosphärisch in Szene.
Foto: ARD Degeto / ORF / Mona Film / Victoria Herbig
Mittendrin ist Pia. Eine Frau, die anrennt gegen die Zeit und ihre schwindenden geistigen Kapazitäten. Ein unglaublicher Konflikt. Langsam lässt ihr Gedächtnis nach. Sie taucht in einem Krankenhaus zur Befragung zweimal hintereinander auf und stellt die gleichen Fragen. Immer öfter macht sie sich Notizen auf unzähligen Zetteln, schreibt sich Fakten auf die Hand. Sie merkt wie sie sich selbst verliert auf ihrer unumstößlichen Mission, auf der sie alles ignoriert, was sie selbst behindern könnte – die Empathie für ihren Mann, sogar für ihre eigenen Kinder. Die Krankheit frisst sich in ihren Kopf, und sie ist machtlos. Ermittlerin, Tante des Opfers, eine unter Gedächtnisverlust Leidende – drei Rollen, eine darstellerische Gratwanderung, großartig von Julia Koschitz gemeistert, gewohnt konzentriert und zurückhaltend von ihr gespielt. Die subjektive Erzählperspektive wird von der Inszenierung noch verstärkt: Verzerrte Töne und wackelnde Bilder deuten an, was in Pias Kopf vor sich geht. Aber auch die herbstlich karge Landschaft, die zunehmende Kälte, das titelgebende Moor, das alles wird sehr sinnlich (Kamera: Adrian Bidron) und mit großem Feingefühl eingefangen (mit Ausnahme der mitunter etwas zu emotionalisierenden Musik) – und passt zum Thema Vergänglichkeit.

