Ina Sedlitz (Jördis Triebel) will ihren Verzicht aufs Erbe erklären und nach dem Notar-Termin schnell wieder verduften. Lieber Urlaub in Bayern statt länger als nötig in Neukirch zu verweilen. Dabei war die Geologin schon seit Jahren nicht mehr in der alten Heimat. Dort, wo zu DDR-Zeiten Braunkohle gefördert und nach der Wende die still gelegte Grube mit Wasser geflutet wurde. Wo ihr umtriebiger Vater Walter (Jörg Schüttauf) das Seehotel führt und als Bürgermeister Verantwortung trägt. Und wo ein lange gehütetes Familiengeheimnis wartet. „Was weiß sie?“, fragt Ina ihren Vater im Auto unvermittelt. Zuerst gibt er sich ahnungslos („Was meinst du?“), aber er hat die Frage schon verstanden: „Nichts“, antwortet er knapp. Mit „sie“ ist Inas Nichte und Walters Enkelin Mara (Lucy Gartner) gemeint, deren Mutter Denise, in den Rückblenden ebenfalls von Lucy Gartner gespielt, seit 20 Jahren verschwunden ist. Zu Beginn sieht man einen Streit der jungen Ina (Nicola-Rabea Langrzik) mit ihrer damals schwangeren, 18-jährigen Schwester Denise, die in der Walpurgisnacht vor 20 Jahren verkündete: „Ich will’s behalten.“ Ina war offenkundig nicht damit einverstanden und stapfte zornig davon.
Foto: ZDF / Steffen Junghans
Das Familiendrama korrespondiert mit der ostdeutschen Landschafts- und Wirtschaftsgeschichte, die von enormen Umbrüchen geprägt ist, zum Beispiel vom Aus für den Braunkohle-Abbau. Die Regie der Österreicherin Esther Rauch („Ohne jede Spur – Der Fall Nathalie B.“, „Bauchgefühl“) überrascht angenehm mit einer klischeefreien, den Osten nicht als abgehängtes Elendsgebiet inszenierenden Darstellung. Im Gegenteil: Die Kamera von Mario Minichmayr liefert sinnliche, teils schwelgerische Bilder von Natur und Umwelt. Sie dienen nicht nur der erbaulichen Illustration, sondern erzählen auch vom Gewinn, den die Menschen von einer intakten Umwelt haben. Gleichzeitig erweist sich die Idylle als brüchig. Der Eisengehalt im See ist zu hoch, weil der Wasserstand zu niedrig ist, was wiederum dazu führt, dass die Ufer instabil werden. Manche Abschnitte des Sees wurden bereits zu Sperrgebieten erklärt. Neben der offenen Frage um das Schicksal der verschwundenen Denise treibt der Dauer-Clinch zwischen Geologin Ina und ihrem Vater, der aus Sorge um Tourismus-Einnahmen alle Warnsignale in den Wind schlägt, die Handlung voran. Es gibt zwar dezente Anklänge an Öko- und Mystery-Thriller, aber „Neues Land“ bleibt in erster Linie ein Familien- und Heimatdrama. Bei der Besetzung wurde auf ostdeutsche Authentizität geachtet, wobei der wie Jördis Triebel und Ronald Zehrfeld in der DDR aufgewachsene Jörg Schüttauf auf den Typus Ost-Bürgermeister („Wolfswinkel“, „Der Fall Marianne Voss“) abonniert zu sein scheint.
Foto: ZDF / Steffen Junghans
Der Film knüpft zudem an reale Ereignisse an, etwa an den Erdrutsch am Concordiasee im Juli 2009 in Sachsen-Anhalt, als zwei Wohnhäuser in den See eines gefluteten Tagebaus gerissen wurden. Vom Klimawandel ist nicht ausdrücklich die Rede, aber Inas Diagnose ist eigentlich unmissverständlich: „Wenn wir nichts tun und wegschauen, dann überleben wir das garantiert nicht“, sagt die Geologin zu ihrem Vater, gemünzt auf die Zukunft des Ortes, der sich nun dem Tourismus verschrieben hat. Der Konflikt zwischen der Wissenschaftlerin („Das sind Fakten!“) und dem Bürgermeister, der nach Wende und Kohle-Aus noch einen weiteren, ökologisch verursachten Umbruch („Jetzt kommst auch noch du und nimmst uns den See“) zu meistern hat, trifft den Zeitgeist. Ansonsten wird die Rolle von Politik und Wirtschaft nur knapp und mit einem leicht populistischen Touch skizziert. Im Hintergrund übt „der Kohle-Konzern“ noch Einfluss aus. Und für die (Landes-)Politik steht die Figur von Staatssekretär Frank Schuter (Thomas Dehler), den Bürgermeister Sedlitz als „einer von uns“ preist, der aber am Ende lieber „den Schröder macht“, sich also von dem Kohlekonzern als Lobbyist in Brüssel anwerben lässt. Die gängige Kritik an den abgehobenen Eliten also: etwas holzschnittartig, aber auch nicht völlig aus der Luft gegriffen.
Sehenswert ist jedenfalls das Zusammenspiel des prominenten Ensembles um Jördis Triebel, die die facettenreiche Hauptrolle überzeugend und souverän spielt: Ina wirkt mürrisch, verschlossen, doch der Vergangenheit kann sie sich in der alten Heimat letztlich nicht verschließen. Die Erinnerungen, die Regisseurin Rauch mit kurzen Flashbacks einstreut, rufen das Verdrängte ins Bewusstsein. Auch die Begegnung mit Maras Vater Tom (Ronald Zehrfeld), der das Geheimnis von Denise‘ Verschwinden ebenfalls 20 Jahre gehütet hat, weckt bei Ina alte Gefühle. Und dann ist da die aufgeschlossene, sympathische Mara, die ihrer Mutter Denise so sehr ähnelt: Sie soll das Seehotel in die Zukunft führen und überredet Ina gegen den Willen ihres Großvaters, zu bleiben und ein Gutachten über den Zustand des Sees zu schreiben. Bei der Entnahme von Proben freunden sich die beiden Frauen an. Außerdem wird das Schicksal der Schwestern in der Liebesgeschichte zwischen Mara und der flatterhaften Sonny (Naemi Florez) gespiegelt. Auch die Feier in der Walpurgisnacht spielt wieder eine entscheidende Rolle. Eine vielleicht etwas schematische, aber wirkungsvolle Drehbuch-Idee: Es scheint so, als würde sich die Vergangenheit wiederholen.

