Die Sternen-Vergabe im Einzelnen: „Ein Meisterstück“ bekommt von Gangloff drei Sterne, „Auf Augenhöhe“ 3,5 Sterne.
„Sie haben nicht so performt wie sonst“, kritisieren Experten, wenn Bayern München im Heimspiel ausnahmsweise mal keine fünf Tore geschossen hat. In gewisser Weise ist auch ein Sportplatz eine Bühne, daher passt das eingedeutschte Verb sogar, aber im eigentlichen Sinn geht es bei einer „Performance“ um eine Aufführung. Vor der Kamera sollen die Mitwirkenden dagegen ausdrücklich nicht „performen“, denn Filme und Serien wollen ja die Illusion von Wirklichkeit vermitteln. Eine gute Regie wird die Ensemblemitglieder daher eher bremsen, damit sie nicht „überperformen“. Was dabei herauskommt, wenn das nicht passiert, zeigt die vierte Episode der ARD-Reihe „Kanzlei Liebling Kreuzberg“: In viel zu vielen Szenen garnieren die Darstellerinnen ihre Darbietungen mit einem Schleifchen.
Gabriela Maria Schmeide zum Beispiel ergänzt ihre Sätze einige Male mit der mimischen Umsetzung des englischen „Tongue in cheek“; die Zunge in der Wange soll eine Aussage ironisieren. Die jüngeren Kolleginnen unterstreichen ihre Aussagen, indem sie die Augen verdrehen. Abgesehen davon wird entschieden zu oft gelächelt, auch wenn’s die jeweilige Situation gar nicht hergibt. All das ist angesichts der Regie-Erfahrung von Christoph Schnee durchaus erstaunlich, einerseits; andererseits gehört zu seinen Meriten neben vielfach ausgezeichneten Serien wie „Berlin, Berlin“ (ARD), „Der Lehrer“ (RTL) und „Danni Lowinski“ (Sat.1) auch der Comedy-Klamauk „Alles Atze“ (RTL).
Foto: ARD Degeto / Oliver Feist
Schmeide wirkt nicht nur dank entsprechender Blazer diesmal noch merkeliger als in den bisherigen Filmen; Schnee hat für RTL auch den Auftakt zur komischen Krimireihe mit der dort allerdings von Katharina Thalbach verkörperten Altkanzlerin als Hobbydetektivin gedreht („Miss Merkel – Mord im Schloss“, 2023). Dass gerade der erste seiner beiden „Kanzlei Liebling Kreuzberg“-Filme insgesamt recht betulich wirkt, liegt jedoch nicht nur an den Darbietungen. Die Handlung trägt sich größtenteils in den Räumen der Kanzlei zu, was wohl zuvorderst eine Frage von Konzept und Budget ist. Für Abwechslung sorgen in erster Linie Ausflüge ins Café von Mai (Nhung Hong), der besten Freundin von Liebling-Enkelin Lisa (Luise von Finckh), und wo andernorts Kameraflüge über Landschaften als Zwischenspiel dienen, saust Lisa hier mit ihrem Rad durchs herbstliche Kreuzberg. Die unaufgeregt im Hintergrund vor sich hin plätschernde Musik passt ebenso ins Gesamtbild wie der in Produktionen dieser Art unvermeidliche Schmusepop.
Immerhin sind die Fälle, mit denen sich die beiden Anwältinnen befassen, reizvoll, auch wenn Sabine Leipert ihr Drehbuch zu „Ein Meisterstück“ rund um Merksätze wie „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ oder „Freundschaft ist keine Einbahnstraße“ verfasst hat. Der zwölfjährige Luca bittet Talia Jahnke (Schmeide) um Hilfe: Seine Mutter hat unverschuldet einen Unfall verursacht, als sich mit lautem Knall der Airbag entfaltet hat. Natürlich kann nicht bewiesen werden, dass erst dieser Vorfall zum Unfall geführt hat. Deshalb möchte die erfahrene Juristin das Mandat nicht annehmen, aber weil ihr Lucas’ Hartnäckigkeit imponiert, geht sie der Sache trotzdem nach. Lisa legt sich derweil mit einem Bekannten ihres Opas an: Bäcker Seidel (Uwe Preuss) hat Ärger mit seinem Azubi (Crispin Hausmann), der sich ausgebeutet fühlt, weil ein von ihm kreiertes Gebäck für spürbare Umsatzsteigerungen gesorgt hat, doch statt Gewinnbeteiligung gibt’s eine fristlose Kündigung. Die juristischen Details sind interessant und zum Teil sogar lehrreich, doch das Konzept ist ähnlich schematisch wie die Umsetzung. Wann immer sich Lisa und Talia begegnen, liegt Spannung in der Luft, weil die Prinzipien der beiden Frauen allzu unterschiedlich sind: Die jüngere ist eine Kümmerin, die ältere achtet darauf, dass die Kanzlei auch wirtschaftlich gut dasteht.
Foto: ARD Degeto / Britta Krehl
Kiez statt Kohle – „Auf Augenhöhe“
Die zweite Episode ist in nahezu jeder Hinsicht besser. „Auf Augenhöhe“ kommt weitgehend ohne schauspielerischen Firlefanz aus, dabei hat Schnee auch hier Regie geführt; die Filme sind zudem zur gleichen Zeit entstanden. Diesmal muss sich Lisa Liebling einer ungewohnten Herausforderung stellen. Wirtschaftsmandate fallen eigentlich in Talias Zuständigkeit, aber ein Hexenschuss zwingt die Partnerin aufs Lager: Ein Elektriker aus Aachen hat das Haus seiner Großmutter geerbt und will die Altmieter loswerden. Was nach einem typischen Fall von Gentrifizierung klingt, lässt sich sachlich begründen: Das Dach ist undicht und muss dringend repariert werden. Deshalb möchte Bernd Schulze (Tom Keune) das Erdgeschoss entmieten, anschließend sanieren und dann für deutlich höhere Einnahmen an zwei potente Gewerbebetriebe vermieten. Friseur Nadim Demir (Vedat Erincin) betreibt seinen Laden seit dreißig Jahren, hat schon Lisas Opa die Haare geschnitten und ist empört, dass ihn ausgerechnet dessen Enkelin vor die Tür setzen will. Die Nachbarschaft solidarisiert sich und skandiert „Kiez statt Kohle“.
Léonie-Claire Breinersdorfer hat gemeinsam mit ihrem vielfach ausgezeichneten Vater Fred unter anderem das Drehbuch zum Georg-Elser-Film „Elser – Er hätte die Welt verändert“ (2015) geschrieben und wie ihre Eltern Jura studiert. Das wird gerade im zweiten Fall, den Lisa ihrem Kollegen Cem (Emre Aksızoğlu) überlässt, deutlich: Eine Aktivistin (Meriel Hinsching), die weggeworfene Lebensmittel an Bedürftige verteilt, ist von einem Supermarktbesitzer (Boris Aljinović) wegen schweren Diebstahls angezeigt worden. Wie sich schließlich herausstellt, ist die Sachlage jedoch deutlich komplizierter. Darstellerisch ist „Auf Augenhöhe“ ungleich fokussierter und dank der diversen Ortstermine auch optisch abwechslungsreicher als der erste Film. Außerdem ergänzt das Drehbuch den anwaltlichen Austausch um eine reizvolle emotionale Ebene: Als Cem und Lisa spätabends überprüfen, ob die Supermarktcontainer in irgendeiner Form gesichert sind, kommt es zu einem Kuss, der der jungen Juristin fortan nicht mehr aus dem Kopf geht. Zumindest in dieser Hinsicht ist sie sich jedoch mit Talia einig: Privat- und Berufsleben sollten nicht miteinander vermischt werden.
Foto: ARD Degeto / Britta Krehl
