20 Jahre Hofgemeinschaft – für Inga (Anna Schudt) und Bodo (Hans Löw) ist es ein Grund zum Feiern. Das andere Paar der Gemeinschaft kann das Fest mit Freunden und Familie weniger genießen. Denn Sophie (Julia Koschitz) und Thies (Mark Waschke) haben mal wieder Riesenprobleme mit ihrem zwölfjährigen Sohn Aaron (Sammy Schrein). Dem droht ein Schulverweis, nachdem er einen Klassenkameraden die Treppe runtergestoßen hat. Und jetzt ist er auch noch seit Stunden überfällig. Das sei typisch für den Jungen, der vor allem auch Bodos und Ingas Kinder, die Teenager Jella (Cäcilia Kirchner) und Lasse (Jona Levin Nicolai), zunehmend nervt mit seinen Problemkind-Allüren. Auch Inga, an der immer die meiste Arbeit hängenbleibt, kann bald nicht mehr: „Aaron schafft es wirklich jedes Mal, alles kaputtzumachen.“ Weil der Junge nicht auftaucht, machen sich bald alle Erwachsenen auf die Suche. Ein Unwetter erschwert die Lage. Die Nerven liegen blank. Die Polizei wird eingeschaltet. Am nächsten Tag geht eine Vermisstenmeldung raus. Ein Turnschuh von Aaron wird am Elbufer gefunden. Ist er ertrunken? Opfer eines Verbrechens geworden? Ausgerissen ist er öfter mal, aber nie so lange. Ist außer des Schulverweises noch etwas anderes vorgefallen? Nach und nach geben die Kinder und Aarons Vater zu, dass sie mehr wissen, als sie bisher gesagt haben. Mögliche Gründe für das Verschwinden des Jungen zeichnen sich ab. Nur, wo ist er?
Foto: ZDF / Andrea Kueppers
„Das verschwundene Kind“ macht von Beginn an deutlich, dass aus dem Motiv des vermissten Jungen kein Kriminalfall wird. Drehbuchautorin Silke Zertz, Regisseurin Sabine Bernardi und Produzentin Heike Wiehle-Timm geht es vielmehr um das Drama, das die Geschichte birgt: um die Hofgemeinschaft, die mit Idealen angetreten ist, einige ihrer Träume verwirklichen konnte, aber an einer familiären Lebenslüge zu scheitern droht. Das Konzept, jenseits der Kleinfamilie das Glück zu suchen, wird dabei keineswegs desavouiert, es werden im Laufe der Handlung allenfalls Fehler im jahrelangen Beziehungsablauf festgestellt. Die Idee mag gut sein, der Mensch aber ist fehlerhaft. Die Krisensituation lässt die Spannungen eskalieren. Die Vorwürfe, die sich die Erwachsenen machen (Karriere statt Kinderbetreuung, gegenseitiges Aufrechnen), klingen ähnlich wie die Schuldzuweisungen in einem klassischen Ehestreit. Nur gibt es in diesem Fernsehfilm vier verschiedene Positionen, die das Problemfeld noch komplexer machen. Außerdem kommen die Kinder hinzu, die das Beziehungsnetz noch stärker unter Spannung setzen. Vor allem Jella, die Musikerin werden will, fühlt sich zunehmend von Aaron ausgebremst. Und dass seine Eltern ihn als ihren „Bruder“ bezeichnen, diese „Ideologie“ macht sie wütend. Und da ist sie nicht die Einzige: Bei aller Harmoniesuche scheint Wut die Emotion zu sein, die in den meisten am Hof still köchelt oder explosiv kocht. Aaron ist der Jüngste, hat es noch nicht so mit kultivierter Emotionssteuerung: Er schreit seine Wut heraus, reagiert aggressiv, sorgt für Chaos in der Welt der Erwachsenen.
Foto: ZDF / Andrea Kueppers
Von diesen kleinen und größeren Katastrophen erzählt „Das verschwundene Kind“ zunächst aus der Perspektive derer, die den Jungen (mehr oder weniger) lieben, aber die seit Jahren unter ihm leiden. Die Tiefe dieser Gefühle, die Schwere des Schmerzes, wird mit der Offenbarung der Lebenslüge der vier Freunde für den Zuschauer noch verständlicher, die Verzweiflung, die bei einem der Vier sogar panische Trennungsgelüste auslöst, nachvollziehbarer. Die belogenen Kinder dagegen sind fürs Erste geschockt. Bis dahin ist allein Aaron das „Problemkind“. Rückblenden in Form subjektiver Erinnerungsflashs bestätigen das Bild vom „schwierigen Kind“. Dramaturgisch clever wird die unmittelbare Vorgeschichte, der Vorfall in der Schule, in beiläufigen Bemerkungen angedeutet. „Und wie läuft’s sonst so?“, fragen die Freunde vorsichtig. Gemeint ist natürlich das Sorgenkind. Es ist sehr überzeugend, wie in eine Alltagssituation mit Interaktionen aus dem Leben das Drama eingewoben wird. Ohne übermäßig viel Dialog erfährt man viel über die Anwesenden und den abwesenden (renitenten) Jungen. Erste Spannungen zwischen allen Bewohnern der Hofgemeinschaft werden spürbar. In der Mitte des Films gibt es plötzlich die ersten Zweifel an dem Bild eines Kindes, das immer nur Unheil anrichtet. „Ein guter Junge“, sagt ein Ornithologe, mit dem sich Aaron offenbar angefreundet hat. Er sei „jemand, der hinsieht, der sich die Dinge genau anschaut, auch wenn es manchmal zum Verzweifeln ist“. Sein Vater traut seinen Ohren nicht, hatte er ihm doch tags zuvor noch mit der „Klapse“ gedroht. Seine Mutter ist mittlerweile auch nachdenklicher geworden: „Ich habe viel falsch gemacht“, erkennt sie. Und was sei überhaupt „ein schwieriges Kind“? Wird man als solches geboren? Oder hat Aaron immer schon etwas gespürt von dem Unausgesprochenen in der nach außen hin so perfekten Gemeinschaft? Bei einem introvertierten Jungen, „der hinsieht“, ist dies durchaus anzunehmen.
„Das verschwundene Kind“ ist ein Film über Familie und Freundschaft, der im Detail zahlreiche Formen der Kommunikation, Momente der Interaktion, durchspielt: die leisen, die lauten, die liebevollen, die wütenden, die wahren, die halbwahren, ja, sogar die, die jenseits des Bewussten liegen. Die vier Erwachsenen haben sich einst für die beste Lösung eines Problems entschieden – und damit womöglich andere Probleme geschaffen, jenseits der Vernunft. Aber auch mit dem Zuschauer kommunizieren Zertz und Bernardi geradezu vorbildlich. Neben der Dramaturgie ist auch die Inszenierung von allererster Güte: der Mensch in der Landschaft, die Elbauen mit ihrem von oben betrachtet geradezu surrealen Flussdelta, der Wald (bei Nacht), das Wetter – lange hat man nicht solche stimmig-stimmungsvollen, sinnig-sinnlichen TV-Bilder gesehen, die das Drama nicht bloß ästhetisch doppeln. Der Realismus der Geschichte durchwirkt alle Ebenen: die Lichtsetzung, die Sprache, das Spiel. Hinzu kommt eine ebenso prominente wie perfekte Besetzung für alle vier Hauptrollen. Bei einem Nicht-Krimi ist das umso wichtiger. Realismus dominiert auch am Ende. Blicke dominieren, Stille, Nachdenklichkeit, am Tisch im Hof versammeln sich fast alle. Die Entscheidungen über ihr künftiges Leben müssen die Vier selbst treffen. Welche? Darüber kann jeder Zuschauer für sich spekulieren. Und Aaron? Der gewinnt – jetzt nicht mehr allein – ein Stückchen Freiheit.
Foto: ZDF / Andrea Kueppers

