Familie kann was Wunderbares sein. Kann. Bei den Grubers hat sich nach dem „verhängnisvollen“ Schuss von Tobi (Noah L. Perktold) bei seinem ersten eigenverantwortlichen Einsatz die Lage wieder entspannt. Die Heimkehr von Nesthäkchen Anna (Allegra Tinnefeld) nach ihrer einjährigen Weltreise verbessert die Stimmung im Dreigenerationenhaus deutlich. Bei anderen Familien ist der Frieden hingegen mächtig gestört oder wird von einer Tragödie überschattet. So ist Annas beste Freundin Clara vor vier Monaten tödlich verunglückt – und deren Vater Peter Koydl (Martin Leutgeb) ist seither völlig neben der Spur. Selbst beim „Tiroler des Jahres“, dem Immobilien-Tycoon Benedikt Renner (Cornelius Obonya), geht ein Riss durch die Familie. Seine Tochter Emily (Julia Novohradsky) scheint ihn und seine Geschäfte regelrecht zu verachten. „Wir sind die Maskottchen eines Karrieristen“, schimpft sie gerade noch; wenig später wird sie entführt. Jetzt kommt Fanny Gruber (Ursula Strauss) ins Spiel. Eine Kommissarin, die sich nicht gern etwas Sagen lässt, und ein gnadenlos erfolgreicher Geschäftsmann – das kann nicht lange gutgehen. Sie spürt, dass er ihr etwas verheimlicht, und er fühlt sich von ihr in die Enge getrieben. Dabei reicht es ihm schon, was die Erpresser von ihm fordern: eine Million Euro, das Lösegeld hält sich im Rahmen, aber die inoffiziellen Unterlagen, die er mitliefern soll, könnten ihm seine lukrativen Geschäfte verhageln.
Foto: ARD Degeto / ORF / Nikolett Kustos
In der zweiten Episode der deutsch-österreichischen Krimi-Drama-Reihe „Tiroler Blut“ stockt Autor Christian Jeltsch das Familienmotiv weiter auf: Neben den drei Generationen bei den Grubers, sind es nun auch drei Familien, die in die komplexe Handlung gleichermaßen emotional verstrickt sind; zwei davon balancieren dem Titel gemäß 90 Minuten lang „am Abgrund“. In der ersten Hälfte entwickelt sich der Entführungsfall zu einem Duell zwischen Fanny Gruber und Benedikt Renner. Da ist viel gegenseitige Antipathie zu spüren. Sie hat Typen wie ihn gefressen. Ihre Ahnung, dass er ihr etwas verschweigt, wird für den Zuschauer früh zur Gewissheit. Und der weiß noch mehr, kennt er doch die „Unfall“-Situation von Clara Koydl: Unten feiert Renner angeheitert in großem Stil sein Firmenjubiläum, und oben fotografiert die junge Frau offenbar ebenso geheime wie brisante Firmendokumente. Sie wird überrascht, in die Enge getrieben und stürzt vom Balkon. Dass sie geschubst wird, ist anzunehmen, eindeutig zu sehen ist es nicht. Allerdings filmt Clara den Vorgang, was für die Auflösung des Falls von Nutzen sein könnte. Die Sympathien sind also klar verteilt: hier die toughe Kommissarin, die sich nicht einschüchtern lässt, dort der Immobilienmanager, den Cornelius Obonya, zunächst mit der Arroganz eines Allmächtigen verkörpert und später mit der Angst, existenziell am Abgrund zu stehen. Vom Großkotz zum Innsbrucker Würschtl also – sowas sieht man gern. Obwohl man von Anfang an einiges weiß, sich noch mehr zusammenreimen kann, bleibt dennoch die spannende Frage, WIE genau die tragischen Ereignisse in den Familien miteinander korrespondieren. Bis dahin kommen weitere Verdachtsmomente ins Spiel. Könnte gar die Entführte etwas mit ihrer eigenen Entführung zu tun haben?
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Mehr noch als bei der Auftaktepisode trägt die Klasse von Ursula Strauss mit dazu bei, dass selbst ein vom Krimi-Overkill genervter Kritiker dem verbrecherischen Treiben mit großer Freude folgen kann. Die lustvolle Art und Weise, wie sie der Hinterfotzigkeit ihrer Kommissarin Ausdruck verleiht, ist immer wieder Quelle der Heiterkeit und macht besonders Spaß, wenn sich das Gegenüber nicht mit Moral bekleckert. Ihre Opfer Columbo-like scheinbar vom Haken zu lassen, um danach umso lustvoller zuzustechen, scheint Grubers Masche zu sein. Dass Strauss in Obonya einen würdigen Gegner bekommt, macht „Am Abgrund“ noch eine Spur packender und kurzweiliger als „Der erste Schuss“. Dieser Renner ist für sie ein Kotzbrocken, der Fall komplizierter als der letzte: Er fordert von ihr absolute Konzentration. Die Nervosität ist groß, sie kann nicht sitzen, tigert herum – und in Strauss‘ Gesicht ist jede Faser, jede Muskelpartie angespannt. Ihr Spiel legt sich wie schon in der österreichischen Erfolgsserie „Schnell ermittelt“ (seit 2009) über jede Krimi-Routine, als wolle es einem sagen: Trotz aller Handlungsdichte und Spannung bleibt der Mensch immer das Herzstück!
„Am Abgrund“ ist weder klassischer Ermittlerkrimi noch handelsüblicher Entführungsthriller. Schon gar nicht geht es um das Mitleiden mit den Eltern der entführten jungen Frau, auch das Mitfiebern bei einer geplanten Geldübergabe in Gottes schöner Natur hält sich in Grenzen. Allerdings ist das Ganze durch den Einsatz einer Polizeidrohne optisch durchaus faszinierend in Szene gesetzt und mit einigen schön absurden Bildern garniert. Dies und die Lösegeldforderung von nur einer Million Euro lässt darauf schließen, dass hier keine Profis am Werk sind. Es dauert fast eine Filmstunde, bis sich die Entführer dem Zuschauer zeigen. Von da an nimmt die Geschichte zahlreiche (nachvollziehbare) Wendungen. Auf der Zielgeraden geht es geradezu drunter und drüber, bis man am Ende – wie zu Beginn – an einem Abgrund angekommen ist. Ein Krimi-Drama wie dieses mit seinen Familien-Spiegelungen und narrativen Verästelungen bedeutet immer auch reichlich Konstruktionsarbeit. Der Geschichte sieht man das nicht an, nicht zuletzt dank der schlüssig-flüssigen Montage. Die Dramaturgie wirkt trotz vielfältiger Interdependenzen rund, die Inszenierung und die Kameraarbeit sind wie schon bei „Der letzte Schuss“ solide, ganz dem Krimidrama-Sujet angemessen, also Figuren-orientiert und filmästhetisch eher unauffällig. Und am Ende auch dasselbe Schlussbild, diese Postkartenansicht vom Dreigenerationenhaus der Grubers mit dem gigantischen Bergpanorama im Hintergrund, für welches abermals gilt: der pure Kitsch, ein deutlicher Kontrast zu den vorangegangenen 88 Minuten. Als ob die Macher die Zuschauer daran erinnern wollten: So hätten wir das die ganze Zeit erzählen können, so haben wir es aber ganz bewusst nicht gemacht!
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