Wer ist da in ihrer Wohnung? Sarah Frankfurter (Marie-Lou Sellem) ist in heller Aufregung. Nur gut, dass sie Polizistin ist und den mutmaßlichen Einbrecher fachmännisch niederstreckt. „Erinnerst du dich an gestern Abend?“, fragt der junge Mann. Sie hat offensichtlich keinen Schimmer davon, dass sie ihr Scheidung-Einjähriges mit jeder Menge Alkohol gefeiert und mit einem One-Night-Stand beendet hat. Im Büro wartet die nächste Überraschung: Kollegin Milli (Leona Grundig) fällt für den Außendienst aus. Wenigstens ist für Ersatz gesorgt. Der wartet schon am Main mit einer Wasserleiche. Diese bereitet der verkaterten Kommissarin deutlich weniger Übelkeit als ihr neuer Kollege – denn es ist dieser feixende Jungspund von letzter Nacht: Jakob Loose (Johannes Hegemann), Polizei-Quereinsteiger, gerade fertig mit der Ausbildung, erster Job. Er ist erfreut, Sarah bedient. Doch mit der Zeit macht Jakob seine Sache gut. Und der Fall ist kompliziert. Bei der Toten handelt es sich um eine Anwältin, die sich für die Lockerung des Embryonenschutzgesetzes starkgemacht hat, auch aus persönlichen Gründen: Sie und ihr Mann (Franz Hartwig) haben jahrelang versucht, ein Kind zu bekommen. Darunter litt die Ehe, es soll sogar einen Vorfall von häuslicher Gewalt gegeben haben. Die befreundete Nachbarin (Isabell Polak) entkräftet den Vorwurf, weiß allerdings von einer Affäre der Toten. Weitere Spuren führen ins Netz: Für ihr Engagement in Sachen Legalisierung von Eizellenspenden ist das Opfer heftig angefeindet worden, einer (Peter Schneider) war besonders wütend.
Foto: ZDF / Daniel Dornhöfer
Wirkt der Einstieg in die neue ZDF-Reihe „Frankfurt Mord“ auf den ersten Blick etwas bemüht und scheint das daraus resultierende Spannungsverhältnis zwischen dem Frischling und der erfahrenen, älteren Kollegin allzu deutlich der Überlegung entsprungen zu sein, „Was hatten wir so noch nicht, was könnten wir mal erzählen“, so gewinnt diese Konstellation auf Strecke mehr und mehr an Reiz. Dass Jakob seine Chefin gern näher kennenlernen würde, Sarah ihn dagegen so schnell wie möglich loswerden möchte, gibt auch den kriminalistischen Interaktionen der beiden einen augenzwinkernden Mehrwert. Hinzu kommt neben dem ständigen Spagat zwischen Professionalität und gegenseitiger Anziehung die Aufgabe einer doppelten Vertuschung: Nicht nur der One-Night-Stand sollte nicht auffliegen, sondern auch die Notlüge vor Kollegin Millie, Jakob sei Sarahs Neffe. Dass sich der anfängliche Eindruck einer dramaturgischen Krücke nicht verfestigt, ist vor allem auch ein Verdienst der Schauspieler. Beide lassen ihre Charaktere nicht aus der Rolle fallen und somit nie ihren Beziehungsclinch den Fall negativ beeinflussen. Zwar spricht Marie-Lou Sellem als Chefin unter vier Augen gelegentlich ein paar deutliche Worte, was ihre Zukunft als Paar angeht („Wir kennen uns nicht!“), ansonsten aber nimmt sie den amourösen Konflikt am Arbeitsplatz mit Blicken und kleinen Gesten beiläufig in ihr Spiel auf, während Johannes Hegemann auf das sonnige Gemüt baut, das seinem Jakob ins Drehbuch geschrieben wurde, und im Notfall (fast) immer ein Lächeln parat hält. Er ist allerdings erfreulicherweise kein People-Pleaser. Als beispielsweise Sarah versucht, ihn zu einer Zusatzausbildung wegzuloben, findet er das gar nicht witzig.
Die Basis für eine neue Krimi-Reihe, ihre Charaktere und deren Beziehungen, ist also vielversprechend. Darüber hinaus ist Sarah Frankfurter eine deutsche Jüdin. Das gibt ihr eine ethisch-soziale Erdung und ermöglicht auch Einblicke in die vielfältige jüdische Kultur. Zwar lebt sie ihre Religion nicht aktiv wie ihre Tochter Rakhel (Victoria Nikolaevskaja), eine progressive Rabbinerin, die vor ihrem ersten Neujahresgottesdienst steht, fühlt sich aber offensichtlich ihrer jüdischen Gemeinde verbunden. Trotzdem mag sie dieser besonderen Premiere nicht beiwohnen, da sie ihrem Ex (Wolfram Koch in einer Gastrolle) nicht begegnen möchte und noch weniger, die mitleidigen Blicke erträgt: Sarah hat in 25 Jahren Ehe nicht erkannt, dass ihr Mann schwul ist. Sie empfindet das als Schmach, ausgerechnet sie, die Kommissarin. Auch dieses psycho-emotionale Manko gibt diesem Charakter Stoff- und Spielmöglichkeiten für die Zukunft.
Foto: ZDF / Daniel Dornhöfer
Weniger gelungen ist in „Ein neues Leben“ der dramaturgische Umgang mit dem Themenkomplex Kinderwunsch vs. Embryonenschutzgesetz. Seit Jahren beißen sich Autor:innen die Zähne daran aus, Themen formal unterschwellig und zugleich emotional nachhaltig mit den Anforderungen des Genres Krimi und dem Spannungsbedürfnis des Zuschauers kurzzuschließen und dabei Proseminar-Duktus und unrealistische Erklär-Dialoge zu vermeiden. Elena Lyubarskaya, Tanja Bubbel und Nils Willbrandt gelingt dies nur bedingt. Die spontan vorgetragenen Spekulationen zum Fall lassen sich noch der Jugend und dem Naturell der beiden Thirtysomethings zuschreiben, wären sie nicht überdeutlich an den Zuschauer gerichtet. Besonders Milli fasst immer noch mal gern die Fakten zusammen. Während sich das eher in der recht flotten Dynamik der Dreier-Kommunikationen versendet, wiegen die Themen-Dialoge schwerer. So muss die Millennial-Frohnatur auch auf den historischen, spezifisch deutschen Diskurs zum Thema Reproduktionsmedizin („eine besondere Geschichte in diesem Land … die mögliche Selektion der genetisch Besten“) verweisen. Und ohne zu viel zu verraten: Auch das Whodunit-Muster (die spezielle Choreografie der mehr oder weniger Verdächtigen) ist dramaturgisch arg durchschaubar. Und obwohl der Zuschauer nie mehr weiß als die Ermittelnden, dauert das Ergebnis der DNA-Analysen auf der Zielgeraden dann doch etwas lang. Da dürfte mancher Krimi-Fan schneller sein als Sarah & Co.
Der Kritiker goutiert deshalb bei „Frankfurt Mord“ vorzugsweise die komischen Momente, die sich durch die 90 Minuten ziehen. Das ZDF hatte offenbar im Sinn, neben „München Mord“ eine weitere launige Metropolen-Krimi-Reihe zu etablieren, ohne den Charme der Münchner zu kopieren. Ob man deshalb die Situation „Zwei ewige Singles ermitteln gemeinsam, finden sich anziehend, mehr aber nicht“ sexuell in ihr Gegenteil verkehrte und die Hauptfiguren gleich zu Beginn in die Kiste schickte? Möglich. Fest steht jedenfalls, dass das ZDF und die Olga Film bei der Besetzung ein glückliches Händchen hatten. Marie-Lou Sellem, die bereits in drei knalligen Craig-Russell-Verfilmungen als Polizeipsychologin Köpfchen einbringen durfte, überzeugt in ihrem konzentrierten, angenehm beiläufigen Spiel, und die deutsch-französische Schauspielerin besitzt bekanntlich eine ganz besondere Ausstrahlung. Johannes Hegemann wirkt in seiner Rolle anfangs wie das genaue Gegenteil: ein blasses Jüngelchen. Doch das ändert sich von Szene zu Szene, mit jedem Lächeln, jeder ironischen Replik. Sie: „Wie oft hast du schon verhört?“ / Er: „Gelten auch meine Kommilitonen im Seminar?“ Um zu erkennen, dass es sich bei Hegemann um den Schauspieler handelt, der so großartig (die zwei Gesichter von) Olivia Jones in dem gerade mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichneten Biopic „Olivia“ verkörpert hat, muss man schon sehr genau hinschauen. So aber darf man ganz besonders gespannt sein, was da noch kommt.
Foto: ZDF / Daniel Dornhöfer

