Lukas Geier (Philipp Hochmair), einst Elite-Polizist, zuständig für den Zeugenschutz, hat sich als Hobbymusiker mit einem Hit sein heutiges Dasein als Privatier verdient. Bei einem Konzert schmettert er vor begeisterten Fans seinen Ohrwurm „Wir lieben das Leben“. Das ist die eine Seite von Geier, die sein Ego gelegentlich braucht. Die meiste Zeit aber lebt er abgeschieden auf einem alten Hof in den österreichischen Bergen in der Nähe von Bad Gastein. Sein Einsiedlerdasein durchbricht er selten, etwa, wenn es mal wieder kein fließendes Wasser bei ihm gibt. In solchen Fällen hat seine gute, alte Freundin, die Nobelhotelbesitzerin Lara Schnee (Patricia Aulitzky), immer ein Zimmer für ihn frei. Jetzt gibt es einen weiteren Grund, ins Tal zu fahren. Eine junge Frau, eine von Schnees Saisonkräften, ist am Berg ermordet worden. Die Tötungsart löst große Nervosität bei Geier aus: ein Pfeil, zielsicher abgefeuert aus einer Armbrust. Das weckt böse Erinnerungen. Ein anderer, der noch unruhiger wird, ist Martin Kogler (Robert Stadlober). Er war ein Schützling des ehemaligen Spezialisten für wasserdichte neue Lebensläufe. Im Gasteiner Tal hat sich der Schönheitschirurg eine neue Identität als Wanderführer und werdender Familienvater aufgebaut. Geier muss helfen und holt sich dafür die Unterstützung bei der ehemaligen Verfassungsschutzpräsidentin (Jutta Speidel): Die aber fühlt sich alsbald von Geier belogen. Der Fall lag anders, als er ihn darstellt. Von offizieller Seite stand der Arzt unter Mordverdacht. Geier wähnte den Mann jedoch in Lebensgefahr und hat ihn „verschwinden“ lassen. Wer einem Mafiaboss (Jevgenij Sitochin) ein neues Gesicht macht, kann sich seines Lebens nicht sicher sein.
Foto: ZDF / Richard Schabetsberger
Mehr denn je geht es in „Blut und Zweifel“, dem dritten Film aus der ZDF-Reihe „Der Geier“, um Lügen, Geheimnisse und „kreatives Verschweigen“. Der ehemalige Polizist muss auch jetzt noch seine Zeugen schützen, darf deshalb selbst Freunde oder vertraute Personen nicht in die Hintergründe der Fälle einweihen. Das ist ein doppeltes Dilemma: Denn Geiers alter Fall kollidiert auch in der neuen Episode mit dem aktuellen Mord, zu dem Kriminalinspektorin Franziska Conte (Julia Koch) die Ermittlungen leitet. Weil eine Zusammenarbeit nicht möglich ist, zieht das einen weiteren Mord nach sich, an dem Geier möglicherweise eine Mitschuld trägt. Aber auch privat belastet das Zeugenschutz-Schweigen das Miteinander. Conte und Schnee sind immer wieder fasziniert von diesem charismatischen Einzelgänger. Doch gleichsam erkennen sie, dass das fehlende Vertrauen keine tiefere Beziehung und enge Bindungen zulässt. Für eine TV-Reihe ist das allerdings eine gute emotionale Basis: So existiert eine permanente, leicht erotische Spannung, die immer wieder konterkariert werden kann von Momenten der Enttäuschung. In „Blut und Zweifel“ ist dieses Spannungsfeld etwas weniger elegant als bisher entwickelt. Schnee rastet mehrmals geradezu aus und schmeißt Geier aus ihrem Hotel, und Conte lässt ihn sogar festnehmen. Dieses Kräftemessen könnte zum erotischen Dreiecksspiel gehören – wäre es nicht so ernsthaft und humorlos in seiner Darstellung.
Foto: ZDF / Richard Schabetsberger
Auch in anderen Interaktionen im Film geht es ziemlich robust zu. Weshalb Robert Stadlober Geiers Schützling so aufbrausend und angstbesessen verkörpert, ist zumindest retrospektiv erklärbar. Dass man dadurch als Zuschauer Distanz zu diesem Mann in Gefahr hält, ist ein für die Geschichte durchaus positiver Nebeneffekt. Ein Gewinn für den Whodunit, bei dem der Zuschauer mehr sieht als die Ermittelnden, aber nicht unbedingt mehr weiß, ist Christopher Schärf, der ein wenig Wiener Schmäh ins Gasteiner Tal bringt. Das Verhaltensprinzip, den anderen etwas zu verheimlichen, übernimmt im Übrigen auch der Drehbuchautor. Timo Berndt, der „Blut und Zweifel“ und auch die vierte Episode „Schattengeld“ als Originalstoff geschrieben hat, während die beiden ersten Filme von Dirk Eisfeld frei nach den Lago-Maggiore-Romanen von Andreas und Stephan Lebert entstanden sind, behält denn auch das größte Geheimnis für sich. So erfährt die Geschichte auf der Zielgeraden eine Wende mit einer etwas abstrusen Backstory, die zumindest gut für die Spannung ist. Das passt zu einer Reihe, die noch deutlicher als bisher keine vielschichtigen Krimi-Dramen wie die auch hierzulande beliebten ORF-„Landkrimis“ erzählen will, sondern die dramaturgisch auf „kreative Konstruktion“ setzt und filmisch das Melodramatische sucht. Das wiederum harmoniert mit den Landschaftsbildern: die Berge, häufig in Nebel gehüllt, die stimmungsvollen, winterlich anmutenden Totalen auf den Mythos-geschwängerten Kurort, dazu ein öfter bedrohlich dräuender, unheilschwangerer Score. Aus den Schauplatzwechseln in die Berge, immer wieder hinauf zu Geiers Hütte oder in das romantische Liebesnest, das offenbar zur tödlichen Falle für junge Frauen wird, ergibt sich eine kontrastreiche Ikonografie, die dem Film nicht weniger ihren Stempel aufdrückt als der Plot.
Neben der umsichtigen Regie von Florian Baxmeyer ist es vor allem das Trio Philipp Hochmair, Julia Koch und Patricia Aulitzky, das zu überzeugen weiß. Das, was die Drei sagen müssen, bleibt im engen Rahmen der Krimierzählung, aber wie sie es sagen, mit möglichst wenig Worten, mit Blicken, reduzierter Körpersprache und vorzüglich gesetzten Pausen, ist in vielen Szenen ein (schön beiläufiger) Hingucker. Das Gleiche gilt für die Momente, in denen Jutta Speidel als Verfassungsschutzpräsidentin a.D. ins Spiel kommt. Ein Klasse-Pingpong im Schuss/Gegenschuss ist die Szene, in der Speidels Figur für Geier bei Conte ein gutes Wort einlegt („ein stures Arschloch“ manchmal, aber er halte seine Versprechen). Und wenn zum Dialogwechsel auch noch ein attraktiv ambivalentes Ambiente hinzukommt, wie in der „Ich habe nicht gelogen“-Szene, ein Balkon zwischen Betonmauern und Aussicht, dann wirken selbst Informationsdialoge sexy. Sollten die Krimiplots weiterhin ernst zu nehmende Charaktertiefe vermeiden, könnten noch mehr ikonische (Natur-)Bilder der Reihe dennoch eine unverwechselbare Signatur geben.
Foto: ZDF / Richard Schabetsberger

