In der Stralsunder Mordkommission ist allein der polnische Kollege Tomasz Nowak (Jakub Gierszal) wie immer voll bei der Sache. Jule Zabek (Sophie Pfennigstorf) ist zwar gewohnt engagiert, aber der Sturz von der Rügen-Brücke vor einem Monat hängt ihr noch seelisch nach. Und Hidde (Alexander Held), der ja bereits die Chefposition aufgegeben hatte, möchte ganz aus dem Polizeidienst aussteigen. Ausgerechnet jetzt bekommen es die Drei mit einem Fall zu tun, der ein simpler Mordfall zu sein scheint, sich aber nicht mit Routine und schon gar nicht mit Leichtsinn aufklären lässt. Der Inhaber eines Fischereibetriebs ist brutal ertränkt worden. Der Mann war ein knallharter Bursche, was sein Geschäftsgebaren, aber auch den Umgang mit seinen Mitarbeitern anging. Da flogen schon mal die Fäuste. Die Schwägerin (Britta Steffenhagen) fand das attraktiv – und hatte eine Affäre mit ihm. Sein Bruder (Christian Näthe) wusste Bescheid, hat aber andere Sorgen: Die Küstenfischerei ist eine sterbende Branche. Ella Brodersen (Hannah Schiller) schreckt das nicht, die Auszubildende will so schnell wie möglich nach Norwegen, weg aus dieser „verdammten“ Gegend. Allein ihr psychisch kranker Bruder Max (Claude Albert Heinrich), der in der Psychiatrie sitzt, bereitet ihr Kopfzerbrechen; er hat die Tragödie seiner Eltern nicht gut verkraftet. Ein Fischereiangestellter (Thomas Büchel) gibt Zabek die nötigen Informationen über das Drama dieser ehemaligen Fischereifamilie: wirtschaftlicher Ruin, die Frau auf und davon, der Mann dem Alkohol verfallen, und die Kinder auf sich allein gestellt. Dem Bauchgefühl der Kommissarin nach stimmt etwas nicht mit dieser Ella, die sich ständig ihr zu entziehen versucht. Sie kennt dieses Verhalten gut – von sich selbst.
Foto: ZDF / Sandra Hoever
„Stralsund“ hat sich immer wieder neu erfunden: Was 2009 als physische Thriller-Reihe mit Action-Beilage begann, danach dem Genre Polizeifilm alle Ehre machte, interne Korruptionsfälle inklusive, drohte nach zahlreichen Wechseln im Ensemble, sich im ZDF-Gebrauchskrimi-Modus einzurichten. Bis 2023 Sophie Pfennigstorf das bisherige Gesicht der Reihe, Katharina Wackernagel, ablöste. Von Beginn an wurde ihre Jule Zabek als eine beschädigte, traumatisierte, instabile Figur gezeichnet, die auch auf der anderen Seite des Gesetzes hätte landen können. Pfennigstorf löst sich allerdings zunehmend von der destruktiv dunklen Aura ihrer Figur. Sie lächelt selten, aber wenn, dann macht dies das Bild der Kommissarin umso stimmiger. Ihre psychische Disposition ist häufig der Schlüssel zu den Fällen: Immer wieder stehen (junge) Frauen im Zentrum, die selbst Problembiografien mitbringen. Dieser narrative Trend ebnete den Weg der Reihe zum Krimi-Drama, bisweilen mit moderater Psycho-Note. Dass Pfennigstorf mit ihrem – trotz Figurentrauma – zeitgemäß beiläufigen Spiel (dagegen war Wackernagel häufig eine Spur zu dramatisch) die ideale Besetzung für diesen Charakter ist, wird von Episode zu Episode deutlicher. Doch sie überzeugt auch physisch: In „Ablaufdatum“ um einen Frauen-Fight-Club musste auch sie ihre Fäuste gebrauchen. Oder zuletzt in „Jetzt komm’ ich“ kämpfte sie mit der Konstruktion der Rügen-Brücke – und unterliegt. Die Schauspielerin macht aus dieser Jule Zabek aber mehr als eine Figur, die von den Autor*innen gut entwickelt und geschrieben wurde, sondern gab ihr von Beginn an einen unverwechselbaren ikonischen Look mit auf den Weg, der im neuen Fall am Ende von Leichen gepflastert zu sein scheint.
„Dunkle Tiefe“ wirkt zunächst wie eine Krimi-Episode, deren Klasse-Besetzung, Top-Inszenierung (Neelesha Barthel) und Ermittler-Nebenplots einen konventionellen Whodunit aufpeppen sollen. Die Überwachungskamera am Abend des Mordes zeigt viel, aber nicht das Gesicht der Person, die den Fischereibesitzer unter Wasser gedrückt hat. Allerdings verabschiedet sich bereits nach 20 Filmminuten der Krimi vom Mörderrätsel und das Familiendrama rückt in den Mittelpunkt. Der Zuschauer weiß Bescheid, während Zabek & Co. noch im Trüben fischen. „Irgendwas ist doch mit der“, ahnt die Kommissarin. Aber gegen ein Alibi lässt sich nur schwer ermitteln. Irgendwann hat sie dann allerdings genügend Informationen aus der Vergangenheit gesammelt, um gezielt weiterzubohren. Doch bei dieser Ella stößt sie auf Granit. In die Ermittlungen, die bis zu einem zweiten, packend inszenierten Mord nicht so recht vom Fleck kommen, werden immer wieder die privaten Geschichten der Kommissare psychologisch stimmig und filmisch atmosphärisch eingeflochten. Hidde geht mit seiner Ex-Frau (Lena Stolze) ein Bier trinken und würde gern die Zeit zurückdrehen. Es reicht ein einziger Blick durch ein Fenster, um zu erkennen, dass es dafür zu spät ist.
Foto: ZDF / Sandra Hoever
Einsamkeit ist auch immer schon eines der Themen von Zabek gewesen. Diesmal wird sie im Großen wie im Kleinen von Hidde sitzen gelassen. Später hockt sie allein in einem Restaurant, dessen Betreiber Feierabend machen will. Zuvor aber kredenzt er ihr noch einen Gute-Nacht-Imbiss. „Du wirkst so ein bisschen verloren“, sagt jener Alvaro (Bernhard Piesk). Gut erkannt. Die Situation weckt die altbekannten (sexuellen) Muster bei Jule. Vielleicht hätte sie ihm nicht seine angekokelte Innenseite ihrer Hand zeigen sollen. Jener Alvaro ist klug und beendet den Abend. Aber diese Kommissarin hat auch eine angenehm zugewandte Art, könnte man jedenfalls annehmen: Den Fischer, dem Polizeireviere wenig sympathisch sind, befragt sie vor der Tür in dessen Wagen. Sie bietet ihm sogar ihren zungenlösenden Flachmann an. „Was sind Sie denn für eine Kommissarin?“ Eine sehr clevere.
Nach einer Filmstunde ist kaum zu erahnen, dass „Dunkle Tiefen“ in den letzten 20 Minuten in ein enorm fesselndes Thriller-Drama gipfelt. Wieder weiß das Publikum mehr. Aber keiner weiß, was passieren wird. Die Gesichter werden in verdächtig großen Einstellungen gezeigt. Jule Zabek wird wieder fallen – diesmal allerdings keine 120 Meter. Das Finale kommt dann mit einigen Paukenschlägen und ist eine einzige Achterbahnfahrt der Gefühle. Am Ende duzen sich Hidde und Zabek erstmals. Doch eine gemeinsame Zukunft in „Stralsund“ werden die beiden nicht haben. Nicht nur, weil das Kommissar-Urgestein gekündigt hat, sondern auch, weil sein Darsteller Alexander Held, seit Episode zwei dabei, im Mai verstorben ist. Die Lücke, die er hinterlässt, wird spürbar sein. Es bleibt zu hoffen, dass sie wie schon so häufig in dieser Reihe im Laufe der nächsten Episoden geschlossen werden kann. Zwei weitere Filme sind abgedreht, und mit Samuel Weiss, Sebastian Jakob Doppelbauer sowie Torben Liebrecht steht gutes „Personal“ in den Startlöchern, das die Genre-Tonlage gegenüber den letzten Episoden wieder verändern dürfte.
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