Der spätere Attentäter vom Breitscheidplatz sitzt in der Küche eines Duisburger Reisebüros – und schneidet sich die Fingernägel. Anis Amri (Wael Alkhatib) blickt kurz auf, als Murat Cem (Tamer Trasoglu) den Raum betritt. Cem ist „VP01“, eine „Vertrauensperson“ der Polizei, die in einem Umfeld, das im Jahr 2015 Kämpfer für den Islamischen Staat (IS) anwirbt, undercover ermitteln soll. Der drogensüchtige, aber aufmerksame und geschickte Cem wird Amri noch mehrfach begegnen, wird ihn als eine Art Chauffeur zu Bahnhöfen fahren und bei der Gelegenheit auch seinen Rucksack durchsuchen. Er fotografiert ein Dokument, das belegt, dass Amri mit verschiedenen Identitäten unterwegs ist. Cem warnt die Behörden vor dem „Psycho“, der offenkundig radikalisiert ist und ankündigt, sich eine Kalaschnikow zu besorgen. Frank Laudin (Albrecht Schuch), Cems Kontaktmann vom NRW-Staatsschutz, nimmt die Warnungen ernst und alarmiert seine Vorgesetzten und das Bundeskriminalamt. Doch insbesondere der leitende BKA-Beamte Karsten Heyse (Hanno Koffler) stellt sich quer. Als Laudin beantragt, die Gefährder-Einstufung Amris hochzusetzen, weigert sich Heyse erneut und erklärt stattdessen, die „kriminelle VP“ solle aus dem Spiel genommen werden: „Kommt von ganz oben“.
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Ganz ohne Verschwörungsgeraune lässt sich die Vorgeschichte des Weihnachtsmarkt-Anschlags von 2016 vermutlich nicht erzählen, denn trotz mehrerer Untersuchungsausschüsse sind Fragen offen geblieben. Auch weil nicht alle Akten von Sicherheitsbehörden freigegeben wurden. Am Ende wird in „Breitscheidplatz 19/12“ mit einer Szene angedeutet, dass es eine Art Stillhalten deutscher Geheimdienste gegeben haben könnte, um die Vorbereitung eines geplanten Luftangriffs der USA auf einen IS-Stützpunkt in Libyen nicht zu gefährden. Hier betritt das sich auf eine sorgfältige Recherche berufende Drehbuch von David Marian und David Nawrath das Reich der Spekulationen. Wie auch immer: Skandalös ist jedenfalls, dass der Tunesier Amri observiert wurde, mehrfach festgenommen wurde, dennoch immer wieder untertauchen und am Ende einen Anschlag begehen konnte, bei dem 13 Menschen starben und zahlreiche weitere Personen verletzt wurden. Das Zuständigkeits-Wirrwarr bei den diversen Behörden ließe sich in einer fiktionalen Serie wohl nur als kafkaeske Satire darstellen. David Nawrath und David Marian konzentrieren sich lieber auf eine Verdichtung der Polizeiarbeit, die trotz des Wissens ums Scheitern hoch spannend ist und sich auch an wichtigen Fakten und Ereignissen orientiert.
Knapp zwei Monate vor Amris Attentat wurde eine islamistische Zelle in Hildesheim ausgehoben und einige IS-Unterstützer festgenommen. Diese Zelle um Abu Wala’a (Ibtasamm Shah), in der auch Anis Amri gesichtet worden war, spielt in der Serie eine zentrale Rolle. „Breitscheid 19/12“ ist Fiktion und zugleich fest in der Realität verankert. Denn die Serie erinnert auch an den zeitgeschichtlichen Kontext des Anschlags vom Dezember 2016. Europa wurde bereits in den Monaten zuvor von einer Vielzahl von islamistischen Attentaten erschüttert, insbesondere durch die Angriffe auf Paris mit dem Massaker im Konzertsaal Bataclan im November 2015 und den Anschlag von Nizza im Juli 2016. Auch das abgesagte Länderspiel in Hannover wenige Tage nach den Paris-Anschlägen sowie der Angriff auf einen Sikh-Tempel in Essen im April 2016 sind Bestandteil der Serie. Und weil somit an die Kontinuität des islamistischen Terrors erinnert wird, erscheint auch der Titel, der mit dem Anhängsel „19/12“ etwas großspurig auf „9/11“ verweist, also auf die ungleich umfassenderen Angriffe auf die USA am 11. September 2001, als vertretbar.
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Wie Islamisten in Hinterzimmern und Moscheen predigen, zu Gewalt gegen Ungläubige aufrufen und junge Männer für den Islamischen Staat (IS) anwerben, der damals weite Gebiete in Syrien und im Irak kontrollierte, wird nicht ausgeklammert oder beschönigt. Allerdings ist die Serie weit von plumper, islamfeindlicher und rassistischer Darstellung entfernt. Zentral dafür ist die weibliche Hauptrolle der jungen Polizistin Isra Al-Husseini, auf eine umwerfende Art gespielt von Bayan Layla. Isra hilft als Dolmetscherin beim NRW-Staatschutz aus und nimmt nur zögernd Laudins Angebot an, fest in dessen Abteilung zu wechseln. Es genügt zu Beginn eine Szene im Aufzug, um die Tragweite ihrer Entscheidung anzudeuten. Darin wird sie als Frau in Polizei-Uniform samt Namensschild von einem jungen, gerade festgenommenen Islamisten auf Arabisch übel beschimpft und bedroht (während die deutschen Polizeibeamten kein Wort verstehen).
Mit der Figur der Isra, die mit ihrem im Irak vom IS gefolterten Vater selbst als Geflüchtete nach Deutschland kam, wird daran erinnert, wer insbesondere unter islamistischem Terror leidet: muslimische Frauen. Isra überwindet jedoch ihre Angst und schließt sich gegen den Willen des Vaters dem Staatsschutz an. Dort stößt sie wiederum auf das Misstrauen ihrer Kollegin Katja Seibert, die womöglich nicht ohne Kalkül mit der blonden, blauäugigen Schauspielerin Jeanne Goursaud besetzt wurde. Es entwickelt sich zwischen beiden eine besondere, mal fragil, mal respektvoll wirkende Arbeitsbeziehung, die bis zum Schluss in der Schwebe bleibt und auch das „Fremdeln“ der deutschen Polizistin nicht oberlehrerhaft anprangert. Und Bayan Layla beeindruckt nicht nur mit ihrer besonderen sprachlichen Kompetenz, dem Wechsel zwischen fließendem Arabisch und Deutsch, sondern vor allem mit einem zurückhaltenden, gleichwohl eindringlichen Spiel, das Isra umgehend zur Sympathieträgerin und Identifikationsfigur der Serie werden lässt.
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Der private, familiäre Hintergrund aller drei Hauptfiguren ist dabei kein überflüssiges, menschelndes Ablenkungsmanöver, sondern vertieft die Charaktere und lässt auch ihr „berufliches“ Handeln schlüssiger wirken: Während Isra sich vom Vater, dem Trauma der Vergangenheit und der Angst mit zunehmend fester Überzeugung und Ermittlungseifer emanzipiert, ist Murat Cem in einer Art Teufelskreis gefangen. Als Ehemann und Vater zweier Kinder bemüht er sich darum, seine traditionelle Rolle als Ernährer der Familie zu erfüllen. Allerdings kann er ohne Drogen den enormen Druck seines Alltags nicht aushalten. Er ist auf die Einnahmen als Polizei-Spitzel angewiesen und erlebt die nervenaufreibende Undercover-Arbeit gleichzeitig als Demütigung. Cem, der gerne Polizist werden wollte, ist nur ein Werkzeug, kein Partner auf Augenhöhe. Tamer Trasoglu spielt mit enormer Überzeugungskraft und imponierender Energie diesen tragischen Helden, der sein Leben aufs Spiel setzt. Mit Albrecht Schuch hat die Serie zudem eine Top-Besetzung für die Hauptrolle des NRW-Staatsschützers gefunden. Frank Laudin ist der einsame Rufer, dessen Warnungen nicht gehört werden und der Konflikte mit Vorgesetzten und anderen Dienststellen nicht scheut. Dass seine Sorge um einen bevorstehenden Anschlag anscheinend nicht ernst genommen wird, setzt ihm jedoch immer stärker zu. Der berufliche Stress und sein misstrauischer Charakter wirken sich wiederum auf sein Privatleben aus. Den Sympathiebonus des sorgfältigen, sachlichen Ermittlers verspielt er als eifersüchtiger Ehemann und rücksichtsloser „Partner“ von Murat Cem – diese Ambivalenz ist bei Schuch bestens aufgehoben.
Auch dank der Bildgestaltung von Tim Kuhn, die einen mitten in die räumliche (und gedankliche) Enge islamistischer Hinterzimmer mitnimmt und generell eine große Nähe zu den Figuren herstellt, gelingt eine ungemein dichte und packende fiktionale Erzählung, die zugleich der komplexen Realität, so gut es eben geht, gewachsen ist. Und Anis Amri? Der ist gewissermaßen der freie Radikale in dem Stück, einer, der mal hier, mal dort auftaucht, und an dem außer Laudin und seiner Abteilung niemand so recht Interesse zeigt. Auch in den islamistischen Hinterzimmern bleibt Amri eine meist stumme Randfigur. Das Attentat selbst wird in der sechsten und letzten Folge ohne unangemessene Effekthascherei inszeniert. Stellvertretend für die zahlreichen Opfer steht ein junges Liebespaar, das sich beim Chatten im Netz kennenlernte. Mohammed, der sich „Mo“ nennt, besucht mit seiner neuen blonden Freundin zum ersten Mal einen Weihnachtsmarkt. Das ist etwas auffällig absichtsvoll konstruiert, aber kurz darauf erinnert auch die Einblendung der Namen von neun Todesopfern daran, dass sich der Anschlag vom Breitscheidplatz wahllos gegen alle Menschen richtete und unter den Opfern auch solche waren, die allein aufgrund ihres Aussehens oder der vermuteten Religionszugehörigkeit schnell in der Schublade der Verdächtigen landen.

