Der Anfang vom Ende: Hindenburg ernennt am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler. Deutschland droht die Diktatur. Zwar formiert sich der Widerstand, und auf dem Presseball am selben Abend wird noch ausgelassen getanzt, doch für Charlotte (Liv Lisa Fries) und Gereon (Volker Bruch) wird es der letzte gemeinsame Tanz sein, und auch die aufrechten Vertreter der „vierten Gewalt“ haben bald noch weniger zu feiern als die demokratischen Kräfte bei der Polizei. In der „Burg“ haben die Braunhemden der SA das Sagen, während Hitler-kritische Journalisten wie Heymann (Martin Wuttke) verhaftet und interniert werden. Die Gleichschaltung von Staat, Gesellschaft und Kultur an die Ideologie und den Willen der NSDAP funktioniert von Tag zu Tag reibungsloser. Es dauert nur vier Wochen – und die parlamentarische Demokratie ist eliminiert. (Die folgende Inhaltsbeschreibung könnte manch einem zu viel verraten!) Parallel zu dieser Entwicklung setzen das Trio Behnke (Fritzi Haberlandt), Katelbach (Karl Markovics) und Anwalt Litten (Trystan W. Pütter) alles daran, einen Triumph der NSDAP bei den Neuwahlen am 5. März zu verhindern: Was wäre, wenn sich SPD und Kommunisten nicht gegenseitig bekriegen, sondern sich im Kampf gegen Hitler verbünden würden? Hochrangige Frauen beider Parteien (Jördis Triebel, Jenny Schily) sind von dem Gedanken nicht völlig abgeneigt. Aber vielleicht gibt es ja noch einen anderen Weg, eine Hitler-Diktatur zu verhindern: Gereons Bruder Anno alias Dr. Schmidt (Jens Harzer) und der Ex-Stabsarzt, der Psychiater Dr. Forster (Ulrich Noethen), wissen etwas aus dem Leben des Gefreiten Hitler, das so gar nicht zu dessen Legendenbildung passt. Deshalb werden sie von der SA gejagt. Andere die anno 2018 in jenem „Lazarett für Kriegszitterer und Schüttelneurotiker“ interniert wurden, sind bereits exekutiert worden. Diese Mordfälle bearbeiten Charlotte und ihr früherer Erzfeind Böhm (Godehard Giese); nach und nach erkennen sie deren politische Brisanz. Derweil ist Gereon wie vom Erdboden verschluckt. Wurde auch er verhaftet? Oder ist er gar ein Nazi-Spitzel? Oder trägt er eine alte Schuld gegenüber seinem Bruder ab und ist in womöglich politischer Mission unterwegs?
Foto: Batier / X Filme Creative Pool / ARD Degeto / WDR / SWR / HR / RB
Über „Babylon Berlin“ ist so gut wie alles gesagt worden. Was wurde von tittelbach.tv (2017 und 2022) und anderen Kritikern nicht alles in hohen Tönen gepriesen! Dieses Kaleidoskopische der Geschichte, eine Stadt in Bewegung, ja, eine Serie in Bewegung, die Weimarer Republik als Tanz auf dem Vulkan, dazu eine maßvolle Portion Krimi, Mord, Todessehnsucht, Sex und Angst. Im Detail gefeiert wurde auch die einzigartige Arbeit aller Gewerke (Bildgestaltung, Szenenbild/ Ausstattung, Kostüm, Montage, Musik) und die daraus resultierende atemberaubende Dynamik in Dramaturgie, Bild und Ton. Hinzu kommt eine Besetzung der Extraklasse bis in die kleinste Nebenrolle, dazu gehören Ausnahmeschauspieler wie Jens Harzer, Lars Eidinger oder Udo Samel, aber auch die relativen „Newcomer“ in den Hauptrollen, Volker Bruch und vor allem Liv Lisa Fries, das Gesicht der Serie, die sich mit „Babylon Berlin“ 2016 auch international einen Namen machten. Mein Fazit: Historische Analyse trifft auf Kino-Sinnlichkeit, Krimi-Spannung auf perfekte Serien-Dramaturgie. Eine Serie also, die sich wie im Rausch bingen lässt. Das gilt auch für die acht Folgen und die 360 Minuten der fünften und letzten Staffel. Zu dieser Ausnahmeserie von internationalem Niveau sei alles gesagt, schrieb ich am 31. August im Monatsüberblick September, und ich ließ mich zu der Bemerkung hinreißen: „Auch als Fan stellt sich mir die Frage, was man mit den rund 30 Millionen Euro Produktionskosten für diese fünfte Staffel alles hätte produzieren können.“ Das war zu kurz gedacht. Denn: Dass es diese fünf Staffeln gibt und „Babylon Berlin“ über zehn Jahre in Deutschland produziert werden konnte, hat maßgeblich auch mit dem großen Erfolg im Ausland zu tun. Ohne den Verkauf in 140 Länder wäre diese Erfolgsgeschichte nicht denkbar. Hätte es diese finale Staffel nicht gegeben, wäre also nur ein Teil der 30 Millionen Euro in andere Produktionen geflossen. Die letzten Vorbehalte gegen die hohen Produktionskosten in einer angespannten Marktsituation verflüchtigten sich endgültig nach Sichtung der letzten acht Folgen. Auch wenn aus dem fulminanten Tanz auf dem Vulkan historisch wie narrativ bedingt ein vorsichtiges Balancieren auf einer Rasierklinge wird, aus lebenshungriger Ballsaal-Ekstase ein Totentanz des künstlerisch-kreativen Berlins, wenn sich nach dem cineastischen Rausch der Bilder politische und kulturelle Katerstimmung, ja, Depression, Leid und Agonie in Deutschland und damit auch in der Serie breitmachen, so nimmt einen dieser magische Mikrokosmos sofort wieder gefangen, ist man fasziniert von der Vielfalt an Charakteren und ihrer klug miteinander korrespondierenden Geschichten sowie dieser überbordenden Kraft an künstlerischem Ausdruckswillen. Und noch etwas nimmt mich persönlich für „Babylon Berlin“ anno 2026 fast noch mehr ein als für die Vorgängerstaffeln. An langlaufenden internationalen Serien gibt es kaum noch welche, die man gesehen haben muss. Das Meiste ist Kinderkram ohne jede erzählerische Vision. Jede neue Staffel ist allein eine Frage ökonomischer Produktivität.
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Diesen Eindruck hatte man bei „Babylon Berlin“ nie. Jede Staffel bekam einen neuen Dreh, der die vielfältigen Geschichten, frei nach den Romanen von Volker Kutscher, aufregend, mitreißend und nie unlogisch weitererzählten. Dass am Ende alle diese kleinen Geschichten mit der verhängnisvollen, großen deutschen Geschichte zusammenfinden – das ist das besondere Verdienst der fünften Staffel, das war so kaum zu erwarten und kann in dieser Form nie geplant gewesen sein. Besonders clever: das nationale Schicksal, ja, die kommende Weltpolitik, mit einem Ausflug ins Jahr 1918 zu kombinieren – und auf diese Weise Hitler doppelt ins Spiel zu bringen, als kommenden Diktator, aber eben auch als Drahtzieher der Mordfälle, mit denen Charlotte & Co befasst sind. Hitlers hässliche Fratze schwebt also über allem, ohne dass man dieser Fratze im Film allzu oft begegnen würde. „Der Diktator Hitler ist übererzählt; der Mensch dahinter und 15 Jahre früher hat uns aber durchaus interessiert“, bringt es Tom Tykwer auf den Punkt. Und es gab weitere sehr gute Entscheidungen des Buch-Regie-Trios Achim von Borries, Tom Tykwer, Henk Handloegten: Trotz zunehmend betretener Stimmung wird auf schräge Musik- und Tanzeinlagen, auf queere, wenngleich wehmütig gebrochene Lebenslust, nicht verzichtet, sogar der Klassiker „Zu Asche, zu Staub“ wird in einer intimeren Cover-Version noch einmal auf die Bühne gebracht. Und dass Gereon in geheimer Mission noch einmal eine Stippvisite in seiner Heimatstadt Köln gibt, und das ausgerechnet zum Karneval, sorgt für einige köstliche Szenen und Entlastung vom Treiben in der Hauptstadt. In puncto Humor schießt aber einmal mehr Fritzi Haberlandts Witwe Elisabeth Behnke den Vogel ab. Auch im Jahr 1933 muss nicht alles bierernst genommen werden. So entgeht „Babylon Berlin“ dem Hang deutscher historischer TV-Fiktion, die Stoffe zu modernisieren – sprich: vornehmlich mit dem Wissen von heute zu erzählen. Für das Trio war es der wichtigste Leitgedanke: „Wir beurteilen die damalige Zeit aus sich heraus, also ohne Kommentar auf die Gegenwart“, so Achim von Borries. Fragt sich nur, was der Zuschauer aus dieser letzten Staffel mit seinen Dramen, Tragödien und den biografischen Fakten im Epilog macht. Wird er (die deutlichen) Parallelen zur Gegenwart erkennen oder sie zumindest spüren oder wird er sie lieber leugnen? Ich sah die acht Folgen in der Nacht zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Habe ausgesprochen schlecht geschlafen.

