München, 1995. Die 21-jährige Linda (Jule Hermann) hält es nicht mehr aus auf dem Land, sie will in der Stadt ihr Glück versuchen. Sie kellnert, träumt aber von einer Karriere als DJ. Der Kontakt zu ihren Eltern (Frederic Linkemann, Marlene Morreis) bricht nicht ab, nach Ismaning ist es ja nur ein Katzensprung und doch liegen Welten zwischen dem alten und dem neuen Zuhause. Das merkt bald auch Lindas Bruder Andi (Ben Münchow), der sie immer öfter besucht und in der Stadt ungeahnte sexuelle Freiheiten entdeckt. Als Linda in München Marius (Klaus Steinbacher) über den Weg läuft, für den sie schon als Teenager geschwärmt hat, werden ihre Träume realer. Und der Unternehmersohn lässt sich von ihrer Euphorie anstecken. In den USA hat er ein Internetprojekt in den Sand gesetzt. Jetzt will er es besser machen. Seine Mutter Alicia (Sophie von Kessel) glaubt an ihn, sein Vater Theo (Tobias Moretti) hält ihn für einen Versager. Aber auch dessen Image als freundlicher, zuverlässiger Unternehmer alter Schule hat gelitten. Sein Knödel-Imperium steht vor dem Verkauf, und seine Vertragsbauern vor dem Nichts. Zu denen gehört auch Jules Familie, die mit dem Pfanni-Besitzer ein geradezu freundschaftliches Verhältnis pflegt; er ist Jules Patenonkel. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, die Werksschließung mit der Aufbruchsstimmung zum Vorteil aller zu koppeln? Die jungen Leute haben da so eine Idee: Bis aus dem Pfanni-Areal ein internationales Geschäftszentrum werden soll, könnte das Gelände zur Zwischennutzung zur Partymeile umgebaut werden. Das lehnt Theo strikt ab. Doch am Ende könnte es viele gute Gründe geben, Marius und Linda machen zu lassen.
Foto: ZDF / Mark Reimann
Soundtrack: Titelsong = Prodigy („No Good | Start The Dance“)
Folge 1: Ace of Base („All That She Wants“), Joey Beltram („My Sound“), Moby („Feeling So Real“), Annie Lennox („Little Bird“), Energy 52 („Café Del Mar DJ Kid Paul Mix), Ultrahigh („Speedanimal“)
Folge 2: Hardfloor („Reverberate Opinion“)
Folge 3: Marmion, Mijk van Dijk & Marcos Lopez („Schöneberg“), Saint Etienne („Only Love Can Break Your Heart“)
Folge 4: DJ Rush („Work Your Body“), Mazzy Star („Fade Into You“)
Nicht nur in Berlin steppte in den 1990er Jahren der Bär. Die größte Party-Location Europas hatte München: den Kunstpark Ost (1996-2003). „München Beats“ erinnert 30 Jahre später an das Entstehungsjahr jener kulturellen Kultstätte, die vor allem der Techno-Szene in der weißblauen Metropole ein Zuhause gab. Die Hauptcharaktere sind frei erfunden, das Drumherum setzt auf Lokalkolorit, beispielsweise die Gaststätte Deutsche Eiche, in der die Heldin arbeitet und wohnt und die als Stammkneipe für Künstler und ein queeres Publikum bekannt war. Eine DJane als treibende Kraft gab es ebenso wenig wie einen Juniorchef mit großen Plänen. Gehuldigt wird allerdings dem Initiator und Visionär des Kunstparks, Wolfgang Nöth, den Tim Seyfi unter dem Namen Harald Prell verkörpert: eine kleine, ausgesprochen köstliche Performance. Dass der Eigentümer der Pfanni-Werke die Zwischennutzung ermöglichte, dürfte ein Grund dafür sein, dass das Autorentrio Christian Schnalke, Stefani Straka und Julie Fellmann den Ex-Knödel-König trotz fiktionalisierter familiärer Verfehlungen und eines autoritären Gebarens zu einem fairen Geschäftsmann gemacht hat, der „seinen Bauern“ eine gute Lösung verspricht und eigene Fehler eingesteht. Tobias Moretti verkörpert dies ausgesprochen glaubwürdig. Der Rest ist Fiktion, Land vs. Stadt, die zwei verbandelten Familien, die Formen der Liebe, eine Fiktion allerdings, die sich am Zeitgeist des Jahrzehnts orientiert, an den neuen Freiheitsräumen der Stadt im Gegensatz zum konservativen (homophoben) Oberbayern.
Foto: ZDF / Mark Reimann
Techno und TV-Primetime – das ist eine ungewöhnliche Verbindung. In Hinblick auf das angestammte ZDF-Publikum hält sich die Serie denn auch mit knalligen Beats zurück. Natürlich wummert und ballert es, wenn Linda ihr Herz an diesen Sound verliert. Doch die Szenen sind nicht allzu lang. Auch wenn sie in ihrem Zimmer mit ihrer preiswert erstandenen Anlage zu mixen beginnt, bleibt das klanglich stets moderat. Auch der sonstige, eher sparsame Soundtrack (Source) klingt eher alternativ poppig als aggressiv elektronisch. Filmsprachlich Experimentelles und Sinnliches wie in den Netflix-Serien „Beat“ oder „Skyline“ darf man sich von „München Beats“ also nicht erhoffen. Trotz der sehr stimmigen Inszenierung der gebürtigen Münchnerin Mimi Kezele (geb. 1975; „Und Ihr schaut zu“) werden die Beats und diese unbeschreibliche Energie nur ganz selten in Töne und Bilder übersetzt, sondern durch die Heldin vermittelt. Sie beschreibt mit Worten den „Ungläubigen“ die Faszination von Techno, diesen Rausch in der Menge, dieses Schweben. Selbst ihr Freund Marius ist kein Fan dieses elektronischen Gepolters; diese Figur ist somit anschlussfähig für die ZDF-Klientel. So wie die Eltern langsam mehr Verständnis für diese besondere Art des „Schallplattenwechselns“ aufbringen, weil sie ihre Linda lieben, so könnte es auch beim nicht-Techno-affinen Publikum funktionieren: über diese begeisterungsfähige junge Frau, die ihr Ding macht und die man einfach sympathisch findet. Jule Hermann spielt das frisch und temperamentvoll; sie erinnert dabei ein wenig an die junge Rosalie Thomass. Klaus Steinbacher hat schon öfter in Hauptrollen überzeugt – beispielsweise als Franz Beckenbauer oder in „Oktoberfest“. Er ist der emotionale Gegenpol zur Heldin: still, gebremst selbstbewusst, immer ein bisschen verunsichert. Für beide gilt: Ein Lächeln sagt mehr als viele Worte. Wenig zu lachen haben die Schauspieler in den tragenden Nebenrollen: Ben Münchow, Marlene Morreis, Frederic Linkemann, Sophie von Kessel – alle, ihre Figuren mehr oder weniger lädiert, bekommen richtig was zu spielen und haben ganz starke Momente.
„München Beats“ ist ein Serien-Hybrid, der eine junge Aufbruchsgeschichte mit einem klassischen Familiendrama verbindet. Die Serie ist ein Spagat, der möglicherweise keinen 100%ig glücklich macht. Dennoch ist es eine mehr als sehenswerte Miniserie, die den gemeinsamen Nenner bestmöglich auslotet, sich sowohl aus der Nische der (Techno-)Fans herausbegibt als auch dem ZDF-Primetime-Publikum mehr als die übliche Familiensaga zumutet. Mögen auf dem Papier die Konflikte zwischen der Unternehmer- und der Bauernfamilie auch Soap-verdächtig klingen, diese wenig gefällige Musikrichtung, der beiläufig, ohne große Erklärungen dargestellte urbane Lifestyle jener Jahre und ein souverän auf die angenehme Länge von drei Stunden präzise abgestimmter Erzählfluss sorgen dafür, dass das Ganze – trotz des biederen Landlebens – weniger gediegen und kein bisschen abgedroschen wirkt. „München Beats“ liefert ein vielstimmiges Zeitpanorama einer äußerst interessanten Dekade inklusive eines Kulturphänomens, das für viele Zuschauer Neuland sein dürfte. Für die anderen kommt am Ende Wehmut auf.


5 Kommentare
Eine junge, starke Frau will „etwas ganz anderes als üblich“. Sie verlässt den Bauernhof der Eltern um in München als DJane „durchzustarten“. Im ZDF Film werden sowohl Rückschläge als auch die Erfolge eindrucksvoll gezeigt. Eine junge Frau kämpft sich dorthin wo sie immer sein wollte. Mega guter Film: „München-Beats“ und endlich mal kein Krimi, sondern ein historisches Ereignis verbunden mit der Pfanni Tradition und einem Familienunternehmen.
Ich hoffe, es gibt in diesem Herbst und Winter weitere Filme und Serien mit Backround und „Köpfchen“. Ich wünsche mir Filme über wahre Ereignisse, wie jetzt über die Waldbrände und die Hitzetoten, über die Flut im Ahrtal, eine chronologische Darstellung der SARS-CoV-2 Pandemie, über Ebola und über das Hanta-Virus, über weitere Krankheiten, wie über Polyneuropathie. Ganz besonders wünsche ich mir einen Film mit einer Doku danach über Angriffe auf die Polizei und die Rettungsleute (wie an Silvester). Ich wünsche mir weniger Krimis oder Quizshows, doch dafür mehr Filme mit „Inhalt“.
Wir brauchen viele weitere Serien und Filme „aus unserer Mitte und damit aus unserem Leben“. Eine junge Bauerntochter erobert die Welt des Techno und der Musik. Man sieht wie sie leidet und doch weiterhin kämpft, mal ist sie naiv und dann wieder emanzipiert. Ebenso verkörpern alle anderen Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Rollen extrem gut.
Wir brauchen mehr Filme „von uns allen und über uns und von uns“. Wir brauchen Filme und Serien über die COVID-Pandemie und das von A bis Z. Wie fing damals alles an mit Corona? Vom 1. Coronfall bei Webasto, über Heinsberg, den ersten Lockdown mit den Pressekonferenzen des RKI, über Tönnies, über die Demo der Querdenker vor dem Reichstagsgebäude, über den 2. Lockdown, über das Impfen und über den Sommer 2021. Damals glaubten wir, dass wir es „gepackt hätten“, doch es kam ganz anders mit der DELTA-Variante. Es kam der Herbst 2021 mit der Brandrede von Prof. Wieler und der „Operation Kleeblatt“ (dabei wurden viele Coronapatient:innen mit der Luftwaffe in freie Krankenhäuser gebracht, weil viele Krankenhäuser mit Coronapatient:innen überfüllt waren) bis heute mit vielen jungen Menschen die an Post-COVID leiden. Die ganze Chronologie könnte man aus ganz unterschiedlichen Blickrichtungen zeigen, wie der Bundesregierung, dem RKI, dem Querdenker, dem Kind, dem Senior, aber ganz besonders sollte man den Blick auf die verdammt harte Arbeit der Pflegekräfte und Ärzte:innen und den Coronapatient:innen und deren Familien richten.
Ich wünsche mir Filme über ukrainische Soldaten, die schwer verwundet von der Front hier nach Deutschland zur Behandlung gebracht werden. Ich wünsche mir Filme über rechte Parteien und wie leicht wir jungen Menschen manipuliert werden.
Ich wünsche mir Filme über die Brandopfer von Crans Montana und die Rettungskräfte, die jetzt selbst ein Trauma haben. Ich wünsche mir Filme über unsere Feuerwehmänner und Frauen, die „sich für uns alle den Hintern aufreißen“, um unsere Häuser zu schützen. Und auch ich wünsche mir einen Film über Angriffe auf die Polizei und die Rettungskräfte.
Sensationell gute Schauspieler und Schauspielerinnen, gute Story egal ob wahr oder fiktiv… wir sind diese Generation…es war eine geile Zeit ohne soziale Medien Digitalisierung. Uns hat die Serie super gefallen. Herzlichen Glückwunsch ZDF…bitte mehr davon
Danke, ja weniger Krimis, Krimis und nochmals Krimis!
Das ist sowas von öde…
Bitte mehr davon, was uns heute angeht, genau-Ahr-Tal Flut, Covid Epidemie, AfD Aufstieg und die der rechtsradikalen Ausleger und Rattenfänger… was sie mit unserer Gesellschaft machen – genug Stoff, genug interessante Themen, nicht der xte Mord, der xte Totschlag … traut euch endlich!
Anders sein zu „dürfen“, das ist das Privileg von meiner Generation, die heute 19 Jahre alt ist. Unsere Eltern mussten dafür in den 90er Jahren kämpfen. Doch gerade verlieren wir wieder ganz schleichend die erkämpften Werte unserer Eltern, indem viele von uns jungen Menschen rechte Parteien wählen.
Ich wünsche mir daher auch mehr Filme über die aktuellen Probleme unserer Zeit. Gute Beispiele waren hierfür die Filme: „Die Welt steht still“ im ZDF von 2021, „Aus dem Leben“ (ARD) und „Verschollen“ (ARD) oder auch der Kinofilm: „Heldin“. Doch wir brauchen viel viel mehr an Filmen „die uns alle wachrütteln“ und „das echte Leben zeigen“.
Die Klimakrise schreitet voran. Das sehen wir an den Hitzeperioden in diesem Jahr. Wir sehen Waldbrände und Hitzetote. Meine beste Freundin leidet mit nur 18 Jahren, nach ihrer Coronainfektion an Post-COVID und auch noch an ME/CFS. Dabei sollte unser Leben erst richtig „durchstarten“. Ein Freund von mir ist Rettungssanitäter. Er hat Angst an Silvester in Hamburg zu arbeiten und zwar nicht weil er Angst hat, die Herausforderungen in seinem Job nicht leisten zu können, sondern er hat Angst vor Angriffen auf ihn und auf die Kollegen der Polizei. Zeigen Sie einen Krimi in der Woche, eine Quizshow, eine Castingshow, aber zeigen Sie auch einen Film pro Woche über Themen die uns alle angehen und bewegen.