Zwei männliche Leichen mit Spuren von Fremdeinwirkung beschäftigen die Kripo Ludwigshafen. Zwei Paare und zwei Generationen scheinen in die Taten verstrickt. Wie genau, das bleibt erfreulich lang im Vagen. Während die Zusammenhänge sich klären, verhandelt „Tatort – Avatar“ die digitalen Um- und Abwege einer Kommunikation, die immer tiefere Gräben zwischen Eltern und ihre fast erwachsenen Kinder treibt. Wer beim Titel „Avatar“ zusammenzuckt, weil er das nächste, allzu gewagte Krimi-Experiment erwartet, sei beruhigt. Der Fall stammt aus der Feder eines Odenthal-Routiniers, streift künstliche Intelligenz, den Einsatz von Chat-Bots, digitale Manipulation, bringt aber alles geschmeidig unter einen Hut. Visuell mit einer einfallsreichen, an die Gefühlswelt der Hauptfigur andockenden Bildsprache, inhaltlich als Spurensuche mit tragischem Ausgang.
Foto: ORF Viel Botschaft und doch große Klasse: Der ORF-„Tatort – Baum der Erlösung“ von Harald Sicheritz nach dem Drehbuch von Felix Mitterer verarbeitet sämtliche Vorurteile, die gegenüber türkischen Mitbürgern gehegt und gepflegt werden, macht das aber klug, sehr mutig und keineswegs immer politisch korrekt; darüberhinaus ist der Film bildästhetisch eine kleine Offenbarung. Ein gut gebauter und bestens besetzter Whodunit aus Tirol.
Foto: WDR Freddy Schenks Sympathie für einen verdächtigen Mörder ist unübersehbar. Sie sind aber auch offenkundig aus dem gleichen Holz geschnitzt: Beide eint die Liebe zu schweren Motorrädern, das grundsätzlich grimmige Auftreten, der weiche Kern unter einer rauen Schale und die Liebe zu ihren Töchtern… Nicht nur der Kölner Kommissar, auch dieser „Tatort“ mit dem Titel „Bestien“ wandelt auf einem schmalen Grat, denn Sympathieträger Schenk lädt den Zuschauer natürlich dazu ein, die mutmaßliche Selbstjustiz ebenfalls zu entschuldigen.
Foto: SWR / Stefanie Schweigert Das Organisierte Verbrechen macht auch vor dem Schwabenländle nicht halt. Dieser „Tatort“ beginnt als Ermittlungskrimi mit vielen Fragezeichen um eine vermutete Familientragödie und entwickelt sich im zweiten Teil zu einem Thriller mit doppelter Geiselnahme. Dazu gibt es wohldosiert Verhöre & Familiengefühle, Tempo & Action, Nervenkitzel & „big trick“.
Foto: RBB Sehr schade, dass der RBB im Rahmen seiner „Tatort Classics“-Aktion nicht auch die ersten Filme mit Günter Lamprecht wiederholt. „Blutwurstwalzer“ war 1991 bereits der dritte Fall für Kommissar Franz Markowitz. Der Film, eine frühe Regiearbeit von Wolfgang Becker („Good Bye, Lenin!“), ist zwar mehr Milieustudie als Krimi und mit knapp zwei Stunden etwas zu lang, aber wegen zahlreichen klugen Ideen im Detail und wegen seiner Schauspieler sehenswert; Jürgen Vogel spielt hier mit Anfang zwanzig eine seiner ersten Hauptrollen.
Foto: NDR / Marion von der Mehden Ein Säure-Killer geht um in Kiel. In der Kanalisation tauchen Überreste menschlicher Körper auf. Die Opfer zu identifizieren ist schwerer, als die Suche nach dem Täter. Der stellt sich selbst. Ein Priester ausgerechnet, der in seiner Gemeinde größtes Ansehen genießt.
Foto: NDR / Thorsten Jander „Borowski und das hungrige Herz“ (NDR / Nordfilm Kiel) ist der erste von drei letzten Fällen mit Axel Milberg in der Titelrolle. Inhaltlich bleibt es bei der für Kiel klassischen Konstellation: Hier ein Kommissar, endlich mit sich im Reinen, dafür mit allen Untiefen der menschlichen Psyche vertraut. Dort die ewig Suchenden, die die Sehnsucht ins Verderben treibt. Die Umsetzung dieses Gegensatzpaars macht diesen Kieler „Tatort“ sehenswert: Satte Farbigkeit, ein solides Tempo und subtiler Humor machen den Fall lebendig und helfen, das (über)strapazierte Thema „Sexsucht“ möglichst gelassen zu sehen – à la Borowski.
Foto: NDR / Marion von der Mehden Die Psychologen-Couch braucht Borowski nicht mehr. Auf ihr hätte besser sein Gegenspieler in „Borowski und das Mädchen im Moor“ Platz nehmen sollen. Ihm, dem Kaufhausdetektiv Klaus Raven (großartig: Andreas Schmidt), wuchs das Leben völlig über den Kopf.
Foto: NDR / Christine Schroeder Julia (17) ist auf dem Weg, den muslimischen Glauben anzunehmen, ihre Familie zu verlassen und ins Herrschaftsgebiet des Islamischen Staats auszureisen. Dieser Themen-„Tatort“ hat vor allem die starke Charakterstudie eines weiblichen Teenagers zu bieten. Das Spiel der jungen Hauptdarstellerin Mala Emde, Raymond Leys einfallsreiche Inszenierung, die auch dokumentarische Mittel nutzt, und Philipp Kirsamers eindringliche Kamera machen den Film unbedingt sehenswert. Der konventionelle Krimifall um eine getötete Mitschülerin Julias wirkt dagegen wie künstlich aufgesetzt. Die Kommissare treten etwas in den Hintergrund.
Foto: NDR / Marion von der Mehden „Borowski und der coole Hund“ ist der zweite Kiel-„Tatort“ nach Henning Mankell. Da inszeniert einer ein sadistisches Rachespiel mit den Sexpartnern einer Chatroom-Prinzessin. Stalking und Tollwut, krankhafter Narzissmus bis hin zur Sexsucht, Frauenfeindlichkeit bis hin zum Hass auf das Sex-Objekt – Mankell ist in seinem Element. Schon wieder ein vorzüglicher Milberg-„Tatort“, spannend, dicht, ästhetisch. Sibel Kekilli erfrischt das grausame Treiben und ihre „What A Man“-Partnerin, Mavie Hörbiger, ist auch dabei!
Foto: NDR / Marion von der Mehden Bilderrätsel aus Körperteilen? Mord-Ritual eines Psychopathen oder Racheakte eines materiell Geschädigten? Den neuen „Tatort“ aus Schleswig-Holstein umweht ein Hauch Schweden-Krimi. Das alltägliche Grauen wird existenzialistisch überhöht und in einen psychologisch wie soziologisch stimmigen Mikrokosmos eingepflanzt. Das Resultat: ein faszinierender Krimi, in dem die Figuren mehr sind als Funktionen in einem rätselhaften Leichen-Puzzle.
Foto: NDR / Christine Schroeder Der „Tatort“ in seinem Element: Mit der Episode „Borowski und die Angst der weißen Männer“ (NDR / Nordfilm Kiel) setzt die ARD am Vorabend des Weltfrauentags ein klares Statement gegen Hass und Gewalt. Die weibliche Disco-Bekanntschaft eines jungen Einzelgängers, der sich in Internet-Foren von Frauen-Hassern tummelt, wird tot aufgefunden. Auch die Büroleiterin einer angefeindeten Politikerin wird überfallen. Der Film von Nicole Weegmann greift das besorgniserregende Phänomen der sogenannten „Incels“ auf. Das sind – zum Teil rechtsextreme, rassistische – Männer, die insbesondere die Frauen-Emanzipation für ihr „unfreiwilliges Zölibat“ (engl.: „involuntary celibat“) verantwortlich machen und sich im Netz gegenseitig aufstacheln. Trotz einiger Schwächen gelingt es diesem Themenfilm, eine differenzierte und im Schlussdrittel auch enorm spannende Geschichte zu erzählen. Das Ermittlungs-Team zeigt Einigkeit und Haltung, die aufrüttelnde Botschaft hallt nach.
Foto: NDR / Marion von der Mehden „Ein Beziehungsmuster, bei dem sich die neurotischen Dispositionen beider Partner perfekt ergänzen, nennt man Kollision“, klärt die Polizeipsychologin Jung den Herrn Kommissar über die Probleme eines jungen Ehepaars auf. „Ich dachte, das nennt man Liebe“, lächelt Borowski verschmitzt. Weitere Gründe zum Lächeln wird er (& der Zuschauer) nicht bekommen.
Foto: WDR / Thomas Kost Anders als Anna Schudt, die vor zwei Jahren ohne Vorwarnung mit dem Tod ihrer Martina Bönisch aus dem „Tatort“ Dortmund ausschied, nimmt in „Cash“ (WDR / Bavaria Fiction) Rick Okon Abschied von seiner Rolle Jan Pawlak, der mächtig leiden muss bei seinem Abgang. Und auch sonst hat sich Autor Jürgen Werner einiges einfallen lassen: Er hat KTU-Kotzbrocken Haller zurückgeholt und einen weiteren Lieblingsfeind von Faber, der mal wieder in seinem provokant-sarkastischen Element ist, und nach einer Filmstunde sorgt Werner für eine dramaturgische Wende, die Vieles vom bisher Erzählten in Frage stellt, ja sogar umwertet – was erzähllogisch durchaus stimmig ist. Einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt dieser „Tatort“ nicht zuletzt auch durch die ebenso dynamische wie kompakte, einfalls- und abwechslungsreiche Inszenierung von Sebastian Ko. Und die Krönung ist eine Szene, in der Faber seiner jungen Kollegin zeigt, wie sich Druck abbauen lässt. Spätestens nach dieser Szene weiß man, dass hier ein Klasse-Ermittler-Duo zusammenwächst.
Foto: BR / Lucky Bird Pictures / Oliver Oppitz Der spektakulär bebilderte Münchener „Tatort“ lebt vor allem vom aufregenden Schauplatz: Die Dreharbeiten fanden auf einem Truppenübungsplatz während eines echten Nato-Manövers statt. Die entsprechenden Aufnahmen lassen „Charlie“ (BR / Lucky Bird) derart authentisch wirken, dass die (durchaus stimmige) Handlung fast zweitrangig ist: Leitmayr und Batic suchen einen Doppelmörder, der sich vermutlich unter den Komparsen des Manövers verbirgt. Dagmar Gablers Drehbuch hat eine Vielzahl zum Teil sehr anspruchsvoller Subthemen zu bieten. Trotzdem erfreut Lancelot von Nasos Inszenierung neben den stellenweise spektakulären Bildern auch durch kleine Ironien am Rande.
Foto: SR / Manuela Meyer Über Generationen haben sie sich bekämpft, die Feidt- und die Louis-Sippschaft. Nach zwei Todesfällen herrscht absoluter Ausnahmezustand zwischen den Familien. Die Kommissare können sich nur wundern ob dieser kranken Familienfehde Shakespearschen Ausmaßes. Kollegin Baumann wundert indes gar nichts; sie ist in diesem Horror-Nest aufgewachsen … Konfrontiert mit ihrer Vergangenheit, agiert sie am Rande eines Disziplinarverfahrens. Ein Grund für ihre Überreaktion: das Wiedersehen mit ihrem Bruder, einem abgedrehten Verschwörungstheoretiker. Außerdem holt der Montagues-Capulets-like Schicksalsplot Aspekte ihrer eigenen amourösen Biografie aus der Verdrängung. „Das Böse in Dir“ (SR, Degeto / Bavaria Fiction) entwickelt sich auf der Grundlage zweier Zwischenton-reicher „Julia & Julia“-Variationen. Die Autorinnen finden die richtige Portion Moral für ihre stimmig-stimmungsvolle, bestens besetzte Dorftragödie zwischen unerfüllter Liebe und purem Hass, und die Regisseurin findet die passenden Bilder dafür. Und das Quartett? Das wächst immer besser zusammen.
Foto: SR / Iris Maria Maurer In Saarbrücken wird in der Nacht ein Geldtransporter überfallen. Es sind Profis am Werk. Trotzdem stirbt ungewollt ein Wachmann. „Money must be funny.“ Aber auch die Liebe ist eine der Triebkräfte des Lebens. Im „Tatort – Das Ende der Nacht“ (SR, Degeto / Bavaria Fiction) geht es um viel Geld, das geraubt wird und wurde, doch der Motor dieser Geschichte ist die Suche nach der verlorenen Liebe der Eltern. Dieses Schicksal teilen ein Kommissar und eine junge Tatverdächtige miteinander. Er hat rebelliert, sie ist Kind geblieben. Nach dem packenden, Action-haltigen Raub zu Beginn, schwenkt der „Tatort“ vorübergehend um in einen konventionellen Ermittler-Krimi. Doch mit dem Auftritt von Lena Urzendowskys rätselhafter jungen Frau entwickelt sich der Film zu einem wilden Mix aus Polizeifilm, Gangsterballade, Familien- und Geiseldrama, welcher die Ermittler-Routine aufregend sprengt.
Foto: NDR / Christine Schröder Der NDR bastelt weiter an Lindholms Allein-gegen-den-Rest-der-Welt-Prinzip. Sie hat ihre Helfer, aber das Wesentliche macht sie am liebsten allein. In ihrem 14. Fall bekommt sie es mit einer kriminellen Schulfreundin zu tun. Ein filmisch & psychologisch starkes Duell.
Foto: SR / Manuela Meyer Der dritte Fall des jungen Teams aus Saarbrücken verlinkt die Ermittlungen in einer Einbruchsserie mit dem familiären Hintergrund von Kommissar Adam Schürk. Autor Hendrik Hölzemann, der auch die beiden Vorgänger-Episoden schrieb, führt damit die horizontale Erzählebene um das Geheimnis der Jugendfreundschaft von Schürk und seinem Kollegen Leo Hölzer fort. Das hat Logik und Stringenz. Regisseurin Luzie Loose entschied sich in ihrem „Tatort“-Debüt für eine ruhige, konzentrierte Inszenierung. Der „Tatort – Das Herz der Schlange“ (Bavaria Fiction) bleibt dabei ein lebendiges Zusammenspiel, das in Rückblenden von lauernder Bedrohung auf pure Spannung schaltet. Die Frauenfiguren sind ausbaufähig. Mit mehr Profil für die Kommissarinnen ist dem Quartett aber spätestens nach diesem Fall ein längerer Atem zu wünschen, als das bei den Vorgängern in Saarbrücken der Fall war.
Foto: SWR / Benoit Linder Ausflug ins schwäbische Biotop: Im Fundament eines frisch bezogenen Neubaus wird eine weibliche Leiche gefunden, weshalb die Bewohnerinnen und Bewohner der „Wohngenossenschaft Oase“ in Ostfildern bei Stuttgart aufs Komischste aneinander geraten. Dietrich Brüggemann (Drehbuch, Regie, Musik) präsentiert in seinem dritten „Tatort“ – wie bereits in „Stau“ – ein Potpourri skurriler Typen. „Das ist unser Haus“ (SWR) ist ein Krimi mit fundierter, wenn auch satirisch zugespitzter Milieu-Kenntnis. Die verschwurbelten Dialoge und das zum Teil laienhafte Spiel sind zwar nicht unanstrengend, treffen aber genau den Ton von Kollektiven, die ihren Traum vom alternativen Leben in quälenden Gruppensitzungen in Grund und Boden quatschen. Die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) kämpfen sich geduldig durch das disharmonische Dickicht. Die Geschichte nimmt eine hübsche Wendung, die Spannung bleibt auf mäßigem Niveau.