Monatsüberblick Dezember

Foto: ZDF / Daniela Kaiser
Das einzige echte Drama im Dezember: „Bis es blutet“. Eine Abrechnung mit dem Boulevard-Journalismus im Internetzeitalter.

(tit.) Jahrelang war der Dezember kein guter Monat für die (deutsche) Fernsehfiktion. Seichte Weihnachtsfilme und Wiederholungen über Wiederholungen. Die gibt es zwar dieses Jahr genauso, aber auch jede Menge sehenswerter neuer Fernsehfilme, Reihen-Episoden und Serien. Das Fest der Feste naht: Christmas-Zauber first. Die weihnachtlichen Geschichten hatten zuletzt mit „Bach – Ein Weihnachtswunder“ (ARD, 2024), „Alle Jahre wieder“ (ARD, 2024), „Zitronenherzen“ (ZDF, 2024), „Winterwalzer“ (ARD, 2023) und „Wenn das fünfte Lichtlein brennt“ (ARD, 2021) echte Perlen im Programm. In diesem Jahr ragen zwei 90-Minüter aus dem „Unterm Tannenbau“-Genre heraus: „Prange – Man ist ja Nachbar“ (ARD, 10.12.), eine (Tragi-)Komödie, die zwar in der Weihnachtszeit spielt, aber ganz ohne Lametta-Zauber-Kitsch auskommt. Dafür sorgen Bjarne Mädel, Katharina Marie Schubert und Olli Dittrich! Auch „Dahlmanns letzte Bescherung“ (ZDF, 22.12.), sehr prominent besetzt,  ist kein typischer Weihnachtsfilm; vielmehr nutzt Grimme-Preisträger Magnus Vattrodt die Festtagsstimmung, um die Geschichte clever mit einem Todesfall in Richtung eines doppelbödigen Whodunit-Kammerspiels zu lenken. „Eine fast perfekte Bescherung“ (ZDF, 14.12.), „Weihnachten im Olymp“ (ZDF, 25.12.) mit Millowitsch & Kròl und mit Abstrichen „Weihnachtsüberraschungen“ (ARD, 12.12.) sind durchaus liebenswert, sie stimmen ein wenig nachdenklich – und sie werden ihr Publikum finden.

Zwei nicht-weihnachtliche Highlights im Unterhaltungsfach sind die turbulente Heist-Komödie „Gar kein Geld macht auch nicht glücklich“ (ZDF, 8.12.) mit Katharina Wackernagel im Film ihres Bruders Jonas Grosch und in einer für sie perfekten Rolle, und das lockere Drama „Mit Herz und Hilde“ (ARD, 5.12.), ein versöhnliches, subtextreiches Plädoyer für mehr Gemeinschaft, das Sequel von „McLenBurger – 100% Heimat“, mit einer großartigen Steffi Kühnert. Die Botschaften der meisten dieser Filme besitzen etwas Märchenhaftes – wer Märchen pur genießen will, muss sich dieses Jahr mit Wiederholungen zufriedengeben. Vom ARD-Motto „Sechs auf einen Streich“ ist nur „ein Streich“ geblieben: „Das Märchen vom Schwanensee“ (25.12.) kann sich allerdings sehen lassen. Wer die alljährliche Langfilm-„Märchenperle“ des ZDF sucht, kann lange suchen: Der Sender stellte nach 19 Jahren die erfolgreiche Reihe ein, die so meisterhafte Werke wie „Rübezahls Schatz“ (2017) oder „Das Märchen vom Frosch und der goldenen Kugel“ (2022) hervorbrachte.

Foto: BR / Claussen + Putz / Walter Wehner
„Tatort“ Theater. Batic & Leitmayr haben große Vorbehalte gegenüber dieser seltsamen, fremden Welt. Faszinierend: Ursina Lardi

Ohne Krimi geht die Mimi auch in den langen Dezembernächten nicht ins Bett. Und es erwarten sie sehr gute und genretechnisch vielfältige „Tatorte“. Münster verabschiedet Mechthild Großmann mit Herz, Stil & einer letzten Zigarette und liefert mal wieder „richtig gute Arbeit“. Möhrings Falke bekommt mit Denis Moschittos IT-Nerd einen eigenwilligen, aber sympathischen Kollegen – der Einstand ist eine NDR-Doppel-Episode, Regie Hans Steinbichler, ein ebenso rastloser wie packender Thriller aus der Feder von Alexander Adolph und Eva Wehrum, eine Ko-Produktion mit dem niederländischen Fernsehen. Zwei Schmankerl für gehobene Geschmäcker beenden das ARD-Krimijahr: In „Das Verlangen“ ermitteln die Münchner unter Andreas Kleinerts Regie im Residenztheater, wo jeder mit jedem etwas am Laufen hat – und Ursina Lardi das gute Ensemble krönt. Und Ulrich Tukurs Murot driftet mal wieder ab, diesmal ins eigene Unterbewusstsein. Die Erzählung des Auto-Regisseurs Dietrich Brüggemann ist fantasievoll, skurril, grotesk und gelegentlich brüllend komisch. Hoher Spaß-Faktor für Zuschauer, die klugen Nonsens verstehen. Bei den übrigen Krimis, aus Wien, aus Zürich oder bei „Sarah Kohr“, weiß man, was man bekommt, oder man erkennt, was man an ihnen (Besonderes) hat: „München Mord“, der Austria-„Landkrimi“ und mit leichtem Abzug in der B-Note „Harter Brocken“. Erwähnenswert ist noch „Schattenmord – Unter Feinden“ (ARD, 3.12.), der Film nimmt die Bedrohungslage in Deutschland lebender Juden und den Polizeiapparat als Schlangengrube ins Visier. Trotz des Themas braucht man wohl keine weitere Krimi-Reihe im Ersten, schon gar nicht am Mittwoch. Gelobt sei da ein Einzelstück: „Bis es blutet“ (Arte, 5.12.) mit Elisa Schlott zeichnet ein übles, aber nicht unrealistisches Bild vom Zustand der „vierten Gewalt“ zwischen Boulevard und rechtspopulistischen News-Portalen; das einzige echte TV-Drama im Dezember.

Auch das Serienangebot bleibt überschaubar. Nach Beethoven und Bach ist nun Mozart an der Reihe. Grund für den Filmtitel „Mozart / Mozart“ (ARD, ab 16.12.): Es geht in diesem Sechsteiler mehr noch als um das Wunderkind um dessen ältere Schwester, die auch eine leidenschaftliche Komponistin und Musikerin war. Die teilweise furios inszenierte Serie, in der vor allem Havana Joy und Verena Altenberger glänzen, setzt mehr auf moderne bigger-than-life-Ästhetik als auf biografischen Realismus. „Schwarzes Gold“ (ARD, 29.12.) entführt die Zuschauer:innen in die Zeit des niedersächsischen Ölbooms um 1900. Auch hier wird filmisch nicht gekleckert. Western-Ikonografie trifft auf Melodram, und die überzeugende Harriet Herbig-Matten („Maxton Hall“) soll vor allem das junge Publikum ziehen. Ein Renner bei der öffentlich-rechtlichen Zielgruppe wird die Serie eher nicht. Für die ist zu Silvester seit Jahrzehnten „Dinner for One“ ein Muss. Amazon Prime hat nun um den Mythos herum eine top besetzte, köstlich verspielte und sehr originelle Serie gemacht: „Miss Sophie – Same Procedure as Every Year“ (22.12.) mit einer glänzend aufgelegten Alicia von Rittberg erzählt die Vorgeschichte des Kult-Sketchs.

Foto: Amazon Prime / Gordon Muehle
Moritz Bleibtreu, Frederick Lau, Kostja Ullmann, Alicia von Rittberg, Jacob Matschenz und Christoph Schechinger in „Miss Sophie – Same Procedure as Every Year“ (Amazon Prime), eine Serie, die die Vorgeschichte des Kult-Sketchs „Dinner for One“ erzählt.

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