„Wer sich an die 80er Jahre erinnern kann, der war nicht wirklich dabei.“ Was will Kommissar Schaller (Alexander Held) wohl damit sagen? 80er-Jahre-Partys sind in München auf jeden Fall absolut angesagt: Rechtsmediziner Dr. Laicher (Michele Cuciuffo) feiert seinen Fünfzigsten mit Kir Royal und Mettigel, während bei Nora Plötz (Amy Lombardi) zu Modern Talking Party-Bowle mit K.-o.-Tropfen gereicht wird. Bei dieser 80er-Party waren alle bis zum bitteren Ende dabei, denn – um in Schallers Bild zu bleiben – keiner kann sich an das Geringste erinnern. Am nächsten Morgen, lauter Schnapsleichen – und eine echte Tote: die Gastgeberin. Anlass der Feier war die Erbschaft ihrer verstorbenen Mutter: eine Villa mitten in München. Die Feier endete für sie mit einer tödlichen Injektion. Nora Plötz war eine hyperaktive Frau, hatte Pläne, Projekte, immer was am Laufen, gleichzeitig war sie sprunghaft und impulsiv, berichten ihre Kumpels. Sie wechselte Freundschaften wie ihre Klamotten. Kommissarin Flierl (Bernadette Heerwagen) vermutet deshalb seelische Verletzungen als mögliches Mordmotiv. Ihr Zielobjekt ist vor allem Noras Ersatzmutter Thekla (Beatrice Richter); doch die scheint mit sich im Reinen. Derweil bezichtigt sich ein Gast (Leander Lesotho) selbst: Wer kann schon wissen, was man im Rausch getan hat …?! Einigermaßen verdächtig macht sich ob mehrerer Falschaussagen Noras Mitbewohner (Tilman Vellguth). Dann, endlich, zwei Männer, denen Neuhauser (Marcus Mittermeier) den Mord gern anhängen würde! Der eine (Julius Kastner) erbt die Villa und gibt ausgerechnet dem Lebenspartner von Noras verstorbener Mutter (Wowo Habdank), der aus dem Haus rausmusste, ein Alibi für die Tatnacht. „Ein relativ komplexer Mordfall“, den die neue Kriminaloberrätin Hösl (Eva Karl Faltermeier) dem Keller-Trio nicht so recht zutrauen mag.
Foto: ZDF / Jürgen Olczyk
Bei einem gewöhnlichen Krimi wäre der Handlungsverlauf, bei dem ein Verdächtiger nach dem anderen dem Zuschauer vorgeführt wird, eine dramaturgische Unart. „München Mord“ aber funktioniert anders. Die Charaktere geben häufig ihren launigen Senf zum Fall und dürfen immer auch ein privates Wörtchen mitreden. Aktuell wird die emotionale Nähe zwischen den ewigen Singles Flierl und Neuhauser mal wieder deutlich (amüsant) forciert. Sie flunkern über Dating Apps, auf denen sie „natürlich“ nicht unterwegs sind, und während die Angelika unbedingt wissen will, ob der Harald sie „wegwischen“ würde, wenn ihm ihr Bild angezeigt würde, versucht sich dieser an einem Nostalgie-Trip ins Jahr 1988. Der Auslöser: Ihm begegnet eine alte Flamme (Carin C. Tietze) – und die schwärmt: „der mit den wahnsinnig engen Jeans und den Cowboystiefeln“. Flugs begibt der sich mit seinen Jeans in die Badewanne, holt seine körperbetonte Lederjacke raus, besagte Stiefel – und los geht’s mit dem Selbstversuch. „Ich möchte wissen, ob der Harald von früher, also der jüngere Harald, ob der näher dran ist am echten Harald als ich jetzt.“ Neuhauser also auf der Suche nach dem wahren Selbst, besser spät als nie. Nur, dass er dafür mit triefend nasser Hose im Kommissariat auftauchen muss! Dies ist eine dieser zahlreichen kleinen absurden Schnurren, die einen erheitern und die zugleich einiges über die Charaktere aussagen. Das ist das Besondere an dieser Krimi-Reihe: Das Miteinander der Kommissare, die in ihrer eigenen Welt leben und sich so ihre Gedanken machen. Schaller wird philosophisch, Flierl psychologisch und Neuhauser pragmatisch. Diesmal arbeiten sich die Drei am Thema Lebenslügen ab: Was ist, wenn man falsche Entscheidungen getroffen hat, seine Fehler aber nicht zugeben will?
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Bei so verpeilten Ermittlern wäre ein geradliniger, klassischer Krimi, der mit äußerer Spannung punktet, einfach nicht passend. Hinzu kommt, dass in „Die Stadt, die es nicht gibt“ die Geschichte vorgibt, dass ein breites Ermittlungsfeld abgesteckt werden muss: Die Tote war umtriebig, hatte einen großen Bekanntenkreis, und den möglichen Zeugen fehlt jegliche Erinnerung. Das Chaos der Ermittlungen entspricht dem konkreten Fall: ein Stück Ermittlungsrealismus sozusagen. Also brauchen die Kommissare ein bisschen Glück und die richtige Intuition. Dafür ist mal wieder Schaller zuständig: Der hat plötzlich eine Eingebung, steht vor einer Tanzbar, sieht Freddie Mercury vor sich („geil, oberaffengeil“) und spinnt sich etwas zusammen, was nach einer verwickelten, schön schrägen Fiktion 20 Filmminuten später mit „Bohemian Rhapsody“, von Flierl auf der Ukulele gespielt, augenzwinkernd endet. Ganz zum Schluss tauscht sich das verschworene Trio noch über die neue Chefin aus. „Die passt ganz gut zu uns“, befindet Flierl, die sich zunächst über die Manieren der Dame echauffiert hatte. Und wenn doch nicht? „Dann haben wir immer noch uns.“ Ein Satz, den ausgerechnet Schaller sagt. Ein Satz, den man als Zuschauer voller Wehmut hört. Alexander Held, der seit 2014 diesen versponnen visionären Stoiker unnachahmlich verkörpert, starb am 12. Mai diesen Jahres.
Wer das weiß und wer diesem unkonventionellen Charakter und diesem hervorragenden Schauspieler Sympathie entgegenbringt, für den ist „Die Stadt, die es nicht gibt“ keine gewöhnliche „München Mord“-Episode. Ist das Krimigenre in der Regel dazu da, den Tod symbolisch zu beherrschen, das Ableben zu einem „Fall“ werden zu lassen und somit den Tod, ja, den eigenen Tod, zu verdrängen, so lässt sich in diesem Fall der reale Tod nicht so ohne Weiteres ausblenden. Dass Alexander Held nicht mehr unter uns weilt, dass er diesem Ludwig Schaller nicht weiterhin sein reduziertes Mienenspiel schenken kann, wird einem in jeder Szene mit ihm offenbar. Vielleicht sucht man Spuren einer Krankheit, vielleicht überkommt einen nur Melancholie. Helds Tod spielt beim Sehen eine Hauptrolle in diesem Film, der sich dadurch – unbeabsichtigt – mehr denn je vom Wesen eines Durchschnittskrimis verabschiedet. Und der Journalist, der Kritiker und der Fan fragen sich: Wie geht es weiter? Geht es weiter? Eine Frage, die sich vor 35 Jahren auch die Überlebenden der Gruppe Queen stellten. Was für ein Zufall, dass der vorletzte Schaller-Auftritt sich um Freddy Mercury dreht.
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