(tit.) Der Trend des ersten Halbjahres 2025 hat sich nach der Sommerpause bestätigt. Das hohe Serien-Niveau des vergangenen Jahres kann m.E. nicht ganz gehalten werden. Den Leuchttürmen der ersten beiden Quartale, „The Next Level“ (ARD), „Krank Berlin“ (Apple TV+), „Parallel Me“ (Paramount+) oder „Die Affäre Cum-Ex“ (ZDF), stehen „Call my Agent Berlin“ (Disney+), „Chabos“ (ZDF), „Ku’damm 77“ (ZDF, seit 27.12. bereits im Stream) und das Katastrophendrama „Hundertdreizehn“ (ARD/ORF) aus der zweiten Jahreshälfte gegenüber. Ob diese Produktionen an 2024er-Serien wie „Die Zweiflers“ (ARD), „Kafka“ (ARD), „Angemessen Angry“ (RTL+), „Zeit Verbrechen“ (RTL+), „Sexuell verfügbar“ (ARD), „Oh Hell“ (Magenta TV), „Der Informant“ (ARD), „Reset“ (ZDF), „Achtsam Morden“ (Netflix), „Perfekt verpasst“ (Prime Video), „Finsteres Herz – Die Toten von Marnow 2“ (ARD) etc. heranreichen, das muss jeder selbst beurteilen. Noch steht genügend gutes deutsches Programm zum Streamen bereit. Das größere Problem besteht eher darin, den Überblick zu behalten, insbesondere über das Angebot an Serien, die nicht in aller Munde sind und die – anders als Reihen – nicht mit Gewöhnungs- und Wiedererkennungseffekten ihr Publikum ködern können.
Foto: ZDF / Nikolaus Schreibertittelbach.tv versucht deshalb, Sehenswertes in Erinnerung zu rufen – mit Hilfe der Texte zu den Streaming-Highlights, den Serien- und Film-Empfehlungslisten in den Randspalten der Startseite und mit Hilfe der Rankings zu den deutschen Serien eines Jahres (Best of 2024). Dort werden einem für 2025 (in Arbeit) vermehrt Nicht-Mainstream-Serien ins Auge fallen, kleinere, preiswertere Nischen-Formate, mit denen vor allem ARD und ZDF jüngere Zuschauer ansprechen wollen. Die Schmankerl des ersten Halbjahres waren Serien wie David Schalkos absurd-düstere Anthologieserie „Warum ich?“ (ARD), die alltagsnahe Milieu-Dramedy „Marzahn – Mon Amour“ (ARD) mit Jördis Triebel, die angenehm ernsthafte Jungmänner-Comedy „Softies“ (RTL+), das schwarzhumorige „Drunter und Drüber – Chaos auf dem Friedhof“ (Prime Video), die Mundart-Coming-of-age-Komödie „Tschappel“ (ZDF) oder „Nighties“ (ZDF), eine Comedy rund um das Nachtschichtpersonal eines heruntergekommenen Hotels. Neueren Datums ist die bereits erwähnte Serie „Chabos“ (ZDF), eine ironisch-tragikomische, vor filmischen Ideen berstende Rückschau ins Jahr 2006, die die Millennial-Jugend und ihre unmöglichen (popkulturellen) Rituale selbstkritisch wiederbelebt und die eine Nostalgie weckt, die weh tut. Jugend bzw. die Schwierigkeit, in den 2020er-Jahren jung zu sein, dominierte zahlreiche Serien im Herbst – mit „Schattenseite“ (ARD), einem packenden Coming-of-Age-Thriller, mit „High Stakes“ (ZDF), einem wenig beachteten Genre-Kleinod über eine junge Muslima, die Astronautin werden will, jedoch am Pokertisch landet, oder mit „Stabil“ (ARD), einem nischigen Sechsteiler, der in einer jugendpsychiatrischen Einrichtung spielt. Prototyp für diese Jugendfixierung ist die Serie „Euphorie“ (RTL+), die die Suchtproblematik ihrer Held:innen ernster nimmt als die US-Version. Rund 15 Jahre älter ist das Pärchen in der Serie „Naked“ (ARD), einem mutigen Versuch, das Thema Sexsucht seriös zu erzählen. Das ist spannend und mutig, wie das nackte Spiel der Protagonisten. Anders mutig – und jünger, aufwendiger & wild: „Mozart / Mozart“ (ARD/ORF), erwartungsgemäß umstritten. Sehr viel gefälliger, aber nicht weniger originell ist „Miss Sophie – The same Procedure as Every Year“ (Prime Video), eine top besetzte Serie, die die Vorgeschichte von „Dinner for One“ erzählt.
Das Trauerspiel der Saison 2024/25, der insbesondere von der ARD forcierte Niedergang des Fernsehfilms, hat sich im Herbst nicht ganz so deutlich fortgesetzt. Wartete im Frühjahr nur das ZDF mit zwei Top-Einzelstücken auf, dem Biopic „Rosenthal“ und dem lebensbejahenden „Sterben für Beginner“, hatte die ARD zumindest zwei Glanzstücke im Herbstprogramm: den preisgekrönten Polizeifilm „Die Nichte des Polizisten“ über eine junge Polizistin, die zwischen die politischen Fronten gerät, und „Polizei“, ein Drama ganz aus der Perspektive eines jungen Mannes erzählt, der am 1. Mai in Berlin zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Ausgeglichen ist das Verhältnis ARD zu ZDF auch in puncto Zweiteiler: War im Frühjahr das ebenso sachliche wie spannende Soko-Krimi-Drama „Spuren“ (ARD) mit Nina Kunzendorf ein absolutes Highlight, so zeigten Hannah Hollinger und Matti Geschonneck in „Sturm kommt auf“ (ZDF) mit Josef Hader, wie sich Literaturverfilmung, politische Analyse & filmische Präzisionsarbeit verbinden lassen. Keinen journalistischen Support benötigen die Krimi-Reihen, die das ganze Jahr das TV-Programm und die Mediatheken dominieren. Meine Favoriten bei „Tatort“, „Polizeiruf“ und ZDF-Krimis stehen in den Empfehlungslisten in den Randspalten der Startseite (unten). Viel Spaß beim Durchstöbern, Entdecken und Streamen.
Foto: SWR / Leonine Studios