Monatsüberblick April

(tit.) „Zwei Grimme-Preis-verdächtige Serien, zwei Fernsehfilme der Extra-Klasse, drei vorzügliche Krimi-Dramen und ein Thriller, hinter dem sich auch ein Hitchcock nicht verstecken müsste“ – Wie schön wäre es doch, die Monatsübersicht einmal wieder so oder so ähnlich beginnen zu können. Stattdessen immer dasselbe Lied, das anzustimmen, mir selbst schon peinlich ist: Krimis, nichts als Krimis …! Dass diese Episoden populärer Reihen größtenteils sehenswert sind, macht die Sache im Kern nicht besser. Irgendwann sollten sich die öffentlich-rechtlichen Sender fragen, ob ihr fiktionaler Auftrag allein dieser Krimi-Overkill sein kann. Oder steckt Kalkül dahinter – sprich: die Hoffnung, auf diese Weise Zuschauer, die gern mal ohne Krimi ins Bett gehen, in die Mediatheken zu locken? Das Repertoire von ARD, ZDF und Arte, das von besseren Zeiten profitiert, kann sich tatsächlich (noch) sehen lassen. Allerdings werden bei diesem einseitigen Premieren-Angebot auch immer mehr Zuschauer jenseits der gewohnheitsliebenden Ü60-Krimi-Zielgruppe den Öffentlich-Rechtlichen den Rücken kehren.

Foto: Degeto / WDR / W&B / Mark Cassar / Leni Wesselman
Ein Film, der sich abhebt von den gewöhnlichen Auslandskrimis: der Thriller „Zielfahnder – Kalte Sonne“ mit Tscharre und Koffler.

Der April ist entsprechend schneller abgehakt als die vorangegangenen Monate. Die Leuchttürme im Spannungsgenre sind die vierte „Zielfahnder“-Episode „Kalte Sonne“ (ARD, 18.4.) und der dritte Zweiteiler aus der „Lost in Fuseta“-Reihe (ARD, 25.4.) mit Jan Krauter nach den Romanen von Gil Ribeiro alias Holger Karsten Schmidt, aber auch „Sarah Kohr“ (ZDF, 27.4.) und „Helen Dorn“ (ZDF, 11.4.) warten mit besonders starken Filmen auf. Solide die ARD-Auslands-Reihen am Donnerstag, „Der Irland-Krimi“ (10.+17.4.) mit der stets überzeugenden Désirée Nosbusch, und „Kommissar Dupin“ (2.4.) aus der Bretagne. Das Saarland ist gleich doppelt mörderisch vertreten, mit einer neuen „In Wahrheit“-Episode (Arte, 17.4.) mit Christina Hecke und mit einer neuen vielversprechenden ARD-Reihe, die besser ist als ihr Titel: In „Der Saarland-Krimi“ (30.4.) mit Aram Arami und Olga von Luckwald geht es um einen traumatisierten Ex-Bullen, der seine neu gewonnene Expertise als Soziarbeiter in die Fälle einbringt. Nach dem guten Start von „Morden auf Öd“ (14.+21.4.) im letzten Jahr geht es jetzt mit zwei neuen Episoden weiter, allerdings vorerst nur bei RTL+. Gerne hätten wir auch den Reboot von „Kommissar Rex“ (Sat 1, ab 13.4.) besprochen, gäbe es da nicht eine geradezu obszöne Knebel-Sperrfrist. Ein gutes Niveau ohne die absoluten Ausreißer nach oben bieten die vier „Tatort“-Premieren: Die Kölner (12.4.) haben nach der Oper das Kinderfernsehen entdeckt, was für launige Zwischenspiele sorgt. Die Wiener (26.4.) gehen auf Abschiedstournee, während für Batic & Leitmayr bereits zu Ostern das letzte Stündlein geschlagen hat. 100 „Tatorte“, seit 1991, dieser Rekord wird Fernsehgeschichte schreiben, „Unvergänglich“ (5.+6. 4.) selbst, ein Zweiteiler, nicht unbedingt. Allerdings bieten die 180 Minuten massig Fan-Futter. Und ein Top-„Tatort“ mit Sogkraft kommt aus dem Schwarzwald: „Innere Angelegenheiten“ (19.4.) ist ein konzentriert erzähltes Krimi-Drama um Korpsgeist, Rassismus & polizeiliches Selbstverständnis.

Bei so viel Krimi freut man sich über jedes andere Genre, so beispielsweise über die vier neuen Episoden der etwas anderen „Herzkino“-Reihe „Neuer Wind im alten Land“ (ZDF, ab 15.4.) mit Franziska Woll, die tierische Komödie „Eat Pray Bark – Therapie auf vier Pfoten“ (Netflix, ab 1.4.) mit Alexandra Maria Lara und Devid Striesow oder das launige Emanzipationsdrama „Fast perfekte Frauen“ (ZDF, 3.4.) mit (fast) nur Frauen vor unter hinter der Kamera und mit Silke Bodenbender in der Hauptrolle. Weniger freut sich der Kritiker über die Episoden 29 bis 34 von „Praxis mit Meerblick“: Was die Degeto geritten hat, dieses Jahr gleich sechs Episoden der Reihe mit Tanja Wedhorn am Freitag zu platzieren, bleibt das Geheimnis von Christoph Pellander. Diese Art von Monokultur mag Fans dieser Reihe binden (die Vierer-Staffel 2025 erreichte linear durchschnittlich 3,59 Mio. Zuschauer = 15,4% MA), verhindert aber das, was in der Nach-Jurgan-Zeit viele Freitagsfilme auszeichnete: bunte, abwechslungsreiche und gelegentlich überraschende Geschichten. Die Vielfalt der Stoffe und Tonarten geht nun leider mit dem Blick auf Marken und Labels flöten. Das mag dem Trend (der Streamer) entsprechen; von der ARD aber sollte man mehr als nur marktwirtschaftliche Überlegungen erwarten dürfen. Und damit sind wir beim Highlight des Monats: der Zweiteiler „Sternstunde der Mörder“ (ARD, 3.4.) nach dem Roman von Pavel Kohout. Während im Frühjahr 1945 das Ende der deutschen Besatzung naht, geht in Prag ein Serienmörder um. Eine spannende und bewegende Literaturverfilmung, die gleichzeitig Zeitporträt, Krimi und ein bisschen Melodram ist. Wer trotzdem lieber den 999. Reihen-Krimi guckt, dem ist nicht mehr zu helfen. Will damit sagen: Ein bisschen haben auch die Zuschauer*innen mit ihrem teilweise merkwürdigen Einschaltverhalten diese Entwicklung zur Einfalt mitzuverantworten …

Foto: Degeto / NDR / HR / Domenigg / Wesselmann
Die Serienmörder sind unter uns. „Sternstunde der Mörder“ (ARD, 3.4.) nach Pavel Kohouts Roman. Muss man gesehen haben!

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