Es geht doch! Weil dieses Jahr die Sender, was die populären Thrill-&-Crime-Formate angeht, bereits einen Monat früher in den Wiederholungsmodus schalten, gibt es im Mai – im Gegensatz zum mit Mord und Todschlag zugepflasterten April – nur noch vereinzelte Krimi-Reihen-Episoden, von eher durchschnittlicher Qualität. Der letzte „Tatort“ (ARD, 3.5.) kann sich allerdings sehen lassen: Der kommt aus Zürich, heißt „Könige der Nacht“, ist temporeich, spannend und gesellschaftlich relevant. Im Gegensatz zur ARD, dessen Fiction-Programm geradezu in eine vorsommerliche Flaute verfällt, überrascht das ZDF mit einigen Produktionen, die möglicherweise nicht das ganz große Publikum erreichen, aber zu den Highlights des Jahres gezählt werden können. Zwei davon fallen zwar in die Sparte Krimi, allerdings auf eine Art und Weise, die meilenweit entfernt ist von den üblichen Erzählmustern und Routine-Ermittlern. Weshalb man sieben Jahre auf den zweiten „Danowski“ (ZDF, 4.5.) mit Milan Peschel als trocken humoriger Fallanalytiker warten musste, obwohl es mittlerweile sieben Romane von Till Raether gibt, weiß das ZDF allein (die Antwort aus der Redaktion: eine Phrase). „Neunauge“ jedenfalls ist wie „Blutapfel“ ein großes Vergnügen. Weniger zum Schmunzeln – obwohl eine österreichische Koproduktion – ist Marie Kreutzers Landkrimi „Acht“ (ZDF, 20.5.) mit Regina Fritsch, Thomas Prenn & Verena Altenberger. Der Film ist Charakterstudie, spannungs- & wendungsreiches Krimi-Drama und ein perfekt inszeniertes Gesamtkunstwerk.
Foto: ZDF, ORF / Felix VratnyFans von Christoph Maria Herbst & Annette Frier dürfen sich auf eine weitere Episode von „Merz gegen Merz“ (ZDF, 21.5.) freuen. Es gibt aktuell kein vergleichbares intelligentes, Figuren-zentriertes & top besetztes Format im deutschen Fernsehen, das so witzig ist, so bissig & voller Ironie steckt. Vielleicht muss ja die Reihe bald umbenannt werden in „Merz & Merz“. Um das seltsame Spiel, ja, die verschiedenen Phasen der Liebe, geht es in „Zwei am Zug“ (ZDF, 17.5.) mit Katharina Wackernagel und Rick Okon. Drehbuchautor Sathyan Ramesh nimmt das Label „Herzkino“ ernst; wer mag kann sich an Richard Linklaters „Before“-Trilogie erinnert fühlen. Nachdem es am ARD-Freitag sechs Mal „Praxis mit Meerblick“ hieß, zeigt die Degeto Ende Mai, dass es auch anders geht: mit der Beziehungskomödie „Rosen und Reis“ (ARD, 22.5.) mit Anneke Kim Sarnau, Oliver Wnuk & Marlene Morreis sowie mit „Mensch Mutti“ (ARD, 29.5.), einer Tragikomödie mit Frida-Lovisa Hamann, Lucie Heinze, Steffi Kühnert & sozialer Bodenhaftung. Das Highlight in Sachen Tragikomödie und der Film des Monats ist „Olivia“ (ZDF, 13.5.). Das Biopic nach der Autobiografie von Dragqueen Olivia Jones erzählt mehr als die übliche Success-Story vom Ausbruch aus der sozialen Enge, vom Aufbruch zu einem neuen Ich und Aufstieg zum Travestie-Künstler. Der Film von Till Endemann (Regie) & David Ungureit (Buch) ist auch ein Spiegel deutscher Sitten- und Selbstbestimmungsgeschichte. Neben Hauptdarsteller Johannes Hegemann glänzt zum zweiten Mal im Mai Annette Frier in der Rolle von Olivias Mutter.
Bleiben die Serien – und: ein Zweiteiler. Der ist – wie schon der Titel „Mama ist die Best(i)e“ (ZDF, 18.5.) vermuten lässt – schön österreichisch angeschrägt: auf dem Papier Krimi und Familiendrama, allerdings durchzogen von Wiener Schmäh, Figuren-Sarkasmus und erzählerischer Ironie. Autor Uli Brée („Vorstadtweiber“) und Hauptdarstellerin Adele Neuhauser verpflichten schließlich! Gleich drei Serien gehen sehr überzeugend in die zweite Staffel. In der ARD gibt es die Free-TV-Premiere „Totenfrau“ (2.5.) mit Anna Maria Mühe. Schön makaber geht es auch wieder zu in „Achtsam Morden“ (Netflix, 28.5.; Kritik folgt) mit Tom Schilling. Ohne Qualitätsverlust auf zehn Episoden aufgestockt wurde das etwas andere Medical, die preisgekrönte Geburtsstationsserie „Push“ (ZDFneo, 27.5.), mit Anna Schudt, Mariam Hage & top besetzten Episodenrollen. Das Beste zum Schluss: die internationale Koproduktion „Etty“ (Arte, 21.+28.5.) mit Julia Windischbauer & Sebastian Koch. Keine Serie, die man mal eben gemütlich wegguckt. Erzählt wird anhand von Tagebüchern und Aufzeichnungen das kurze Leben von Etty Hillesum, einer jüdischen Intellektuellen, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Als historische Fiktion unterscheidet sich „Etty“ von den meisten Filmen und Serien über die Nazizeit fundamental, denn Hagai Levi verzichtet auf ein Szenenbild, das die 1940er Jahre nachbaut – und verlegt die Handlung in eine gegenwartsnahe Zeit…
… und Tilmann P. Gangloff hat bereits zwei aktuelle (deutsche) Kinofilme besprochen: „Der verlorene Mann“ (Start: 14.5.) mit Harald Krassnitzer & Dagmar Manzel sowie „Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist nur ein Anfang“ (Start: 23. Mai) mit Maximilian Brückner.
Foto: ZDF / Thomas Leidig