Monatsüberblick Oktober

(tit.)  Auch dieses Jahr gibt es wieder einen goldenen Oktober fürs deutsche Fiction-TV. Der Fernsehfilm des Monats ist das Drama „Die Nichte des Polizisten“ (ARD, 8.10.), dem es gelingt, über den packenden Thriller hinaus, die Hintergründe zum mutmaßlichen NSU-Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter im April 2007 zu einer spannenden und wütend machenden Fiktion zu verdichten, ohne in eine plumpe Verschwörungserzählung zu verfallen. Großartig in ihrer ersten Hauptrolle: Magdalena Laubisch. Ein weiteres Einzelstück-Highlight ist das ebenso vielschichtige wie sensibel inszenierte Schuldrama „Von uns wird es keiner sein“ (Arte, 17.10.; ZDF, 20.10.) um eine jugendliche Clique, die sich mit der Ankündigung eines Selbstmords auseinandersetzen muss. Ein perfekt besetzter Film, in dem die Jungschauspieler sogar noch das gute Spiel der prominent besetzten „Erwachsenen“ toppen. Suizid ist in mehreren Oktober-Produktionen ein Thema. Im gewohnt überzeugenden Rostocker „Polizeiruf – Tu es!“ (ARD, 19.10.) ist die Selbsttötung zweier Jugendlicher der Ausgangspunkt eines mysteriösen Falls, der in seiner Konzentriertheit und radikalen Darstellung auch den Zuschauer in eine Art Ausnahmezustand versetzt.

Foto: HR / Degeto / Sommerhaus / Daniel Dornhöfer
Das Keller-Duo, das sich durch Cold Cases wühlen muss. Melika Foroutan und Edin Hasanovic im HR-„Tatort – Dunkelheit“

Kaum heller ist die sehr beeindruckende Premiere des neuen Frankfurter „Tatort“-Duos ausgefallen, passend dazu der Titel: „Dunkelheit“ (ARD, 5.10.). Melika Foroutan und Edin Hasanović spielen ein Zwei-Personen-Team mit migrantischem Hintergrund, das sich mit Altfällen beschäftigt. Auch die beiden anderen „Tatorte“, „Siebenschläfer“ (ARD, 12.10.) aus Dresden und Lindholms Comeback in „Letzte Ernte“ (ARD, 26.10.), sind Krimis, deren (Familien-)Dramen ebenso wichtig sind wie die Frage nach dem Täter. Für die besseren der übrigen Krimis gilt: Es ist ein deutliches Bemühen erkennbar, das Genretypische und strukturell Immergleiche einfallsreich zu variieren – durch einen besonderen narrativ-emotionalen Kniff („Stralsund – Ablaufdatum“, ZDF, 18.10.), eine geradezu übersinnliche Ebene ( „Theresa Wolff – Passion“, ZDF, 4.10.), durch einen tollen Gast (Anneke Kim Sarnau), dezenten Humor und originelle Details („Wendland – Stiller und der Wolf im Schafspelz“, ZDF, 15.10.) oder durch eine kriminalistisch und historisch komplexe Plot-Konstruktion rund um die bis ins Mittelalter zurückreichende Historie der Jenischen, eines fahrenden Volkes („Vogelfrei – Ein Schwarzwaldkrimi“, ZDF, 6.10.).

Im leichten Fach ist wenig zu holen. Die Ausnahmen sind die etwas andere, sowohl linear als auch im Stream erfolgreiche Medical-Reihe „Dr. Nice“ (ZDF, ab 5.10.), die köstliche Komödie „Entführen für Anfänger“ (ARD, 17.10.) mit Sawatzki/Berkel, die bereits für den Dezember angekündigt war, und möglicherweise auch die neuen Episoden der bisher überzeugenden ARD-Freitagsreihe „Schule am Meer“ (ARD, ab 24.10., Kritik folgt). Das Highlight im Unterhaltungsfach ist für Tilmann P. Gangloff der Netflix-Achtteiler „Alphamännchen“ (ab 2.10.). Damit sind wir beim Serien-Angebot des Monats: vier großartige Dramen, zwei davon mit mächtig Thrill, die beiden anderen mit schmerzhaft psychologischem Tiefgang. In „Naked“ (ARD, 5.10.) durchlebt und durchleidet ein Paar die Höhepunkte und Qualen der Sexsucht. In „Euphorie“ (RTL+, ab 2.10.), entstanden nach einem israelischen Original und weniger freizügig als die US-amerikanische Adaption „Euphoria“, vermischen sich Liebessehnsucht und Drogensucht zu einem filmisch magischen, menschlich tragischen Cocktail. Wunderbar vielgesichtig gespielt von Newcomerin Derya Akyol, die auch in „Von uns wird es keiner sein“ eine Hauptrolle spielt. Ähnlich gelagert mit ihren Teenager-Charakteren und existenziellen Schülerproblemen ist die Serie „Schattenseite“ (ARD, 26.10.), die allerdings darüber hinaus 270 Minuten hoch spannend ist. Hier droht jemand, mittels einer Website die intimsten Geheimnisse einiger Schüler öffentlich zu machen. Beide Serien heben sich in ihrer Ernsthaftigkeit deutlich ab vom seichten Young-Adult-Serien-Durchschnitt. Die Krönung in Sachen Spannung und dramaturgisch-narrativer Brillanz ist jedoch die deutsch-österreichische Koproduktion „Hundertdreizehn“ (ARD, 14.+15.10.) mit Lia von Brarer, Robert Stadlober, Anna Schudt, Patricia Aulitzky, Armin Rohde und Friederike Becht. Ein tragischer Busunfall, erzählt aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Eine Serie, die durchaus das Zeug dazu hat, auch beim breiten (älteren) Publikum mal wieder zu punkten.

Foto: Degeto / HR / Dreamtool / Kreyenberg
Der Fokus vieler Geschichten in Film & Serie ist im Oktober auf die Jugend gerichtet: Schüler, die häufig allein gelassen werden mit ihren Problemen und sich eigene, oft ungesunde Lösungsvorschläge ausdenken wie in der Serie „Euphoria“ (RTL+). In „Schattenseite“ (ARD, Foto) ersticken sie fast an ihren Geheimnissen. Suizid ist auch in „Von uns wird es keiner sein“ (ZDF) Thema.

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