Foto: ZDF / Conny Klein(tit.) Der kalte Januar ist der Monat, in dem die Fernsehgeräte besonders heiß laufen. Um das Publikum entsprechend massenweise abzuholen, ist das Programm überdeutlich am Mainstream orientiert, dem Geschmack derer, denen ihre liebgewonnenen Gewohnheiten alles bedeuten. Und so schlägt auch in diesem Januar die Stunde des Gebrauchsfernsehens: „Wilsberg“, „Marie Brand“, „Erzgebirgskrimi“ – alles nicht der Rede wert (Gangloff hat’s gesehen und für andere Medien besprochen). Dass sich nun auch Vorabendserien-Mittelmaß à la „Morden im Norden“ oder „Watzmann ermittelt“ um 20.15 Uhr breitmacht, wie „Die Kanzlei“ als 90-Minüter, diese Unsitte wird tittelbach.tv nicht unterstützen. Mit einem Ausreißer nach oben überrascht allein der Dauerbrenner „Ein starkes Team“ (ZDF, 10.1.).
Vom unerfreulichsten Trend zum Ereignis des Monats: Die Schöllacks sind wieder da! In alter Frische, unverbesserlich konfliktfreudig und doch sichtlich gereift: „Ku’damm 77“ ist thematisch wie dramaturgisch mindestens so gut wie die drei Staffeln zuvor. Durch den Zeitsprung lässt sich erkennen, wie Verhaltensmuster, Rollenbilder oder Süchte in der Familie, die interessanten Zuwachs bekommen hat, weitergegeben werden. Mit ihren narrativen Wendungen hat sich Autorin Annette Hess noch deutlicher als bisher frei gemacht von der braven deutschen Art, Geschichte als Abhaken von Themen zu präsentieren, hat sich stärker orientiert am Selbstverständnis amerikanischen Erzählens und erreicht so internationales Premium-Serien-Niveau. Besonders clever ist ein Film-im-Film-Kunstgriff, der Vergangenes aus den ersten drei Staffeln in Erinnerung ruft und das, was der Familie zwischen 1964 und 1976 passiert ist, dem Zuschauer beiläufig realistisch nachreicht … Wie schon im Dezember ist das Serienangebot sehr überschaubar: Die Biografie von „Crypto-Queen“ Dr. Ruja Ignatova, die 3,5 Millionen Menschen weltweit nichts als „heiße Luft“ verkaufte und ihre Anleger um über vier Milliarden Euro betrog, schreit nach einer Verfilmung. Der Sechsteiler „Take the Money and Run“ (ZDFneo, ab 11.1.) macht das Meiste richtig, so die nicht-chronologische Erzählweise; diese allerdings ermüdet trotz enormer Subtext-Dichte auf Dauer. Mit vier statt sechs Folgen wäre die Serie ein Volltreffer.
Foto: MDR / MadeFor / JunghansIm Unterhaltungsfach sehenswert sind zwei Produktionen. Da ist die fünfte Episode von „Anna und ihr Untermieter“ (ARD, 23.1.), einer Reihe, die in der Tradition der fast ausgestorbenen Familienserie steht und trotz Helfersyndrom-Motiv immer wieder liebenswerte, alltagsnahe Problem-Situationen (er)findet und sie mit einem dezenten Schuss Ironie versieht. Und in „Ein Taxi für zwei“ (ARD, 16.1.) begeben sich Andrea Sawatzki und Christian Berkel zum vierten Mal in einen munteren Beziehungsclinch: hoffnungslose Romantikerin vs. hoffnungsloser Zyniker – das hat was (denn auch der Plot & die charakterlichen Details passen) und macht Laune. Quantitativ mager sieht es mal wieder beim ARD-Mittwochs-Fernsehfilm aus, dafür stimmt die Qualität. Autorin Ruth Toma erzählt in „Die Frau in Blau“ (ARD, 21.1.) mit Joachim Król und Jonas Nay, wie ein Autounfall das Leben zweier Menschen verändert. Es ist eine ungewöhnliche Opfer-Täter-Geschichte. In dem lebensklugen, vielschichtig bewegenden Film von Rainer Kaufmann geht es um das Abtragen einer Schuld, um das Finden einer neuen Perspektive, um Wege aus Lethargie und Deprimiertheit. Ein weiteres Highlight ist das zweite, auch visuell sehr viel stärkere Krimi-Drama mit Andrea Sawatzki als Anwältin, Freundin, Beraterin und als Ermittlerin, die der Polizei manchmal einen Schritt voraus ist: „Die Verteidigerin – Der Fall Nicola“ (ARD, 14. 1.) von Lars-Gunnar Lotz nach dem ausgezeichneten Drehbuch von Magnus Vattrodt handelt von den dramatischen Folgen für eine Familie, die in den Fokus einer Öffentlichkeit gerät, die vom True-Crime-Jagdfieber gepackt wird.
Der Rest ist mal wieder Krimi, nichts als Krimi! Allerdings in abwechslungsreicher Form, zahlreiche Spielarten des Genres abdeckend. Da geht es moderat Genre-ironisch und thematisch überraschend tiefgründig mit „Nord bei Nordwest – Pechmarie“ (ARD, 29.1.) zum 28. Mal an die Ostsee nach Schwanitz. Bereits zwei Wochen zuvor darf Holger Karsten Schmidt in „Nord bei Nordost – Jagd in die Vergangenheit“ (ARD, 8.1.) seine dramaturgische Könnerschaft unter Beweis stellen. Diese Reihe ist alles andere als ein billiger „Nordwest“-Ableger. In der zweiten Episode geht es nicht so sehr um kriminalistische Ermittlungsarbeit, sondern um große Themen: Liebe, Identität, Loyalität, Familie, Verrat. Damit sind wir bei meinem Lieblings-Credo: Jeder Film auf einem der viel zu vielen Krimi-Sendeplätze, der ein Krimi-Drama erzählt, ist ein guter Film.
Foto: SWR / Benoît LinderWie das gehen kann, zeigen vorbildlich alle fünf „Tatorte“ (ARD) im Januar. Der beste gleich zu Beginn: „Nachschatten“ (1.1.) aus Dresden ist ein echter Festtagskrimi. Ein Leben in einem Kellerraum, abgeschottet vor „der bösen Welt“. Der brillant inszenierte, mit Emilie Neumeister und Nina Kunzendorf top besetzte Film von Saralisa Volm nach dem ebenso dramaturgisch klugen wie psychoanalytisch fein unterfütterten Drehbuch von Viola Schmidt erzählt eine krankhaft-wahnhafte Familiengefängnis-Variante. Aber auch alle anderen „Tatorte“ können sich sehen lassen: Rudi Gauls „Das jüngste Geißlein“ (4.1.) verknüpft die Geschichte eines offenbar verwaisten kleinen Mädchens raffiniert & filmisch suggestiv mit dem Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein. Der Tod als große Oper – das gibt es bei Ballauf & Schenk. Applaus für diesen nicht unbedingt spannenden, aber erzählerisch und visuell reizvollen Opernhaus-„Tatort“ aus Köln, „Die Schöpfung“ (11.1.). Kopfschütteln dagegen über die Programmierung zwei Wochen nach dem Whodunit aus dem Münchner Residenztheater! Bei dem Stuttgarter „Tatort – Ex-It“ (18.1.) schlägt das Pendel besonders stark in Richtung (Beziehungs-)Drama aus, was ich ausgesprochen angenehm finde (siehe mein Credo oben) und was Gangloff in seiner t.tv-Kritik eher missfällt. Ein starkes Stück aus Bremen beendet den „Tatort“-Reigen: „Wenn man nur einen retten könnte“ (25.1.) von Ziska Riemann nach dem Buch der Krimi-Expertinnen Christine Otto und Elisabeth Herrmann trifft das Thema „Jugend“ besser als andere Filme fürs Boomer-Publikum, erzählt vom Druck junger Menschen mit cleveren Drehs und feinen Differenzierungen.
Dass RTL wieder verstärkt fiktionale Eigenproduktionen in Auftrag gibt, freut vor allem die Produzenten hierzulande. Dass es sich dabei fast ausschließlich um Krimi-Reihen handelt, wie man sie auch im ZDF zeigen könnte, allerdings dort wohl mit mindestens zwei Millionen Zuschauern mehr, das freut vor allem die Ü50-Krimifan-Gemeinde. Und dass der Januar mit zwei neuen Formaten aufwartet, „Haveltod – Ein Potsdam-Krimi: Im Kopf eines Killers“ (13.1.) mit „GZSZ“-Urgestein Wolfgang Bahro und „Einsatz Seeler – Ein Lübeck-Krimi: Geld wie Heu“ (20.1.) mit Sebastian Ströbel, das freut unseren Krimi-Fan Tilmann P. Gangloff. Mich freut vor allem, dass RTL mit Seeler einen Ex-Bullen, der sich seit seinem Ausstieg als Sozialarbeiter für die Resozialisierung straffälliger Jugendlicher engagiert, ins Krimi-Quotenrennen schickt und damit die Genrefarbe in Richtung Sozialdrama variiert. Noch kritischere Töne schlägt die 22. Episode von „München Mord“ an, die – ungewöhnlich für die Reihe – sich Justitia zur Brust nimmt: Kein Ruhmesblatt für die bayerische Justiz war jener „Badewannenmörder“-Fall, auf dem der B-Plot von Anno Sauls Film basiert. Es scheint, als ob sich Ina Jung & Friedrich Ani nach vier Jahren Pause mit großer Lust an ihr achtes gemeinsames Buch zur Reihe gemacht haben. „Im Zweifel für den Zweifel“ (ZDF, 31.1.) ist die beste „MM“-Episode seit langem.
Foto: ZDF / Jürgen Olczyk