Monatsüberblick September

(tit.) Endlich, die Saison beginnt. Geht man nach der Anzahl der Premieren, ist es eher ein schwacher, geht man nach der Qualität ein starker September. Ob man daraus die These ableiten kann, es wird weniger produziert, dafür sind die Fernsehfilme und Serien umso besser, das werden die nächsten Monate zeigen. Mir kann es nur recht sein. Momentan stoße ich mal wieder an die Grenze des Machbaren. Sechs Stunden für eine Serie allein für das Gucken „opfern“, das ist zu viel Lebenszeit, und selbst wenn eine Produktion herausragend wäre, ist dieser Aufwand nicht bezahlbar. Für uns bleibt allerdings die gängige Praxis vieler Kollegen ein Unding, eine Serie von acht Folgen nach Sichtung von zwei oder drei Folgen seriös bewerten zu wollen. Es gibt sogar Zeitschriften, die ohne eine einzige Minute gesehen zu haben, prognostische Wertungen abgeben. Kurz gesagt: Es wird deshalb vorerst keine Kritik zu der Endzeit-Drama-Horror-Serie „City of Blood“ (Disney+, ab 16.9.) geben. Und nachdem tittelbach.tv 2018 und 2022 zwei monströse Texte zu „Babylon Berlin“ (ARD, ab 19.9.; Mediathek, ab 10.9.) veröffentlicht hat, ist so gut wie alles gesagt zu dieser Ausnahmeserie von internationalem Niveau. Eines allerdings nicht: Auch als Fan stellt sich mir die Frage, was man mit den rund 30 Millionen Euro Produktionskosten für diese fünfte Staffel alles hätte produzieren können. Beide Serien werde ich auf jeden Fall irgendwann, wenn es mir die Zeit erlaubt, gucken. Das heißt: Im Ranking Die besten deutschen Serien 2026 (Frühjahr 2027) werden – jetzt gebe ich mal eine Prognose ab – Kurzkritiken dazu zu finden sein. Zwei sehr lohnenswerte Serien, die sich problemlos weggucken lassen, sind „SpyOn“ (ZDFneo, ab 29.9.; im Stream ab 4.9.), eine Comedy mit Thriller-Momenten, über fünf junge Leute, die ihr Glück beim BND versuchen, und die packende, stark besetzte Thriller-Drama-Medical-Serie „Serial Cleaner“ (ZDFneo, ab 30.9.; im Stream ab 14.9.) mit Aylin Tezel, Stefan Gorski & Rick Okon; als Vorlage diente eine argentinische Serie, aus der die US-Amerikaner den Netflix-Hit „The Cleaning Lady“ (46 Folgen) machten. Eine Kritik wird es voraussichtlich auch zu „4 Blocks Zero“ (HBO Max, ab 25.9.) geben, das Prequel zur preisgekrönten Erfolgsserie (2017-19).

Foto: ZDF / Katia Wik / Serviceplan
Sechs hoch spannende Folgen, die im Flug vergehen. Aylin Tezel in „Serial Cleaner“ – frei nach einer argentinischen Erfolgsserie

Viele werden nach der überlangen ARD-Sonntagskrimi-Pause dem ersten neuen „Tatort“ entgegenfiebern. Dass „König in Gelb“ (ARD/NDR, 13.9.), der 33. Einsatz von Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm, gleich der Krimi des Monats ist, dürfte die Vorfreude noch steigern. Vorbildlich ist ganz besonders Alexander Adolphs Umgang mit dem Thema Demenz, das nicht in Krimi-Routine erstickt wird, sondern 90 Minuten lang intelligent präsent ist in Form eines moderat dementen Ermittlers, den Andreas Lust preiswürdig verkörpert. Einzelstücke sind mal wieder besonders rar gesät, dafür hat eines umso größere Klasse: „Eine Nacht in Bangkok“ (ARD/NDR, 23.9.) erzählt von einem vor zehn Jahren im Zorn auseinander gegangenen Ehepaar, das sich nun im Warteraum eines Untersuchungsgefängnisses wiedersieht und gezwungen ist, sich seiner Tochter zuliebe wieder zusammenzuraufen. Diese erwachsene, lebenskluge Tragikomödie von Sathyan Ramesh und Rainer Kaufmann wird von Désirée Nosbusch und Matthias Brandt (beide zum Niederknien) zu einem der Highlights des Jahres veredelt. Die Kritik eines weiteren besonderen ARD-Fernsehfilms steht im Übrigen noch aus, und wieder ist Matthias Brandt beteiligt: Es handelt sich um die Verfilmung seines Romans „Blackbird“ (ARD, 30.9.) – Buch: David Ungureit, Regie: Max Zähle. Bei den 90-Minütern sind außerdem vier Krimis, zwei Komödien und ein Biopic sehr zu empfehlen. „Der Kaiser“ (Nitro, 11.9.) über das Leben von Franz Beckenbauer feiert endlich seine Free-TV-Premiere. „Die Bachmanns“ (ZDF, 14.9.), ein geschiedenes Ehepaar, alltagsnah komisch von Oliver Wnuk und Stefanie Stappenbeck verkörpert, kommen mit ihrem zweiten Streich. Sogar einen der seltenen „Herzkino“-Höhepunkte gibt es im September: „Bloß nicht Liebe“ (ZDF, 13.9.) variiert das bekannte Muster romantischer Komödien äußerst liebevoll in Richtung Screwball Comedy und gewinnt durch eine Klasse-Besetzung mit Christina Große, Heino Ferch und Tim Bergmann.  Und schließlich die Krimis: In „Bei Einbruch Mord“ (3.9.), der 31. Episode von „Nord bei Nordwest“, überrascht Holger Karsten Schmidt den Zuschauer mit einer für diese Reihe außergewöhnlichen Hitchcock-Hommage. Das ist ernster als gewohnt, aber filmisch sehr cool, raffiniert komplex und vor allem tragisch. Auch der „Krimi aus Passau“ ist wieder da: ausgesprochen gelungen ist die zweite neue Episode „Wer einmal lügt“ (ARD, 17.9.), die neben dem starken „Ermittler“-Duo, das offiziell keines ist, vor allem wegen ihrer horizontalen Erzählweise überzeugt. Ein Jubiläum nach Maß bescheinigt Tilmann P. Gangloff der ZDF-Reihe „Die Toten vom Bodensee“: Alle 25 Episoden hat er gesehen – und „Im Schattenreich“ (ZDF, 7.9.) ist für ihn die außergewöhnlichste, ja, die beste. Und auch ein weiterer Montagskrimi kann sich mehr als sehen lassen: „Die Polizistin und die Todesstille“ (ZDF, 21.9.) mit Thelma Buabeng zum zweiten Mal als ausgeschlafene BKA-Ermittlerin, diesmal im Frankfurter Drogensumpf unterwegs. Ein cooler Kokain-Krimi-Korruptions-Cocktail von Lars Becker, erzählt in „Nachschicht“-Manier. Für den bis in die kleinste Rolle top besetzten Cast gilt: Becker lässt sich Diversität nicht vorschreiben, er erzählt sie.

Foto: NDR / Frizzi Kurkhaus
Der erste „Tatort“ der Saison ist gleich ein Highlight: Maria Furtwängler & Andreas Lust in Alexander Adolphs „König in Gelb“

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