In einer Einrichtung für gut situierte Demenzkranke ist eine ältere Dame offensichtlich beim Spazierengehen ausgerutscht. Für Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) gibt es keinen Zweifel: Tod durch Unfall. Matthias Vogel (Andreas Lust), ein Spezialist für Cold Cases, sieht das anders. Er ist überzeugt davon, dass in der Demenzklinik ein Serienmörder lebe, der Patient Gustav König (Thomas Thieme): Sieben brutale Morde in 20 Jahren sollen auf sein Konto gehen. Lindholm, die nicht zuständig ist für den Fall, staunt nicht schlecht über die akribischen Ermittlungen ihres Kollegen. Doch etwas lässt sie zweifeln an der Glaubwürdigkeit der Fakten: Vogel steht selbst am Beginn einer Demenz, ist längst beurlaubt und wird von der Dienststelle als „Psychotiker“ abgetan. Hat er auch immer wieder erschreckende Aussetzer, so weiß er, dass Lindholm seine einzige Chance ist, den Fall, in den er sich seit vier Jahren verbissen hat, vor seiner endgültigen „Auslöschung“ zu lösen. Und nach anfänglicher Skepsis erkennt der völlig isoliert lebende Vogel in Lindholm eine gewissenhafte Ermittlerin, die sich reinkniet und jeder Spur nachgeht, eine Einzelkämpferin, die sich notfalls auch gegen ihre Vorgesetzten stellt: Eine wie er. Aber – und das kann und will er nicht sehen – Lindholm ist auch eine Kommissarin, die sich verrennen kann, ja, der ihre Fälle emotional besonders nahe gehen. Und so wird sie von Albträumen heimgesucht und wirkt bald ähnlich paranoid wie Vogel, der unter Verfolgungswahn zu leiden scheint.
Foto: NDR / Frizzi Kurkhaus
Kann man mit einem Demenzkranken im Anfangsstadium einen Kriminalfall, noch dazu einen höchst komplexen Serienmord, erfolgreich aufklären? Mit dieser Frage sieht sich die LKA-Ermittlerin Charlotte Lindholm konfrontiert. Maria Furtwängler spielt das in ihrem 33. „Tatort“ konzentriert und zurückhaltend; immer wieder füllt ihr nachdenkliches Augenpaar den Bildschirm. Wahrheit oder Wahnsinn? Das scheint sich die Kommissarin anfangs zu fragen. Alexander Adolph gelingt das Kunststück einer ganz außergewöhnlichen Genre-Variation. Einen „Ermittlerthriller im Gewand eines Polizeifilms“ nennt der Autor-Regisseur seinen Film sachlich. Dies lässt nicht im Geringsten die dramaturgische Qualität von „König in Gelb“ erahnen. Denn der Film erzählt, wie die Demenz konventionelles polizeiliches Ermitteln ad absurdum führt und im Schlussdrittel doch wieder in einen mehrschichtigen Krimi mündet. Und es gibt etliche Möglichkeiten für die Lösung des Falls. Ist das Ganze nur ein Gedankenkonstrukt eines verzweifelten Menschen, der seine Felle davonschwimmen sieht? Vogel ist ein Mann, der unter einer doppelten Belastung leidet: den Fall möglicherweise nicht aufklären zu können und seine eigene immer bedrohlicher werdende Demenz. Statt den Fall zu lösen wird er unheilbar krank. Kann es etwas Schlimmeres geben? Andreas Lust spielt Vogels Spaltung überragend: diese Verzweiflung, dieses Geschocktsein über sich selbst („Ich puste dich weg“), diese Lust an der Aufklärung, diese Obsession, diese fahrigen Gesten, dieser suchende Blick. Man merkt, dass die Expertise einer Alzheimer-Demenz-Expertin sogar bis in die kleinsten Details des Films (Ausstattung und Kleidung der Demenzdorfbewohner) stimmig eingeflossen ist.
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Die zweite Option: Der Mann, dem keiner glauben will, hat recht. Nicht umsonst sieht sein Zuhause wie das reinste Ermittlerbüro aus, nur chaotischer. Die Unordnung ist ein Spiegelbild von Vogels unaufgeräumten Innenleben. Die Recherchen haben ergeben: Der vermeintliche Serienkiller war ein angesehener Musikpädagoge, der in mehreren Städten unterrichtet hat. Königs Lebensstationen passen offenbar zu den Tatorten. Vogel behauptet, dass er in Königs Patientenzimmer ein Foto mit einem der Opfer gesehen habe: ein Mädchen mit einem gelben Schal. Das Foto ist allerdings mittlerweile verschwunden. Im Zuge der Ermittlungen ergeben sich weitere Lösungsvarianten. Die Patientin, die im Garten der Klinik zu Tode kam, war eine wohlhabende Frau, zugleich die Erbtante von Pierre Springer (Constantin von Jascheroff), der bald nur noch über seine Anwälte kommuniziert. Die Tote war zugleich die Begründerin dieser vorbildlichen Krankeneinrichtung. Ihr Neffe hatte große Pläne, wollte die Klinik zu einem lukrativen Demenzpark umbauen. Verdächtig macht sich außerdem der Leiter der Musikschule (Matthias Bundschuh), die einst von Gustav Königs Mutter gegründet wurde. Die Frau galt mit diesem sozialen Vorzeigeprojekt als große Wohltäterin. Diese vier Möglichkeiten, den Fall aufzuklären, werden lange im Spiel gehalten, sodass auch Whodunit-Fans auf ihre Kosten kommen können. Das Bemerkenswerteste an „König in Gelb“ ist jedoch die Art und Weise, wie hier ein relevantes Thema nicht am Rande mitläuft oder gar von Krimi-Routine erstickt wird. Häufig kreisen Mordmotive um soziale, psychologische oder familieninterne Störungen. Aus der Sorge, das zu tiefe Einsteigen in solche Defekte könnte die Spannung beeinträchtigen, werden den Krimiplots Themen alibihaft verpasst, sie bleiben Erzählfunktion, wirken zumeist aufgepfropft. Alexander Adolph macht es hingegen vorbildlich: Auf allen Ebenen der Geschichte ist die Demenz präsent – bei dem Ermittler von der traurigen Gestalt, bei dem Hauptverdächtigen, bei den Klinikpatienten, die zwar Randfiguren bleiben, deren vielfältige Darstellung allerdings spiegelt, in welch unterschiedlichen Formen Demenz auftreten kann. Selbst bei der so rationalen Charlotte Lindholm hinterlässt der Fall Spuren: Sie zweifelt kurzzeitig an ihrer Wahrnehmung und projiziert ihre Demenz-Ängste auf ihre Mutter.
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Der Ernsthaftigkeit, mit der die Demenz in die Narration einfließt, entspricht der Verzicht auf vordergründige Nervenkitzel-Szenen. Spannung liegt dennoch ständig in der Luft. Anfangs ist es das übergriffige Verhalten, mit dem der unberechenbare Ex-Kollege Lindholm bedrängt. Später erkennt er sie plötzlich nicht mehr – und greift zur Waffe. Intensiv sind auch die Szenen zwischen Lindholm und König im Andachtsraum der Demenzklinik. Hier die vorsichtig Fragen stellende Kommissarin, dort ein schweigender Mann (Thomas Thieme hat drei Sätze im Film), der seine Demenz möglicherweise vortäuscht. Da kann einen schon ein leichter Schauder überkommen. Auch filmästhetisch erzählt Adolph sein Krimi-Drama dem Thema und den Charakteren angemessen, in edlen, meist ruhigen Bildern (Kamera: Alexander Fischerkoesen), konzentriert und nah an den Hauptcharakteren, geduldig mit den demenzkranken Figuren. Diese Genauigkeit lässt sogar Raum für komische Momente, Situationen, in denen dem engagierten Ex-LKA-Mann die passenden Worte fehlen, so wird aus „Charlotte“ schon mal „Karotte“. Geschmunzelt wird dabei weniger über die demente Figur als über die absurde Situation. Für einen Running Gag sorgt jedoch der Drehbuchautor und nicht die Demenz: So legt Alexander Adolph Vogel ständig die Floskel „Ich sag’s wie’s ist“ in den Mund. Das sorgt für wiederkehrende Erheiterung. Im Zusammenhang mit Demenz wirkt diese leere Redensart besonders widersinnig – weiß doch Vogel weder genau, was ist, und noch weniger, was war.

