Das neue Jahr begann popmusikalisch verhalten. Aus dem Januar haben es allein die Indie-Rockpopper Franz Ferdinand und die Electro-R&B-Ikone FKA Twigs in die Top 15 der ersten vier Monate geschafft. Ende Februar ging es dann richtig los – mit zwei Knallern: der Westcoast-like Rücksturz in die Sixties und Seventies mit Panda Bear und das neue Werk von Produzent Richard Russell, das mit einer Reihe von Gaststars die Versöhnung von Soul und Folk feiert. Im März macht es dann Peng! Für mich aus dem Nichts erscheint das zweite Album von Greentea Peng, die sich lustvoll durch alles spielt zwischen TripHop, Dub & Soul. Keine Überraschung ist dagegen die gleichbleibende Qualität von Dan Bejar und dem sophisticated Soft-Pop seiner Band Destroyer. Auch die in Indie-Kreisen zuletzt gehypte Band Japanese Breakfast um Frontfrau Michelle Zauner überzeugt auch mit ihrem vierten, bislang professionellsten Album. Weniger Pop, mehr Singer-Songwriter-Kunst präsentiert Lucy Dacus, ein Drittel der Indie-Folkrock-Supergroup Boygenius. Ein anderes Drittel, Julien Baker hat sich mit der rockigeren Torres zusammengeschlossen, um ein stilechtes Country-Album aufzunehmen. Zwei besondere Highlight im April sind Emma-Jean Thackrays im Schlafzimmer selbst gebastelter Nu-Jazz und der an Einfällen und Breaks überreiche Indie-Rock von Mamalarky. Mama was? Diese Frage bringt mich zu einem kleinen Fazit: Wer wirklich gute (neue) populäre Musik hören will (zu nennen wären da noch Echolalia oder Deep Sea Diver), der sollte sich von unbekannten Namen nicht beirren lassen, sondern besser: hören und entdecken! Es gibt so viel gute Musik jenseits des Dudelradio-Mainstreams.
Die Musikkritik ist begeistert. Ich kann die Reaktionen verstehen, habe allerdings auf Album-Länge Schwierigkeiten mit diesem monotonen, schwer auszuhaltenden Experimental-Hiphop mit seinen Vocalsamples, den zuckenden Beats und dem meditativen Zeitlupen-Rap. Nach einem Debüt-Mixtape und einer EP ist „Like A Ribbon“ John Glaciers Album-Debüt. Der Musikexpress gab fünf von sechs Sternen und textete: „Ins Diktiergerät gerappt. HipHop zwischen AIY-Geschrammel und Cloudrap – und für Menschen, die die Afterhour am liebsten unter der Decke mit einem Buch verbringen.“
Deep Sea Diver, diese mir bislang unbekannte US-amerikanische Indie-Band um Sängerin Jessica Dobson (41), hat ein ebenso zeitgemäßes wie zeitlos gutes Rock-Album vorgelegt, die Songs, mal zornig, mal zartbesaitet, abwechslungsreich, mit gutem Songwriting, einem herausragenden Stück („Billboard Heart“) und zehn weiteren, durchweg gut hörbaren Songs, frisch, eingängig, aber weit entfernt vom gängigen Hitradio-Rockpop. Macht auf Strecke gute Laune – auch wenn die Texte eher um die schwierigen Dinge des Alltags (problematische Freundschaften, innere Leere, Wut, emotionales Chaos) kreisen.
Nach ihrem recht erfolgreichen Album „Little Oblivions“ (2021) und dem großartigen „The Record“ (2023) des Band-Projekts Boygenius, hat sich Julien Baker (29) nun mit Torres zusammengetan, für die das Ergebnis ihr bereits siebter Longplayer ist. Die 34-Jährige war zuletzt sehr viel rockiger unterwegs. Dass beide 2025 ein waschechtes Country(folk)-Album vorlegen, überrascht musikalisch, biografisch weniger: Torres hat lange Zeit in Nashville gelebt. Dass man die uramerikanische Musik nicht den reaktionär-konservativen USA überlassen sollte, hat Beyoncé bereits eindrucksvoll vorgemacht. Jetzt zeigen die beiden, was im Outlaw Country für queere Indie-Ikonen geht – und sie bleiben absolut klassisch, Western-Gitarre und Fidel inklusive.
Klassischen Rock höre ich heute nur noch selten. Intelligentes in dieser Sparte gibt es allerdings in diesem Jahrtausend auch kaum noch. My Morning Jacket gehören zu den wenigen Bands, in deren Alben ich regelmäßig reinhöre. Das zehnte, „Is“, gefiel mir auf Anhieb richtig gut, und das hat sich nach mehrmaligem Hören auch nicht geändert. Die fünf Musiker aus Kentucky spielen sich durch alle möglichen Varianten der Rockmusik. „Out In The Open“ klingt ein bisschen wie The National auf U2-Kurs, und „Time Waited“ könnte auch ein Hit für Robbie Williams sein. Früher gab es Songs, die verdächtig nach Bruce Springsteen klangen. Da ist es wohl kein Zufall, dass Springsteen-Produzent Brendan O’Brien auf dem neuen Album mitmischte. Nicht innovativ, aber gut zu hören.
Was machen sieben exzellente Nashville-Studiomusiker auf der britischen Isle of Wight? Sie treffen einen Freund von Pedal-Steel-Gitarrist Spencer Cullum und nehmen ein Album auf, mit viel Spielfreude und voller hübscher, kleiner Melodien. Das Gros der 13 angenehm kurzen Songs sind lässig hingetupfte, klar strukturierte Folkpop-Stücke, immer wieder Bealtles-verdächtig (nicht nur weil die typische Harrison-Gitarre gelegentlich gently weeps). Zwei Stücke reißen den Zuhörer allerdings aus der gemütlichen Stimmung, die Echolalia mit ihrem gleichnamigen Album erzeugt: der Krautrock-Kracher „Odd Energy“ und „In The Pub“, eine Reminiszenz an den punkigen Pub-Rock eines Ian Dury.
Nach dem berauschenden Album „The Record“ (2023) der Indie-Folkrock-Supergroup Boygenius, bestehend aus Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus, dauerte es ein Weilchen, bis ich der Schönheit mancher Songs von Dacus‘ viertem Soloalbum gewahr wurde. Als Album-komplett-Hörer sind mir allerdings die 13 Songs insgesamt ein bisschen zu sanft, gleichförmig und kunstbeflissen. Vier Stücke taugen allerdings für meine Folk-Playlist 2025. Schade, dass nur das The Byrds-like „Most Wanted Man“ so klingt wie die besten Songs von „The Record“. Deshalb gibt es in der Video-Song-Liste noch „Not Strong Enough“ von Boygenius als Bonus.
Faszinierend ist das schon, aber so richtig warm werde ich nicht mit dem vierten Album von FKA Twigs (37), der hochgelobten Ikone des Electro-Hyperpops, der R&B, Trip Hop und Clubsounds immer wieder neu dekonstruiert. Nach der brüchig zärtlichen Heartbreak-Sanftmut von „Magdelene“ (2019) und dem poppigeren „Caprisongs“ (2022) ist „Eusexua“ nun deutlich experimenteller, das knallt, ohne durchgehend tanzbar zu sein: harte Bässe, intensive Gefühle, eine ganz eigene ästhetische Welt – was sich auch in den überlangen, erotisch sinnlichen Videos zeigt.
Mit dem Inbusschlüssel schraubt man für gewöhnlich Ikea-Möbel zusammen. Mamalarky, eine relativ junge Band, die nach der Gründung in Texas mittlerweile in L.A. lebt, macht sehr ambitionierte Musik: verschiedene Musikstile, viele Ideen, Songstruktur ja, aber voller Brüche. Die 13 Stücke sind schwer musikalisch einzuordnen, zusammengeschraubt wirkt „Hex Key“, ihr drittes Album, allerdings absolut nicht. Im Gegensatz zu den Vorgängern tauscht die Band 2025 den bisherigen Gitarrensound zunehmend gegen – bisweilen Dream-poppige – Keyboard-Arrangements ein. Einige Titel gehen sofort ins Ohr, die meisten aber benötigen etwas Zeit.
Mehr Melodie als Rhythmus: Das neueste Werk von Erfolgsproduzent Richard Russell (Dizzee Rascal, MIA, Adele, Bobby Womack), geboren 1971, ist überraschend still, getragen, ja geradezu fragil, voller geschmeidiger Samples. Kein Wunder geht es in den 14 Songs doch um Trauer, Verlust, Vergänglichkeit und den Einfluss Verstorbener auf die noch Lebenden. Die reichhaltige Gästeliste reicht von Sampha, Bill Callahan, Maddy Prior über Kamasi & Rickey Washington bis zu Florence and the Machine. Ein stimmungsvolles Album zum achtsam entspannten Durchhören.
Seit dem Ausnahme-Werk „Kaputt“ (2011) bin ich ein großer Fan von Dan Bejar, geboren 1972 in Vancouver, und seiner Band Destroyer. Der Name klingt nach Hardrock, die Musik aber ist das genaue Gegenteil: „Dan’s Boogie“ ist sophisticated Indie-Soft-Pop, mal ausladend im Sound, mal erfrischend Easy-Listening-like, dann wieder karg instrumentiert, ein Klavier, eine Stimme („Travel Light“, das sich bei Laura Nyros 5th-Dimension-Hit „Weddings Bell Blues“ bedient), aber immer unaufdringlich und weich, irgendwo zwischen Al Kooper und Al Stewart. Die Texte sind meist kryptisch, die Stimmung melancholisch.
„Dialektisch fundierter Jazzfunk-Latin-R’n’B zwischen Dancefloor und Badewanne“, schreibt der Musikexpress über den zweiten Longplayer der britischen Schlafzimmer-Produzentin, die sich seit Ende der 10er Jahre mit zahlreichen EPs zu „einer der nächsten großen Kreativköpfe im aktuellen Nu-Jazz“ (WDR) entwickelt hat. Für mich sind Emma-Jean Thackray (Trompete, Flügelhorn, Elektronik, Gitarre, Gesang), geboren 1988, und ihr Album „Weirdo“ eine Entdeckung. Ein üppiges, knapp einstündiges Werk, das mit jedem Hören mehr Laune macht, auch wenn die angesungenen Themen (Einsamkeit, Sterblichkeit, Selbstzweifel) nicht unbedingt Stoff für den Happy Groove sind.
Nach dem Höhenflug der koreanisch-US-amerikanischen Musikerin Michelle Zauner, geboren 1989, mit ihrem Album „Jubilee“ (2021) konnte man auf ihren vierten Longplayer gespannt sein. Der gefällt mir noch besser als sein Vorgänger: Zauners Indie-Pop ist dunkler und melancholischer geworden. Man könnte auch sagen: erwachsener – und das nicht nur, weil Jeff Bridges auf der wunderbaren countryesken Mörderballade „Men in Bars“ zu hören ist. Die zehn Songs sind erstmals mit einem richtigen Produzenten (Blake Mills) aufgenommen. Man hört das. Und dennoch ist das Ganze kein glattgebügelter Mainstream-Pop. Als Zugabe zu den „For Melancholy…“-Titeln gibt es in der Songliste noch das wunderschöne „Paprika“ von „Jubilee“, eine Art Blaupause für die schönsten neuen Stücke von Japanese Breakfast.
Panda Bear sind die Band um Noah Lennox (42), der mit seiner Formation Animal Collective und deren Sound-Experimenten schon so manchen Musikkritiker begeistert hat. Ich fand hingegen nur schwer Zugang zu Lennox‘ Frühwerk. Auch einige der hochgelobten Panda-Bear-Alben waren mir zu versponnen psychedelisch. Ich horchte erst wieder bei „Reset“ (2022) auf, diesem Album mit luftigen Melodien und mehr Songstrukturen als früher. Richtig begeistert hat mich nun „Sinister Grift“, ein musikalisch komplexer Rücksturz in die Sixties und Seventies mit einer vielstimmigen Referenzspur direkt zu den Beach Boys. Alles wunderbar tiefenentspannt. Ein Sound zum Chillen.
Sie können es einfach, und sie machen es immer wieder: Indie-Rock mit jeder Menge Groove, dazu melodische Hooks, prägnante Gitarrenriffs und der eine oder andere unverschämte Griff in das Zitaten-Kästlein. Reminiszenzen (Bowie, Queen, Scissor Sisters, The Monkees, Justin Timberlake), wohin man hört – und doch sind das unverkennbar Franz Ferdinand: Auch auf ihrem sechsten bzw. siebten Album (rechnet man FFS mit den Sparks dazu) ist der Drive, das Treibende ihrer Musik, das Wiedererkennungsmerkmal Nummer 1. Man könnte der Band vorwerfen, dass sie sich nicht weiterentwickelt. Nach sieben Jahren Pause ist das für einen Fan aber kein Problem, vor allem wenn es im Zeitalter von Female & Dream Pop, Folk-Revival & Sound-orientierter Musik auf dem post-punkigen Rockpop-Sektor wenig Neues zu entdecken gibt.
Greentea Peng, eigentlich Aria Rachel Adrienne Wells (30), macht Neo-Soul jenseits des Mainstreams. Auch mit ihrem zweiten Album nach „Man Made“ (2021) wird sie wohl wieder nur eine kleine Zuhörerschaft gewinnen. Für mich gibt es im Bereich ihrer magischen Soundwelten, irgendwo zwischen TripHop, Acid Jazz, Deep Soul, Dub, UK Rap & Roots Reggae, seit Corona-Zeiten nichts Besseres. Klingt mitunter so, wie man sich eine neue Platte von Neneh Cherry vorstellen könnte, mit der Wells schon mal zusammengearbeitet hat. Wer mehr auf die Texte hört, dem sei ein Zitat aus dem Musikexpress nahegelegt: „Rotzige Selbstbetrachtung, Auseinandersetzung mit dem Politischen da draußen und dem Spirituellen da drinnen“, darum geht’s in den 14 Songs von „Tell Dem It’s Funny“. Und natürlich auch um denen einen oder anderen Joint…
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