Kino im Free-TV im August 2026

Was für ein schöner Zufall! Im August sind mehrere (sehr) gute internationale Kinofilme bei den öffentlich-rechtlichen Sendern im Programm, die ich in irgendeinem meiner Rankings kurz kritisiert habe. Die Filme können größtenteils auch kurz in den Mediatheken gestreamt werden.


DIE FOTOGRAFIN
3. August
, ARD, 20.15 Uhr

„Die Fotografin“ erzählt aus dem Leben von Lee Miller, die berühmt wurde durch ihre Fotografien aus dem Zweiten Weltkrieg, von „gestellten Bildern“ für die britische Vogue zu mehr und mehr unverblümter Realität: das Leben der Soldaten in den Quartieren, die Kämpfe der Ärzte in den Krankenzelten, die Schmerzen, der Tod, schließlich die Zeugnisse des größten Schreckens, die Bildern der KZ-Gräuel. Millers eigenes Leben verschwindet nach ihrer narzisstischen Phase als Modell auch für sie selbst unter den Bergen von Fotos, die sie gemacht hat, und den Bergen von Leichen, die sie gesehen hat. Der Film arbeitet sich mit Hilfe der realen Fotos durch die Chronologie von Millers früh vom Alkohol begleiteten Geschichte. Für den Normalzuschauer, der wenig von Miller weiß, ist das Erzählte (psychologisch) gut nachvollziehbar. Mehr aber auch nicht. Die Hauptfigur ist das Herz des Films und mit der uneitlen Kate Winslet perfekt besetzt. Ein bilderkritischer Umgang mit dem Schrecken des Holocausts erfolgt nicht. Was bleibt, ist ein Stück Erinnerungskultur. Dazu gehört auch das unvergessliche Bild: Lee Miller, die coole Frau in Hitlers Badewanne.

Foto: Columbia Pictures / Revolution Studios
Einfach bezaubernd und wunderbar schräg: Adam Sandler und Emily Watson in P.T. Andersons „Punk-Drunk Love“ (USA, 2002)

PUNCH-DRUNK LOVE
8. August, ZDFneo, 20.15 Uhr

P.T. Anderson schickt einen – gelinde gesagt – verhaltensauffälligen, völlig verpeilten Kleinunternehmer mit sieben Schwestern in einen Heilungsprozess der angenehm unpsychologischen Art. Eine Frau sieht ein Bild von diesem Mann und möchte ihn kennenlernen. Glück gehabt. Doch dieser seltsame Kauz, der zu Wutausbrüchen neigt und auch auf sich selbst nicht gut zu sprechen ist („Du dämlicher Flachwichser“), muss noch etliche Hürden nehmen, bis ihm die Liebe Superkräfte verleiht. Statt zu lügen, um besser dazustehen, lernt er, die Wahrheit zu sagen – und mehr noch: Er lernt das Glück. Adam Sandler verkörpert diesen schwierigen Zeitgenossen in seiner ersten tragikomisch absurden anstatt albernen Hauptrolle, die pure Ängstlichkeit in Menschengestalt, geradezu Peter-Sellers-like. Er und Emily Watson, deren Figur trotz allem nicht von diesem Kerl lassen will, sind eine unerwartet traumhafte Besetzung für diese romantische Groteske, die bisweilen kafkaeske Züge trägt. Köstlich, die Liebesbekenntnisse der beiden: Er möchte ihr mit dem Vorschlaghammer in ihr süßes Gesicht schlagen, und sie seine Augen auslöffeln.

A KILLER ROMANCE
10. August
, ZDF, 22.15 Uhr

Wie ein Zweitjob aus dem Ruder laufen kann, weiß man seit „Breaking Bad“. Gary (Glen Powell) ist ein biederer Psychologiedozent, der es finanziell nicht nötig hat, für die Polizei den Hitman zu spielen, den aber die Erfahrung reizt, sich aus der Komfortzone seines Lebens zu begeben. Lustvoll ködert er seine diverse Kundschaft mit dem Bild, das jeder mit einem Auftragskiller verbindet. Diese Verkleidungen sind auch für den Zuschauer ein Quell der Freude. Seine Kunden landen zuverlässig hinter Gittern – bis er an die attraktive Madison (Adria Arjona) gerät, deren Mann ein Ekel und deren Gewissensbisse echt sind. Er rät ihr, Scheidungsanwalt statt Killer – und lässt sie vom Haken. Kompliziert wird es, als sie sich ineinander verlieben und der Ex ihr blöd kommt. Richard Linklater („Boyhood“) ist mit „A Killer Romance“ einmal mehr ein intelligenter, komplexer Genrefilm gelungen, der RomCom und Neo-Noir amüsant mixt und sogar Freud ironisch verdichtend einbezieht. Gary wird als Hitman zum besseren Lover („Für herausragenden Sex braucht es einen Mangel an Gedanken“), und Madison erregt es, mit einem Killer zu schlafen.

Foto: Warner Brothers
Zendaya, Mike Faist & Josh O’Connor in Luca Guadagnino „Challengers – Rivalen“ (USA, 2024). Viel mehr als ein Tennis-Film!

CHALLENGERS – RIVALEN
15. August, ZDFneo, 20.15 Uhr

Spielfilme können von Mord und Totschlag erzählen – und erzählen am Ende doch von Liebe und Sex. In „Challengers – Rivalen“, dem achten Film des italienischen Ausnahmeregisseurs Luca Guadagnino („Call Me By Your Name“), könnte es umgekehrt sein: Patrick (Josh O’Connor) und Art (Mike Faist) schmachten die hinreißende Tennis-Granate Tashi (Zendaya) an, die über die gesamten 130 Filmminuten die Zügel in dieser Subtext-reichen Dreiecksbeziehung fest im Griff hält. „Tennis ist eine Beziehung“, ist ihre Lieblingsmaxime. Erotik und Amore sind für sie, die soziale Aufsteigerin, womöglich nur ein Weg zum Erfolg. Sie genießt es zwar durchaus, wenn Patrick und Art – ob als Teenager oder 13 Jahre später als vermeintlich gestandene Männer – auf dem Centre-Court um sie spielen, doch Tashi lässt sich nicht erbeuten. Auch bei den Männern, verwöhnte Bengels aus reichem Hause, ist weniger Liebe im Spiel als bei konventionellen Dreiecksplots: Die Leidenschaft für Tennis schwindet, es bleibt ein diffuses Begehren nach Tashi. Und die hat ihre eigene Theorie über ihre „Jungs“, wenn sie sagt: „Ich dräng‘ mich nicht in Beziehungen rein.“ Zwischen diesem Trio kann jederzeit alles passieren. Das sorgt für Spannung. Die Bälle werden durch die Jahre gedroschen, knallen von einer Szene in die nächste. Das sorgt für Dynamik. So sexy sah Tennis im Kino noch nie aus.

LICORICE PIZZA
17./18. August, ZDF, 1.40 Uhr

Gary ist 15, Alana 25 und seine Frau fürs Leben – da ist er sich ganz sicher. Ihr imponiert seine Unnachgiebigkeit – und sein unbekümmerter Tatendrang: Vom Kinderstar in Hollywood mausert er sich zum erfolgreichen Geschäftsmann, während sie ihr Ding noch nicht gefunden hat. Sie einigen sich auf Freundschaft (Brüste zeigen, ja, herummachen, nein), und so ziehen sie bald gemeinsam in L.A. einen Wasserbettenvertrieb auf – bis ihnen die Ölkrise dazwischenkommt. Denn man schreibt das Jahr 1973. „Licorice Pizza“ ist ein Liebesfilm der besonderen Art. P.T. Anderson-gemäß eher eine Hommage an das Lebensgefühl jener Aufbruchsjahre als eine stringent konzipierte Coming-of-Age-Romanze. Die Wege des ungleichen Paars trennen sich immer mal wieder: Man beäugt sich auf Distanz und zeigt ein stets begehrliches Konkurrenzverhalten. Schön, dass Alana nicht zur männlichen Projektionsfläche wird, und noch schöner, dass sie nicht nach dem Hollywood-Beauty-Muster besetzt wurde. Die dramaturgische Zerfranstheit der Geschichte, die die vermeintliche Flüchtigkeit der Beziehung spiegelt, funktioniert so wunderbar, weil man die beiden Charaktere und deren Darsteller sofort in sein Herz schließt: Gary wird gespielt von Cooper Hoffman, dem Sohn des verstorbenen Anderson-Spezi Philip Seymour Hoffman, und Alana von Alana Haim, dem Kopf der Poprock-Gruppe Haim. Zwei fulminante Schauspielerdebüts. Dazu ein Top-Soundtrack. Für Liebhaber lockerer, grundentspannter Character-Driven-Plots ein perfekter Film für den Sommer!

Foto: Prokino Filmverleih
Der Abschluss von Richard Linklaters „Before“-Trilogie. Ethan Hawke und Julie Delpy in „Before Midnight“ (USA, 2013)

BEFORE MIDNIGHT
24. August, One, 20.15 Uhr

Nach „Before Sunset“ (1995) und „Before Sunrise“ (2004) ist „Before Midnight“ der Abschluss von Richard Linklaters Langzeit-Beziehungstrilogie. Céline und Jesse sind nach ihrem zufälligen Treffen in Paris im zweiten Film zusammengeblieben. Doch die Zeit macht selbst vor einem der klügsten, aufgeklärtesten und attraktivsten Pärchen des Independent-Kinos der letzten Jahre nicht Halt. Und so befindet sich ihre Ehe offensichtlich auf der Zielgeraden. Selbst ein Griechenlandurlaub kann nicht helfen. Im Gegenteil: die vermeintlich launigen Gespräche unter südländischer Sonne, lassen erkennen, wie fremd sie sich geworden sind. Hinzu kommt, dass Jesse mehr Zeit mit seinem pubertierenden Sohn aus erster Ehe verbringen will – und deshalb am liebsten wieder von Frankreich, wo sie seit Jahren ihr Domizil aufgeschlagen haben, in die USA übersiedeln würde. Wieder sind es 24 Stunden, in denen die Geschichte der beiden eine neue Wende (vielleicht doch noch eine Versöhnung?) bekommen könnte. Erst wird mit Freunden plaudernd philosophiert über Weltanschauungen, ja, die Zukunftsthemen der Menschheit werden zum Tischgespräch. Die Entscheidung über die eigene Zukunft heben sich die beiden, nachdem sie bereits alle privaten Reizthemen durchhaben, fürs Finale auf: letzte erotische Zuckungen und ganz viel Seelenstriptease. Der Schauplatz, ein charakterloses Hotelzimmer, ist kein gutes Omen. Die Falten sind zwar tiefer, die Träume kleiner geworden, aber Julie Delpy und Ethan Hawke sind großartig wie am ersten Tag, nur die Tonart ihres Spiels hat sich verändert.

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