Meine 10 Wim-Wenders-Lieblingsfilme

14. August 2025: Der deutsche Sensibilist wird 80. Arte und Bonn feiern mit.

(tit.) Eine Wim-Wenders-Retro auf Arte und eine Ausstellung in Bonn. Etwa zehn Jahre, von 1974 bis 1984, war Wenders für mich der deutsche Regisseur, der meine Filmwahrnehmung am nachhaltigsten geprägt und mich für das Kino sensibilisiert hat. Über das ARD-„Filmfestival“ lernte ich als Schüler das europäische Autorenkino (Chabrol, Truffaut, Rohmer, Antonioni, Bergman; Polanski, Malle) kennen. Das war nach meiner Filmsozialisation als Kind durch US-amerikanische Klassiker, deutsche Fernsehfilme und Serien der Schlüssel dafür, die frühen Filme von Wim Wenders sinnlich zu begreifen. Mein Erweckungserlebnis war „Im Lauf der Zeit“ (1976), nachdem ich „Falsche Bewegung“ (1975) im Fernsehen gesehen hatte. Dass lange (totale) Einstellungen bis hin zu den Panoramen eines Roadmovies im Kino eine völlig andere Wirkkraft besitzen als auf dem Bildschirm, das spürte ich sofort: „Alice in den Städten“ (1974) und besonders besagter Dreistundenfilm mit Rüdiger Vogler und Hanns Zischler, für mich auch eine Art Initiationsritus in Hinblick auf das Arthouse-Kino generell, haben mir auf der großen Leinwand andere, feinsinnigere Geschichten erzählt. Im Dunkel des Kinos ist man eher bereit, sich jenseits des konventionellen Erzählens auf eine Suche einzulassen, auf das Skizzenhafte, das Nichtgesagte, die Wenders-typischen Leerstellen, die der Betrachter eigenständig füllen muss. „Der amerikanische Freund“ (1977) weckte in mir zwar weniger die Fantasie, ließ mich nicht – wie bei den Filmen zuvor – wegträumen in eine melancholische Parallelwelt in Schwarzweiß, strahlte aber für mich als filmverrückter Erstsemester das aus, was ich damals cool fand: in der Großstadt, nachts, allein, dazu ein Antiheld wie Ripley, ein Wanderer zwischen den Metropolen, einsam, heimatlos. Und damals wusste ich noch nicht mal etwas vom kaputten Mythos um „Easy Rider“ Dennis Hopper.

Dieser Film mit Bruno Ganz in der Hauptrolle, in dem sich die Sehnsucht des Regisseurs nach Amerika spiegelt, war entsprechend für mich die Initialzündung in Richtung New Hollywood (Scorsese, Altman, Bogdanovich, Coppola, Cassavetes, Rafelson; Woody Allen), welches die nächsten Jahre der Wegweiser für meine Geschmacks- und Filmbildung wurde. Und so gehöre ich wohl zu den wenigen, die Wenders‘ erste US-amerikanische Regiearbeit, die Coppola-Produktion „Hammett“ (1982), als stilvollen, atmosphärischen Film-Noir in (verklärter) Erinnerung haben. Der im selben Jahr erschienene europäische, von der Kritik gefeierte Film „Der Stand der Dinge“, eine Reflexion über das Filmemachen und die Abhängigkeit von den Geldgebern, hat seine Momente, aber in Summe war er mir zu prätentiös, zu larmoyant, eher selbstverliebt als wirklich selbstreferentiell. Zwanzig Jahre später auf den zweiten Blick sah ich das ein bisschen anders. 1984 erschien schließlich der Film, mit dem Wim Wenders nicht nur als Filmemacher in Amerika, sondern erstmals auch beim breiteren Publikum weltweit ankam: „Paris, Texas“ mit seinem uramerikanischen Hauptdarsteller Harry Dean Stanton, der ikonischen Schönheit Nastassja Kinski und dem Soundtrack, der der meisterlichen Visualität des Films in nichts nachstand. Ein europäischer Film wie „Im Laufe der Zeit“ – allerdings mit amerikanischen Mitteln erzählt. Hierzulande noch etwas erfolgreicher war 1987 „Der Himmel über Berlin“, den ich mit seinen schwebenden Kamerafahrten und den sinnlichen Toncollagen filmästhetisch teilweise grandios finde. Die bedeutungsschwere Liebesgeschichte mit dem melancholischen Engel und den naiven Texten machten für mich damals den Film als Ganzes allerdings nur schwer erträglich. Mit dem realen Epilog, dem Fall der Mauer, bekam der Schwarzweiß-Film eine mythische Aura, die sich bei der Betrachtung heute mitlesen lässt und den Eindruck eines bemühten, kunstgewerblichen Arthouse-Films überdeckt!

Ab den Neunzigern habe ich noch den einen („Lisbon Story“) oder anderen („The Million Dollar Hotel“) Wenders-Film gesehen, am meisten beeindruckt hat mich „Don’t Come Knocking“ (2005) mit Sam Shepard und Jessica Lange. Danach war Wenders passé und für mich brach stärker als je zuvor die Zeit des Fernsehens an. Das Kino geriet in den Hintergrund. Ich sah Themenfilme, Krimis mit Botschaft, später auch charmant erzählte Fernsehfilme und clever konzipierte Serien, die sich sehen lassen konnten. Doch wirklich gesehen habe ich nichts, überall war der Sinn der Geschichte vorgegeben. Sinnlichkeit gab es allenfalls als Oberflächenreiz, als elegantes Mittel zum Zwecke des Erzählten. Aber Sinnlichkeit im Wendersschen Sinne, die ein unvoreingenommenes, entdeckendes, ja kindliches Sehen impliziert, eine Wahrnehmung ohne Diktat der Narration – eine solche Bewusstseins-fördernde und Ich-stärkende Sinnlichkeit findet sich selbst im zeitgenössischen Kino nur noch selten. Und so schließt sich der Kreis mit einem letzten Film von Wim Wenders. Bei seinem Tokio-Roadmovie „Perfect Days“ (2023), im letzten Jahr Auslands-„Oscar“-Kandidat für Japan, war plötzlich all das wieder da, was zwei Jahrzehnte verschüttet lag, unter der normativen TV-Dramaturgie: das zweckfreie Sehen, das stoische Beobachten vermeintlich alltäglicher, trügerisch schlichter Begebenheiten. Dieser meditative Film über einen wortkargen Mann, der mit Hingabe Toiletten putzt und zufrieden und meist allein seine Freizeit verbringt, wirkt wie ein Anti-Film, der alles das hat, was der Normalzuschauer mutmaßlich nicht sehen mag. Und doch ist ausgerechnet dieser Film der an der Kinokasse erfolgreichste Wenders-Film aller Zeiten, der in nur zwei Jahren bereits vor seinen Dokumentarfilmen „Buena Vista Social Club“ und „Pina“ (die bei meinem Ranking außen vor bleiben) rangiert und seinen bisher größten Fiction-Erfolg „Der Himmel über Berlin“ um das Achtfache übertrifft.

Der 80. Geburtstag von Wim Wenders am 14. August ist Anlass für einen ARTE-Schwerpunkt mit Höhepunkten aus seiner langen und vielfältigen Karriere. Die TV-Ausstrahlung des 2024 restaurierten Meisterwerks „Paris, Texas“ (1984) wird von einer neuen Dokumentation begleitet: „Wim Wenders: Der ewig Suchende“. Als solcher hat er – zwischen den Spielfilmen – immer auch dokumentarisch gearbeitet: „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ (2023) über den Künstler Anselm Kiefer oder „Pina“ (2011) über die Tanzrevolutionärin Pina Bausch gehören zu seinen wichtigsten Werken. Alle im TV ausgestrahlten Programme sind auch online auf arte.tv zu sehen und zusätzlich drei weitere Filme: „Der Himmel über Berlin“ (1987), „Buena Vista Social Club“ (1999) und „Der amerikanische Freund“ (1977).

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Der Stand der Dinge

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Lisbon Story

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Hammett

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Don't Come Knocking

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Der Himmel über Berlin

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5
Perfect Days

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Alice in den Städten

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3
Der amerikanische Freund

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2
Paris, Texas

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1
Im Laufe der Zeit

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