„Ich habe sechs Filme von Douglas Sirk gesehen. Es waren die schönsten der Welt“, schrieb Rainer Werner Fassbinder 1971 in der Zeitschrift Fernsehen und Film. Zwei Jahre später zeigte die ARD fünf seiner bekanntesten Hollywood-Melodramen. So entdeckte ich bereits als Teenager den 1937 aus Nazi-Deutschland emigrierten Meisterregisseur, fast zur gleichen Zeit wie viele gestandene Filmkritiker, die Sirks Filme lange als kitschige Rührstücke abtaten. Jean-Luc Godard war 1959 die erste prominente Stimme, die den „Skeptiker des Lichts“ (Buchtitel) rehabilitierte; Ende der 1960er Jahre zogen die Kollegen der Cahiers du cinéma nach – und so stand der Renaissance Sirks streng stilisierter „Frauenfilme“ nichts mehr im Weg. „Sirk schreckte nie vor dem Lächerlichen und Ungeheuerlichen zurück, sondern transzendiert es mit seiner Kunst, der totalen formalen Beherrschung“, so der amerikanische Filmprofessor Andrew Sarris zur selben Zeit. Der Magier der Mise-en-Scène arbeitete mit zumeist Eastman-Color, was für diese extrem satten Farben sorgte. Die Gefühle und Sehnsüchte der Figuren fanden in der Farbdramaturgie, der Lichtsetzung und im Cinemascope-Format ihre ästhetische Entsprechung. Vor allem ist es die Gestaltung der Räume und die Choreografie der Schauspieler in diesem typischen 1950er-Jahre-Ambiente, die beim heutigen Sehen als Erstes ins Auge fallen. Aber nicht nur emotion, auch motion kommt in seinen Filmen nicht zu kurz. Wenn minutenlang geschmachtet wird, wenn sanfte Blicke und harmonisierende (Landschafts-)Bilder dominieren, dann ist der visuelle Effekt umso größer, wenn ein Rennboot braust, ein Sportwagen durch die Nacht rast, wenn Kleinflieger waghalsig über Schaulustige hinweg preschen, wenn eine Blondine zu dröhnend lautem Jazz lasziv tanzt, während wenige Meter entfernt ein alter Mann um sein Leben kämpft. Sirks Erzählrhythmus ist – zumindest in seinen Top-Hollywood-Melodramen – meisterhaft. Um seine Filme heute noch zu lieben, sollte man allerdings etwas Lust auf Nostalgie mitbringen, vielleicht sogar ein Hollywood-Romantiker sein oder wenigstens den Vintage-Look und die filmsprachliche Signatur zu schätzen wissen. Die Plots ähneln auf den ersten Blick vermeintlich den glamourösen TV-Seifenopern der 1980er und 1990er Jahre, doch bei Douglas Sirk ergibt sich wie bei allen guten Regisseuren die Geschichte aus dem Erzählten UND der Erzählweise!
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Mehr InformationenMit Barbara Stanwyck, Fred MacMurray, Joan Bennett
„Ein Mann wird durch seine Tüchtigkeit zum Besitzer einer Spielzeugfirma und stellt plötzlich fest, dass seine Frau, sein Sohn und die beiden Töchter ihr Familienleben ohne ihn führen. Er fühlt sich vernachlässigt. Da taucht seine Jugendliebe Norma auf… Der Film beginnt im Titelvorspann wie ein Märchen mit ‚Once upon a time in sunny California‘, um uns gleich darauf, die Realität eines Regentages zu zeigen … Der Film ist voll schwarzen Humors, voll Ironie. Es ist Ironie, eine Geschichte, die ich in den 50ern in jeder amerikanischen Mittelstandsfamilie hätte abspielen können, mit ‚Es war einmal‘ beginnen zu lassen.“ (Elisabeth Läufer)
Erhältlich mit „All meine Sehnsucht“ & „Der letzte Akkord“ als DVD unter Douglas Sirk Collection (ca. 20 Euro)
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Mehr InformationenMit John Gavin, Liselotte Pulver, Jock Mahoney, Don DeFore, Dieter Borsche, Barbara Rütting
1944 erhält der deutsche Soldat Ernst Gräber drei Wochen Heimaturlaub in Berlin, trifft dort die junge Elisabeth Kruse, die beiden verlieben sich und heiraten schnell – doch er muss wieder an die Ostfront zurück und wird am Kriegsende erschossen, während sie in der zerstörten Stadt versucht, Hoffnung zu finden.
Geradezu überschwänglich feiert Jean-Luc Godard diesen in Berlin gedrehten Antikriegsfilm nach dem 1954 erschienenen Roman von Erich Maria Remarque, den Sirk am liebsten The Lovers genannt hätte. „Was ich so hinreißend finde bei Douglas Sirk, ist diese irre Mischung: Mittelalter und Modernismus, Sentimentalität und Raffinement, unauffällige Einstellung und wahnsinniges Cinemascope. Dieser Film ist so schön, weil man an den Krieg denkt, während man die Bilder der Liebe vorüberziehen sieht und umgekehrt.“
Gebraucht erhältlich auf DVD für 5-6 Euro (inkl. Versand)
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Mehr InformationenMit Jane Wyman, Rock Hudson, Barbara Rush, Agnes Moorehead
Dieses Melodram über die Macht des Zufalls und der Hingabe, über Glaube und Identitätssuche, über die Flüchtigkeit des Glücks und die verschiedenen Formen des Blindseins ist der Auftakt von Sirks legendärem Hollywood-Spätwerk. „Sirk gelingt es, die moralische Schwerfälligkeit der Story durch simple Dialoge auszugleichen und dem Film durch eine Fokussierung auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und die großen Emotionen, auf Angst und Reue, Liebe, Trauer und Bitterkeit eine emotional intuitive Überzeugungskraft zu geben. Russell Mettys teils opulente, teils kammerspielartig arrangierte Bilder, die Musik von Frank Skinner und das satte Technicolor liefern die passende Filmsprache.“ (Hickethier/Stuhlmann)
Erhältlich über MUBI oder gebraucht als DVD (5-6 Euro; inkl. Versand)
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Mehr InformationenMit Lana Turner, Juanita Moore, John Gavin, Sandra Dee
Zweite Verfilmung eines Bestsellers von Louise Beavers, die bei der Kritik beim Kinostart auf wenig Gegenliebe stieß. „Ein handlungsreich verschlungenes Mutter-Kind-Drama um glamouröse Lebenslügen des amerikanischen Alltags; Douglas Sirk inszenierte seinen letzten Film in Hollywood in dem ihm eigenen melodramatischen Stil hart an der Grenze zum penetranten Rührstück“, schrieb der Filmdienst.
Sirk ging an den Stoff heran mit der Absicht, einen Film über die Menschenwürde der unterdrückten Schwarzen zu machen und ihre Situation auf dem Umweg über Lana Turners Figur, eine wohlsituierte weiße Schauspielerin, zu verdeutlichen. Dieser inhaltliche Aspekt mag 1959 noch ehrenwert gewesen sein, heute verfängt der Plot nicht mehr, dafür fasziniert der Film vor allem durch seinen Glamour-Nostalgie-Faktor und den typischen Sirk Touch. Diesen erkannte Fassbinder früher als andere: „Ein großer, wahnsinniger Film vom Leben und vom Tod. Und ein Film von Amerika“, schrieb er Ende der 1960er Jahre.
Erhältlich für ca. 10 Euro (neu) oder gebraucht für ca. 6 Euro (inkl. Versand)
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Mehr InformationenMit Rock Hudson, Robert Stack, Dorothy Malone, Jack Carson
Visuell schließt Douglas Sirk mit dieser Faulkner-Verfilmung in Schwarzweiß an das cineastische Meisterwerk über die Große Depression an: John Fords Steinbeck-Adaption „Früchte des Zorns“ (1940). Erzählt wird im Milieu prekär lebender Flugakrobaten, gesellschaftliche Outlaws, die für ein schaulustiges Publikum ihr Leben riskieren.
Sirk und Autor George Zuckerman verleihen dem Film Aktualität und Tiefe dadurch, „dass er mit seinen Kriegsveteranen zugleich die Mitte der 1950er-Jahre noch immer sehr präsenten wurzellosen Heimkehrer des Zweiten Weltkriegs und des Korea-Kriegs porträtiert“ (Hickethier/Stuhlmann).
„Dies ist bravouröses Filmemachen im Dienste einer eindringlichen Vision. Dennoch gibt es Momente von fast mikroskopischer Subtilität: die Kamerabewegung, die die moralische Umkehrung der Figuren Hudson und Stack zum Ausdruck bringt, wobei die eine größer wird als die andere; die unendliche Zärtlichkeit, mit der Hudson Ms. Malones Haar streichelt und hilflos versucht, sie nach einem Schock zu trösten.“ (Jonathan Rosenbaum)
Erhältlich für knapp 10 Euro neu auf DVD
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Mehr InformationenMit Jane Wyman, Rock Hudson, Agnes Moorehead
„Was der Himmel erlaubt“ rechnet gnadenlos mit der US-Gesellschaft der 1950er Jahre ab, indem er sie als klatschsüchtig, arrogant, materialistisch und gehässig beschreibt. Die verwitwete Heldin ist zwar Teil dieser gehobenen Mittelschicht, sie verliebt sich allerdings in ihren jüngeren, äußerst attraktiven Gärtner mit einem alternativen naturverbundenen Lebensentwurf. So gerät sie in Widerspruch zu ihrem Milieu, den Freunden, Nachbarn und deren strengen Sozialkodex, der Gefühle oder Sexualität verdrängt; ja, sogar ihre Kinder verachten sie. Der Film gilt mittlerweile als Musterbeispiel eines Sirkschen Melodrams: subversive Botschaft mit zur Ironie neigenden Bildmetaphern. Höhepunkt: ein Damhirsch, der in der letzten Einstellung des Films durch ein schneebeschlagenes Fenster in die Hütte der Liebenden hereinschaut und das Happy End ikonisch beglaubigt. Fassbinder ließ sich von dem Film zu „Angst essen Seele auf“ (1974) inspirieren, und Todd Haynes drehte 2002 mit „Dem Himmel so fern“ ein zeitgemäßes, wunderbares Remake mit Julianne Moore und Dennis Haysbert. „Was der Himmel erlaubt“ ist stilistisch wie dramaturgisch Sirks reifster Film.
Gebraucht erhältlich auf DVD ab 6 Euro (inkl. Versand)

Mit Rock Hudson, Lauren Bacall, Robert Stack, Dorothy Malone
„Written on the Wind ist im Milieu der Ölmagnaten der Südstaaten angesiedelt und atmet eine ähnlich schwüle Depressivität, ostentative Langeweile und provokant-repressive Sexualität wie andere Südstaaten-Dramen vom Schlage eines Gone with the Wind oder Cat on a hot tin Roof.“ (Hickethier/Stuhlmann)
„Vor allem in der Lichtsetzung und in den Farben ist der Film bewusst nicht realistisch. Fassbinder hat sehr scharfsinnig über meinen Stil geschrieben, dass das Licht unrealistisch ist, ja verrückt, es kommt nie von dort, wo eine natürliche Lichtquelle wäre.“ (Douglas Sirk)
„In den Wind geschrieben“ mag filmästhetisch nicht ganz so perfekt sein wie „Was der Himmel erlaubt“; durch das Alkohol-Motiv allerdings ist der Film wilder, aufregender, zeitgemäßer und moderner, was Look, Dramaturgie und Schnitt angeht – und dementsprechend sehr gut gealtert. Das Werk erhielt drei Oscar-Nominierungen. Dorothy Malone holte den Goldjungen.
„Douglas Sirks Familiengemälde von 1956 ist mit dem Spachtel gemalt. Überschwänglich sind die Gesten, jeder Dialog eine Lebensbeichte, Farben schreien dich an. Aber Written on the Wind gehört zum Besten, was das Hollywood-Melodram der 50er-Jahre zu bieten hatte.“ (filmzentrale.de)
Erhältlich über VoD (Prime Video) und auf DVD (4-5 Euro)
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