Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht – und wenn ja, wer kriegt sich? Diese Frage mag unterbewusst immer mitschwingen bei den rund acht Millionen Zuschauer*innen, die seit 2014 die ARD-Krimi-Reihe „Nord bei Nordwest“ durchschnittlich verfolgen. 27 Episoden wurden bereits ausgestrahlt, drei weitere werden im Januar 2026 folgen – und noch immer gibt es keine Antwort. Die wird es auch nicht geben. Denn es ist gerade die Spannung zwischen dem Dreieck, ein Mann zwischen zwei Frauen, die einen besonderen Reiz darstellt; das gilt für Hannah Wagner und ihre Darstellerin Jana Klinge (seit 2021) genauso wie für Lona Vogt (2014-20) – bis Henny Reents mit einem denkwürdigen Abgang der Reihe Lebewohl sagte. Die Beziehungsebene ist aber nur das eine, was die von Autor Holger Karsten Schmidt erdachte Reihe von anderen, vergleichbaren Krimis unterscheidet: Auch die Fälle sind cool, widersetzen sich den Gepflogenheiten realistischer Unterhaltungskrimis. Spätestens wenn sich Killer und andere Verbrecher an der Ostsee im fiktiven Schwanitz einnisten, muss selbst der naivste Krimifan einsehen, dass mit „Glaubwürdigkeit“ diesen Geschichten nicht beizukommen ist. Und seitdem Niels Holle an der Reihe mitschreibt, kommt eine schräg-groteske Note ins Spiel, die das Fiktionale gelegentlich noch weiter ins Surreale treibt. Holle und Schmidt, der die Reihe zwischendurch immer wieder Thriller-like erdet, tun gut daran, aus „Nord bei Nordwest“ keine Krimikomödien oder gar Parodien zu machen. Dies würde ebenso zum Niedergang der Reihe führen wie eine ausgelebte Liebesbeziehung. Die Lovestory muss Fantasie bleiben, allenfalls ausgespielt als ein narratives Traumgespinst wie in „Die letzte Fähre“.
Foto: NDR / Sandra Hoever„Conny & Maik“, eine Asphaltwestern-Krimi-Ballade mit ernsthaften Drama-Momenten, besitzt den typischen, unwiderstehlichen „Nord bei Nordwest“-Flow. In dem Film zeigt sich Hannah Wagner, die neue Polizistin im Ort, von einer ominösen Seite und darf gleich zweimal Hauke Jacobs das Leben retten. Überhaupt erweist es sich ja nicht nur in dieser Reihe als besonders effektiv, wenn Beteiligte des Trios persönlich betroffen sind.
Foto: NDR / Gordon TimpenLeicht ironisierte Genre-Gewalt bricht in den geruhsamen norddeutschen (Beziehungs-)Alltag ein. Dieses Grundprinzip der von Grimme-Preisträger Holger Karsten Schmidt erfundenen Reihe wird in „Kobold Nr. vier“ besonders Tonlagen-reich variiert. Ein Kind, zwei Killer, vier Tote, eine selbstbewusst-robuste, auffällig gendernde Kollegin aus Hamburg und ein Zettelchen mit der Aufschrift „Kobold Nr. vier“.
Foto: Degeto / Georges PaulyDie Dorfpolizistin und die Tierarzthelferin sind in Aufruhr. Werden sie Hauke Jacobs verlieren, wird er mit seiner großen Liebe davonschippern? Die fünfte Episode der Reihe hat nicht nur Beziehungskomödie zu bieten, sondern ist auch ein richtig cooler, Ironie geschwängerter Krimi mit einem furiosen Schlussdrittel. Das Trio funktioniert bestens, Isabell Gerschke passt sich gut ein und Max Zähle findet den richtigen Ton.
Foto: NDR / Sandra HoeverIn „Der Andy von nebenan“ steht im Mittelpunkt ein handwerklich begabter, in Schwanitz beliebter, geistig zurückgebliebener Mann um die vierzig, dessen Adoptivvater getötet wurde. Der Film von Nina Wolfrum fasziniert durch seine Titelfigur, das Mitgefühl, das sie einfordert, und durch Christoph Franken, der dieser trotz ihrer erdrückenden Herzlichkeit und ihres kindlichen Gemüts etwas monströsen Figur zum Leben verhilft. Es geht um einen sagenumwobenen Diamanten, der nur dem Glück bringt, der reinen Herzens ist.
Foto: NDR / Christine SchroederIn „Ein Killer und ein Halber“ entwischt Lona Vogt der titelgebende Killer, den sie allenfalls anschießen kann. Der hat zuvor die Schwanitzer Dorsch-Woche zum Anlass genommen, im Auftrag eines Mafia-Clans einen „Verräter“ auszuschalten. Schicksalshaft kreuzt dabei der Praktikant des örtlichen Bestattungsunternehmens die Wege des Profi-Killers: Der hat sich bisher nur an Tieren versucht, würde aber gern mal „richtig“ morden. Der Film ist eine der spannendsten Episoden: Zwei Mal gerät die Tierarzthelferin in die Klauen des Killers.
Foto: NDR / Sandra Hoever„Der Anschlag“ ist ein Musterbeispiel für reduziertes, konzentriertes, filmisch ausgefeiltes und spannendes Erzählen. Hauke Jacobs, der mittlerweile offiziell als Polizist arbeitet und auch weiterhin als Tierarzt praktiziert, bekommt eine neue Kollegin und reagiert erst mal reserviert. Zum Kennenlernen bleibt keine Zeit, denn bald gibt es einen Toten: ein Journalist. Der hatte gerade noch versucht, Jacobs davon zu überzeugen, dass ein Attentat auf die Ministerpräsidentin geplant sei. Blöd, dass der Killer einer ihrer Personenschützer ist.
Foto: NDR, Degeto / Gordon TimpenIn „Haare? Hartmann!“ lauert das Unheil im Vertrauten. Die so herzerfrischend freundliche Friseurin Grit Hartmann hat eine dunkle Vergangenheit. Heute ist das Haareschneiden ihre Leidenschaft, früher waren es Auftragsmorde. Niels Holle entwickelte in seinem zehnten Drehbuch für „Nord bei Nordwest“ ein feines, gut geöltes Erzähl-Maschinchen, das geschmeidig vor sich hin surrt. Sitzt perfekt wie Hannah Wagners Frisur.
Foto: NDR / Gordon Timpen„Canasta“ eine göttliche Kriminalkomödie mit viel schwarzem Humor. Ein regloser Kopf in einer Puddingcreme-Schnitte zeigt sofort, wo’s langgeht. Die Gier wird augenzwinkernd zum Leitthema des Films. Eine Canasta-Runde ist bald nicht nur ihres vierten Mitspielers beraubt, sondern gelangt durch eine schicksalhafte Fügung an einen unermesslich großen Batzen an Geld, nachdem sich zwei Ganoven einen Italo-Western-liken Todeskampf geliefert haben. Beim Kartenspielen sitzt Loriot immer mit am Tisch.
Foto: NDR / Boris LaewenNachdem ein Mörder Hauke Jacobs in die Brust geschossen hat und die Kollegin zurückfeuerte, liegen beide Männer im Koma – und Schwanitz steht in der Wahrnehmung des Polizisten Kopf: Alle im Ort haben ihre Identitäten gewechselt. Wagner ist Tierärztin, Jule Polizistin, Töteberg Kriminaltechniker, Puttkammer Gastronom und Frau Bleckmann macht auf Mehmet Ösker. „Die letzte Fähre“ ist kein Kopfkino, sondern wirkt direkt, unmittelbar, emotional. Ein wunderbares „Dazwischen“-Werk, das das herkömmliche Krimi-Reihen-Fernsehen mit den modernen Formen des (Serien-)Erzählens verbindet und – versöhnt.
Foto: NDR / Gordon TimpenEine besonders schön schräge Episode. Eine Heckenschere in der Halsschlagader, eine Entführung, ein Unfall mit Knalleffekt. Mit einer solchen Erzähllogik und einer geistig verwirrten Hauptfigur wie dieser nach dem Tod des Mannes auflebenden Gärtnersfrau ist für den Verlauf der Geschichte alles möglich. Schicksalhafte Fügungen bestimmen die Handlung – und so entdeckt jene titelgebende „Frau Irmler“ ihr zweites Ich. Logik und schnöder TV-Realismus werden einmal mehr in dieser Reihe charmant außer Kraft gesetzt.
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