Alfred Hitchcock ging als Meister des Suspense in die Filmgeschichte ein. Suspense bedeutet bei ihm mehr als der Allerweltsbegriff Spannung. Suspense ist die Spannung, die entsteht, wenn der Zuschauer einen entscheidenden Wissensvorsprung hat. Das kann die Handlung betreffen (das Wissen um eine Bedrohung), aber eben auch eine konkrete Situation (das Wissen um die berühmte Bombe unter dem Tisch). Seine besondere Stärke war es, „das Drama zu füttern und zu straffen, ihm ein Höchstmaß an Intensität und Glaubwürdigkeit zu verleihen“, schrieb Truffaut, „die Kunst, Suspense zu schaffen, ist zugleich die Kunst, das Publikum zu packen, es am Film zu beteiligen.“ Die Wirkung stand bei Hitchcock an erster Stelle: Unbehagen erzeugen, Ungewissheit, Unsicherheit, das ist für ihn die Grundlage einer guten Geschichte. Logik nicht unbedingt. Gegen die „Wahrscheinlichkeitskrämer“ unter den Zuschauern hegte er eine stille Abneigung. Diese „Logiker“ sind häufig auch irritiert von dem, was Hitchcock einen MacGuffin nennt: etwas, was den Plot intern antreibt, bei dem es für den Zuschauer aber nicht viel zu verstehen gibt, beispielsweise das Uran in „Berüchtigt“ oder (irgendwelche) Geheimdokumente in „Der unsichtbare Dritte“. Relevanz hat dagegen die Art und Weise seiner Inszenierung. Das heißt bei ihm Erzählen in Bildern und das heißt die ideale Kameraposition finden. Nur wenn es der Stoff nicht erlaubt, ist der Dialog ein letzter Ausweg. Seine bekannten Thriller setzen vornehmlich auf die Angst-Lust beim Zuschauer, die Geschichten selbst bauen nicht selten auf psychologische Phänomene wie Voyeurismus, Fetischismus, Kleptomanie, Nekrophilie, Sadismus oder Ödipus-Komplexe als narrativen Unterboden, weniger als ernsthafte Themen-Diskurse. Gab es bei Hitchcock (außer in „Frenzy“) keine Nacktheit, so ist Erotik – abhängig von der Geschichte und der (weiblichen) Besetzung – in vielen seiner Filme evident. Grace Kelly war die Dame mit dem größten Sex-Appeal („außen Eis, innen heiß“). Hitchcock: „Wenn der Sex zu aufgetragen, zu dick ist, gibt es keinen Suspense mehr. Weshalb ich immer wieder auf die mondän reservierten blonden Schauspielerinnen zurückkomme.“ Und so ist es nur logisch, dass Hitchcock keinen Film mit Marilyn Monroe gedreht hat.
Hitchcock war bereits in der Stummfilmzeit aktiv, drehte seinen letzten Film vor 50 Jahren – dennoch gehört er wohl nicht nur für die Boomer-Generation zu den bekanntesten Regisseuren der Filmgeschichte. Einige seiner bedeutendsten Filme aus den 1950er Jahren fanden 30 Jahre später noch einmal den Weg ins Kino, und im Fernsehen waren viele seiner 53 Tonfilme regelmäßig zu sehen, was sich leider geändert hat, seit sich mit DVD und heute mit Streaming mehr verdienen lässt als mit TV-Lizenzen. Der kleine dicke Mann, der in rund 50 seiner Filme einen sehr kurzen Cameo-Auftritt hat, ist einer der wenigen Regisseure, die in der Öffentlichkeit so bekannt waren, dass über ihren Namen die Filme vermarktet wurden. So führt Hitchcock selbstironisch durch viele seiner Kino-Trailer.
Noch immer eines der wichtigsten Kino-Bücher: François Truffaut – Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?
Mit James Stewart, Doris Day, Brenda de Banzie, Bernard Miles, Daniel Gélin
Eine amerikanische Familie gerät während eines Urlaubs in Marokko in eine internationale Verschwörung, nachdem der Vater zufällig von einem geplanten Attentat erfährt. Nach der Entführung ihres Sohnes versuchen die Eltern verzweifelt, das Attentat zu verhindern und ihr Kind zu retten. Dem Remake seines britischen Erfolgsfilms von 1934 kann alles bescheinigt werden, was den Hitchcock Touch ausmacht: enorme Spannung im Großen wie im Kleinen (die berühmte Suspense-Sequenz in der Royal Albert Hall), die Hauptcharaktere in einem Dilemma auf Leben und Tod, eine ausgefeilte Farb- und Musikdramaturgie („Que Sera Sera“, mehr als ein Leitmotiv), James Stewart als Mr. Durchschnitt … Und doch enttäuschte mich das Wiedersehen 2026: Das traute Familienleben in Marokko nervte, Doris Day und der patriarchale Papa sowieso, der Film zu lang, das Warten auf den Paukenschlag/Schrei dito. „Der Mann, der zu viel wusste“ ist von der Zeit, den Sehgewohnheiten, den Geschlechterbeziehungen, eingeholt worden.
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Mehr InformationenMit Robert Donat, Madeleine Carroll, Lucie Mannheim
Ein Mann wird fälschlicherweise des Mordes verdächtigt und flieht quer durch Großbritannien, während er versucht, seine Unschuld zu beweisen. Dabei deckt er ein Spionagenetz namens „39 Stufen“ auf, das geheime militärische Informationen außer Landes schmuggeln will. Ein typischer Hitchcock-Plot: Ein Unschuldiger auf der Flucht, in Lebensgefahr, einem Staatsgeheimnis auf der Spur. Für die 1930er Jahre besitzt der Film ein enorm hohes Tempo, ein Minimum an Dialog und ein Maximum an Action. Kritik und Zuschauer waren sich einig. „Eine glückliche Synthese von hoher Kriminalspannung und absurdem Witz“ (Filmdienst). „Der Film springt von einem Höhepunkt zum anderen. Ein Meisterwerk des englischen Vorkriegskinos“ (Süddeutsche Zeitung). Für Nostalgiker und Filmgeschichtsromantiker!
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Mehr InformationenMit Karen Black, Bruce Dern, Barbara Harris, William Devane
Zwei Paare, zwei Welten: eine falsche Hellseherin und ein Taxifahrer, die sich prekär durchs Leben gaunern, ein Juwelier und seine Freundin, die gekidnappte Promis gegen Diamanten eintauschen. Ausgerechnet dem Juwelier winkt eine Erbschaft. Doch das andere Pärchen erhebt ebenfalls Ansprüche… „Family Plot“ ist eine coole Thriller-Komödie der leisen Gangart, aberwitzig die Handlung, spielerisch die narrative Konstruktion und köstlich Kintopp-like die gegensätzlichen Charaktere, eindrucksvoll gespielt von der quirligen Barbara Harris, der ultracoolen Karen Black, dem verpeilten Bruce Dern und von William Devane mit seiner Vierkantschädel-Checked-Kronen-Visage. „Ironisch-hintersinnige Komödie von Hitchcock über wechselnde und vorgetäuschte Identitäten, in bedächtig leisem Stil, ohne äußerliche Effekthascherei inszeniert“, schrieb der Filmdienst treffend.
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Mehr InformationenMit Tippi Hedren, Sean Connery, Diane Baker
Eine Kleptomanin wird von ihrem Chef auf frischer Tat ertappt. Der zwingt sie daraufhin zur Heirat, um das Geheimnis ihrer dunklen Vergangenheit und ihrer psychischen Probleme zu ergründen. Der Film kam bei Publikum wie Kritik nicht gut an. Auch Hitchcock war mit dem Ergebnis nicht zufrieden; er bemängelt, dass die fetischistische Liebe („ein Mann will mit einer Diebin schlafen, weil sie eine Diebin ist“), diese amouröse Erniedrigung, auf der Leinwand nicht so gut herauskam wie in „Vertigo“, obwohl Connerys „bestialische“ Ausstrahlung dem sexuellen Aspekt der Geschichte entgegenkommt. Aus heutiger Sicht: zu viel Küchenpsychoanalyse (aus Männersicht). Da ich „Marnie“ als junger Teenager das erste Mal sah, bleibt der Film dennoch für mich in nachhaltiger Erinnerung.
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Mehr InformationenMit Margaret Lockwood, Michael Redgrave, Dame May Whitty
Auf einer Zugreise von Budapest nach Basel verschwindet eine ältere Dame spurlos aus ihrem Abteil. Außer einer jungen Frau im Zug will sie niemand gesehen haben. „Eine Dame verschwindet“ ist der vorletzte englische Film Hitchcocks, dessen Erfolg ihm den Gang nach Hollywood ebnete. Eine Mystery-Salon-Krimikomödie, die die ersten 25 Minuten in einem seltsamen Hotel in einem noch seltsameren Land spielt, einer fiktiven Diktatur, bevor es zur Zugfahrt kommt, mit den vorsintflutlichen Ruckprojektionen und den Modellen Marke Augsburger Puppenkiste. Der Zuschauer weiß mehr, aber nicht alles. Heute atmet der Film die Aura des frühen Tonfilms. Wer diesen Flair mag, wer Skurrilität mehr schätzt als Wahrscheinlichkeit, der dürfte heute noch Freude an diesem Uralt-Movie haben.
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Mehr InformationenMit Edmund Gwenn, Shirley McLaine, John Forsythe, Mildred Natwick
Mehrere Bewohner eines kleinen Dorfs in Vermont finden unabhängig voneinander die Leiche des Toten Harry und glauben jeweils aus verschiedenen Gründen, ihn selbst versehentlich getötet zu haben. Doch wohin nur mit Harry? Zigmal wird er begraben und wieder ausgebuddelt. Trotz des absurden Humors und des amüsanten Understatements ist „The Trouble with Harry“, entstanden nach einem englischen Roman, ein eher untypischer Hitchcockfilm. In dieser märchenhaften Kriminalkomödie sind (fast) alle Dorfbewohner die Freundlichkeit in Person („nett sind wir alle“), es gibt keinen Mörder, ein Kind findet die Leiche und der Tote bringt die Dorfbewohner noch enger zusammen. Herzallerliebst: Shirley McLaine in ihrer ersten Rolle.
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Mit Joan Fontaine, Laurence Olivier, Judith Anderson, George Sanders
Eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen heiratet einen verwitweten Adelsspross und zieht auf sein Anwesen Manderley, wo sie vom allgegenwärtigen Schatten seiner ersten Ehefrau Rebecca bedrängt wird. Sie fragt sich bald aber auch, ob ihr Mann möglicherweise mehr über den mysteriösen Tod ihrer Vorgängerin weiß, als er zugibt. Die erste Hitchcock-Erfahrung, an die ich mich erinnern kann. Ich war keine zehn, fürchtete mich vor allem wegen dieses düsteren Anwesens: die Schatten, der Nebel und dann diese schreckliche Hausdame! Für den Meister selbst war „Rebecca“, seine erste Produktion in Hollywood, „kein Hitchcockfilm“, eher ein Märchen, psychologisch und ohne Humor. Da der Film bereits 1940 altmodisch wirkte, kann man ihn über 80 Jahre später als gut gealtert bezeichnen.
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Mehr InformationenMit Henry Fonda, Vera Miles, Anthony Quale
Ein Familienvater und Musiker wird zu Unrecht als Raubüberfallverbrecher identifiziert und gerät in die Mühlen des Justizsystems, während er verzweifelt versucht, seine Unschuld zu beweisen. Der Film entstand nach einer wahren Begebenheit, ist extrem aus der Sicht des Unschuldigen erzählt, auch filmisch, mit etlichen suggestiven Effekten. Andererseits ist „Der falsche Mann“ ein für Hitchcock ungewöhnlich realistisch anmutender Film – mit seinem semidokumentarischen (Schwarzweiß-)Stil. Dass er auch als Charakterstudie funktioniert, liegt vor allem an Henry Fonda, dessen Titelfigur als Melancholiker angelegt ist, in dessen Augen bald aber nur noch pure Angst zu sehen ist.
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Mit Ray Milland, Grace Kelly, Robert Cummings, John Williams
Ein ehemaliger Tennisprofi plant den Mord an seiner wohlhabenden Frau, doch der raffinierte Plan gerät außer Kontrolle, als sie den gedungenen Killer in Notwehr ersticht. Hitchcock, der das Visuelle liebt, mochte den Film nach einem Bühnenstück nicht („Gelegenheitsarbeit“). Seine Strategie: Er betonte sogar noch das Theaterhafte. Ein präziser, scharfsinnig berechneter Suspense-Film über einen fast perfekten Mord. Ray Milland (doppelgesichtig) und Grace Kelly (verletzlich) sind top besetzt. Ich halte es mit Truffaut: „Es ist ein Dialogfilm, dennoch sind der Aufbau, der Rhythmus, die Führung der fünf Schauspieler so perfekt, dass man jedem Satz andächtig lauscht.“
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Mit Jon Finch, Barry Foster, Alec McCowen, Anna Massey
Ein Unschuldiger wird für den Mord an seiner Ex-Frau verurteilt, bricht aus dem Gefängnis aus, um zu beweisen, dass ein anderer der „Krawattenmörder“ von London ist. Very british, schön makaber, gespickt mit Ironie (siehe Video: „Französische Feinschmeckerische“) und eine Kombination zweier typischer Hitchcock-Narrative: ein offen geführter Mörder und unschuldig Gejagter. Hinzu kommen eine Stadt in Angst und ein visuell zeitgemäßer, expliziterer Umgang mit der Gewalt des Triebtäters.
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Mit Teresa Wright, Joseph Cotton, Macdonald Carey. Buch: u.a. Thornton Wilder
In der jungen Charlie reift nach und nach der Verdacht, dass ihr geliebter Onkel Charlie, der charmante Besuch aus New York, in Wirklichkeit ein gesuchter Witwenmörder ist. Die Nichte überprüft ihren schrecklichen Verdacht auf eigene Faust. Das kann nicht lange gutgehen – und so trachtet der psychopathische Onkel bald auch ihr nach dem Leben. Sympathisiert man anfangs noch mit Joseph Cottons Schurken, den man nicht bei seinen Taten sieht, ändert sich das, als die junge Charlie in Gefahr gerät: Das ist Hitchcock-Suspense, das Wissen um die Bedrohung einer Figur, in Reinkultur. Der besondere psychologische Kick der Double-Charlie-Beziehung: Beide lieben sich. Für den Meister selbst gehört dieser Film Noir im kleinstädtisch bürgerlichen Milieu zu seinen Lieblingsfilmen: „Weil es eine dieser raren Gelegenheiten war, wo man die Charakterstudie mit Spannung verbinden konnte. Normalerweise ist in einer spannungsreichen Geschichte keine Zeit für Charakterentwicklung.“
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Mit Farley Granger, Robert Walker, Ruth Roman, Leo G. Carroll
In einem Zug wird ein Tennisspieler von einem Fan angesprochen. Der weiß von dessen boshafter Ehefrau, die sich nicht scheiden lassen will, und schlägt ihm vor, jeder von ihnen solle für den anderen einen Mord begehen. Der Fremde hat seinen verhassten Vater auf der Abschussliste. Wenig später ist die Frau des Tennisspielers tot … Ein Dilemma-Plot wie er im Buche steht – im Roman von Patricia Highsmith liest sich das allerdings um einiges überzeugender als im Drehbuch. Auch die Hauptdarsteller fallen im Gegensatz zu den Supporting Actors etwas ab. Hitchcocks Inszenierung in Film-Noir-likem Schwarzweiß ist dagegen so großartig und der Spannungspegel durchweg so hoch, dass es „Der Fremde im Zug“ auch bei den meisten anderen Hitchcock-Best-of-Listen in die Top 10 geschafft hat.
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Mit Carole Lombard, Robert Montgomery, Gene Raymond, Jack Carson
Wegen eines Verwaltungsfehlers ist die Ehe eines seit drei Jahren glücklich verheirateten Paares ungültig. Und so steht bald die Frage im Raum: „Wenn Du alles wiederholen müsstest, liebst Du mich genug, um alles noch einmal genauso zu machen?“ Oder einfacher ausgedrückt: „Würdest Du mich nochmal heiraten?“ Da es sich um eine klassische Screwball Comedy handelt, also keine romantische Komödie, stehen die Beziehungssegel bald auf Sturm. „Da ich die Art von Leuten nicht verstand, die in dem Film gezeigt wurden, habe ich die Szenen fotografiert, wie sie geschrieben waren“, sagte Hitchcock gegenüber Truffaut. Das reichte immerhin für eine elegante Salonkomödie mit einer wunderbaren Carole Lombard, der zuliebe der Thriller-Regisseur das für ihn ungewöhnliche Projekt annahm. Ist die Story auch etwas dünn, echte Screwball-Fans werden ihren Spaß haben. „Eine Komödie, die den Zuschauer am Kichern hält“, schrieb die New York Times. Ersetzt man „Kichern“ durch „Schmunzeln“, dann passt es.
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Mit Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Jessie Royce Landis, Leo G. Carroll, Martin Landau
Ein feindlicher Spionagering hält einen Werbefachmann irrtümlich für einen Agenten vom amerikanischen Geheimdienst. Dieser Kaplan ist ein imaginärer Agent, einzig erfunden, um vom echten US-Agenten abzulenken. Bald sind sowohl die Häscher des Spionagerings als auch die Polizei hinter dem unbescholtenen Mann her. Auf der Flucht quer durch die USA lernt er eine ebenso hilfsbereite wie geheimnisvolle Blondine kennen … „Der unsichtbare Dritte“, ein Thriller in spielerischer Gangart, gilt als Hitchcock-Klassiker. Der Film hat das vor allem seinen Kult-Szenen (siehe die Videos) zu verdanken. Aus heutiger Sicht kommt der Film nur langsam in die Gänge, setzt dramaturgisch ständig auf Zufälle und eine unnötige Kompliziertheit, psychologisch ist die Narration wenig plausibel, auch die Handlung hält retrospektiv einer kritischen Betrachtung kaum stand. Ironisch lässt sich das Ganze leider nicht lesen. Dafür sorgen Grants sarkastische One-Liner für ein Schmunzeln. Auch die Spannung (auf Leben, Liebe & Tod) zieht in der letzten Filmstunde deutlich an. Und dann diese großartige Schluss-Viertelstunde mit dem leichtfüßig sexualisierten Finale!
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Mit Tippi Hedren, Rod Taylor, Jessica Tandy
In der kleinen Küstenstadt Bodega Bay beginnen Vögel aus unerklärlichen Gründen, die Menschen aggressiv anzugreifen. So wird auch die Romanze zwischen dem Paar des Films durch blutige Möwen-, Krähen- und Spatzenangriffe jäh gestört. Die sonst friedlichen Tiere entwickeln sich zu einer tödlichen Gefahr für die ganze Stadt. Nach „Psycho“ machte auch „Die Vögel“ ein Genre hoffähig, den Tierhorrorfilm, der bislang nur gut war für minderwertige B-Movies. Dramaturgisch perfekt: eine ruhige Exposition, die bereits Raum lässt für die zentralen Konnotationen des Films (die Vögel im Käfig), eine systematische Spannungssteigerung, eine ungewöhnliche Tonebene (die Geräusche der Vögel), sehr passend besetzt ist Tippi Hedren, die für ihre Rolle einen Golden Globe erhielt. Der Subtext, die (ikonische) Umkehr des Mensch-Vogel-Verhältnisses (die Heldin gefangen in einer Telefonzelle), überzeugt auch noch bei heutiger Betrachtung.
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Mit Cary Grant, Grace Kelly, Jessie Royce Landis, Charles Vanel, Brigitte Auber
Ein ehemaliger Juwelendieb, ein legendärer Fassadenkletterer, deshalb „die Katze“ genannt, wird verdächtigt, an der Côte d’Azur wieder eine Serie von Schmuckdiebstählen begangen zu haben, obwohl er längst ein ehrbares Leben führt. Um seine Unschuld zu beweisen, macht er sich selbst auf die Suche nach dem echten Täter und gerät dabei in ein elegantes Katz-und-Maus-Spiel mit einer reichen Familie und einer ebenso wohlhabenden wie bildhübschen jungen Frau. Für mich ein absolutes Hitchcock-Highlight, ein Film, den man immer wieder sehen kann, weil die ironische Romanze über den Krimi-Thriller dominiert und die Szenen mit diesem Hollywood-Traumpaar auch und gerade an der Côte d’Azur einfach zauberhaft sind (siehe die Videos). Vielleicht ist es auch nur der Charme von Cary Grant und besonders die Schönheit von Grace Kelly, das innen Eis außen heiß, die mir immer wieder Freude bereiten. Was sagte doch Hitchcock zu Truffaut: „Ich brauche Damen, wirkliche Damen, die dann im Schlafzimmer zu Nutten werden.“
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Mit Anthony Perkins, Janet Leigh, Vera Miles, John Gavin
Nach einer Unterschlagung flieht eine junge Frau aus der Stadt und nimmt sich ein Zimmer in einem Motel. Der junge Besitzer, der angeblich mit seiner jähzornigen Mutter lebt, wirkt schüchtern freundlich, doch als die Frau spurlos verschwindet, machen sich ihre Schwester, ihr Freund und ein Privatdetektiv auf die Suche nach ihr. Der Film sorgte für einen Paradigmenwechsel, etablierte Horrorelemente und Gruseleffekte im Mainstream-Kino. Immer wieder wird der Zuschauer offen in die Rolle des Voyeurs gedrängt. Der genießt es und machte „Psycho“, den keiner finanzieren wollte und den Hitchcock selbst produzieren musste, zu einem Kassenschlager. Die berühmte Duschszene ist 45 Sekunden lang, enthält 70 Kamerapositionen, und es dauerte sieben Tage, die Einstellungen zu drehen. Der Film, unter TV-Bedingungen hergestellt, hatte weniger als 35 Drehtage. Die „Mutter aller Slasherfilme“ ist wegen seines legendären narrativen Twists, der Noir-liken Anmutung, seiner latenten Spannung und der Perkins-Performance selbst heute noch ein Genre-Juwel.
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Mit Cary Grant, Ingrid Bergman, Claude Rains, Louis Calhern. Drehbuch: Ben Hecht
„Berüchtigt“ ist ein Spionagethriller, in dem die Tochter eines Nazi-Spions sich bereit erklärt, im Auftrag eines US-Agenten eine Gruppe von Alt-Nazis in Brasilien zu infiltrieren, die an der Herstellung einer Atombombe arbeiten. Um das Vertrauen der Nazis zu gewinnen, heiratet sie deren Chef, während sich zwischen ihr und ihrem Auftraggeber eine verzwickte Liebesbeziehung entwickelt. Truffauts Einschätzung des Films kann ich absolut zustimmen: „Der Film besteht aus nur wenigen Szenen und ist von einer fantastischen Reinheit. Der Aufbau des Drehbuchs ist mustergültig.“ Der Film erzielt mit einem Minimum an Elementen ein Maximum an Wirkung, er ist so perfekt, „weil er das Äußerste an Stilisierung und zugleich das Äußerste an Einfachheit ist“ (Truffaut). „Notorious“ ist sehr gut gealtert. Ein elegant inszeniertes Meisterwerk voller Suspense, Grant und Bergmann sind hinreißend, ja, selbst der Böse, gespielt von Claude Rains, kann sich sehen lassen.
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Mit James Stewart, Kim Novak, Barbara Bel Geddes
Ein wegen Höhenangst aus dem Polizeidienst ausgeschiedener Detektiv verliebt sich in die neurotische, angeblich Suizid-gefährdete Frau eines Schulfreundes, die er überwachen soll, und muss später feststellen, dass deren angeblicher Tod nur ein Täuschungsmanöver war. Bis es so weit ist, begegnet er einer Frau, die eine Doppelgängerin der Toten sein könnte. Der Mittelteil des Films besticht durch die obsessiven Anstrengungen des Helden, das Bild einer Toten in der Gestalt einer anderen, lebenden Frau wieder zum Leben zu erwecken. Der Mann modelt sich sein Weib. Dieser Fetisch-Aspekt hat Hitchcock vor allem an der Geschichte interessiert. „Vertigo“, dieser spannende Mix aus Melodram und Thriller, fasziniert noch immer durch seinen mysteriösen Plot, die eisige, morbide Atmosphäre, durch sein stahlgraues Technicolor, den berühmten Kamera-Zoom-Trick oder die anderen ikonischen Bilder (Spiral-Motiv, Szenen auf dem Kirchturm).
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Mit James Stewart, Grace Kelly, Thelma Ritter, Wendell Corey, Raymond Burr
Nach einem Beinbruch an den Rollstuhl gefesselt, beobachtet ein Sensationsfotograf aus lauter Langeweile seine Nachbarn im Hinterhof. Hinter jedem der Fenster präsentiert sich ihm eine andere Geschichte, eine andere Facette menschlichen Verhaltens. In einer der Wohnungen vermutet der passionierte Bilderjäger alsbald ein Verbrechen. Der Hinterhof als Bühne, auf der verschiedene Alltagsszenen und Beziehungsdramen aufgeführt werden. Jedes Fenster wird zu einer separaten kleinen Kinoleinwand. Das müsste heutigen Smartphone-Usern gefallen, ebenso wie das Prinzip dieses unverschämten Voyeurismus‘ à la Hitchcock. „Das Fenster zum Hof“ ist Krimi, Drama, eine kühle Romanze (zum Niederknien: Grace Kelly und wie sie ins Bild gesetzt wird) und zugleich ein Film über das Kino, das Filmesehen als Obsession. „Ein vollkommen filmischer Film“ (Hitchcock), der über Bilder und Blicke erzählt und mit wenig Dialog auskommt.
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