Meine 20 besten KONZERTE 2025

Ein persönlicher Rückblick, der Rock- & Popmusik-Fans Live-Tipps gibt

2025 war das Jahr, in dem es für mich – nach rund 25 Monaten t.tv-Relaunch – eine Menge Kultur nachzuholen galt. Endlich wieder unter Leute, endlich wieder Live-Musik. Für mich ist dies der ideale Ausgleich zur Kopf- und Schreibtischarbeit. Habe an die 40 Rock-, Pop- und Jazzkonzerte gesehen. Das sind meine 20 Favoriten. Vergleichen ist eigentlich schwer möglich. Ich habe es der Faszinationskraft von Rankings wegen versucht.

Weshalb diese Rubrik? Ist das nicht zu narzisstisch oder selbstbezogen? Ich denke nicht. Denn während sich die Generationen Y und Z bei Konzerten häufig zu Tode knipsen, sich in den sozialen Medien die Hände wund posten oder musikverrückte Boomer wie ich möglicherweise ihr persönliches Konzerte-Tagebuch führen, geht es mir neben dem privaten Reflektieren und dem Sich-Erinnern immer auch um einen journalistischen Mehrwert. Die Kurzkritiken der Live-Auftritte ergänzen in etlichen Fällen die Album-des-Jahres-Rankings. Der an Pop- und Rockmusik interessierte Leser bekommt eine Vorstellung, WAS sich für ihn lohnen könnte.

20
BOTICELLI BABY
Harmonie Bonn 21.3.

Im Rahmen der „Rockpalast“-Crossroads-Konzerte in der Bonner Harmonie gab es mal wieder etwas Erinnerungswürdiges. Die Musik der siebenköpfigen Band, 2012 in Essen gegründet, klingt auf Platte schon vielversprechend, aber zu voller Blüte erwächst dieser Mix aus Punk, Balkan-Swing, Folk, Blues & Jazz (die Band reüssierte wenig später auch beim Jazzfestival Bonn) erst live in einem Club mit knapp 500 Plätzen. Das groovt, das scheppert kraftvoll, das reißt sofort mit. Es ist März, aber man bekommt Hitzewellen wie im Hochsommer. Virtuos an ihren Instrumenten sind sie alle, einer aber sticht besonders hervor: der charismatische Bassist und Sänger Marlon Bösherz, der sein Instrument liebevoll umtanzt, ja umflirtet.

19
QUEENS OF STONE AGE
Kunst!Rasen Bonn 13.8.

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Wer elaborierten Rock der Nach-Grunge-Ära liebt, dem muss man nicht sagen, dass Queens of the Stone Age eine exzellente Live-Band sind. Bei mir geht allerdings außer Led Zeppelin, den Faces, Nirvana, den Red Chili Peppers und natürlich den Stones heute nicht mehr viel in Sachen schwerer Rockmusik. Allein die Gelegenheit, die Kritiker-Lieblinge in Bonn sehen zu können, änderte meine Haltung und sorgte dafür, dass ich mich in den Song-Katalog der Band um den charismatischen Josh Homme eingehört habe, schließlich richtig Lust auf den Gig bekam und wie die 6500 euphorisierten Zuhörer durchaus meinen Spaß hatte. Es ging ebenso atemlos wie abwechslungsreich durch die Nacht – bis die Band (offensichtlich) ihre Klassiker spielte und die Hardcore-Fans auf den Plan rief: Rock und (gespielte, aber handfeste) Randale rissen mich aus der Illusion, um Liebe, Sucht und Gewalt gehe es nur in den Songs von Queens of the Stone Age. Und so genoss ich am Ende nur 75 der 100 Minuten. Ganz besonders: Josh Homme solo am E-Piano.

18
SUZANNE VEGA
Tanzbrunnen Köln 16.10.

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Die mittlerweile 68-jährige Suzanne Vega gehört zu den wichtigsten Singer-Songwritern ihrer Generation; auch ihre letzten Alben, insbesondere „Lover, Beloved: Songs From an Evening With Carson McCullers“ (2016) und „Flying With Angels“ (2025) bestechen durch eine enorme Vielfalt an Genres und Klangfarben, die man in den frühen Jahren bei ihr vermisste. Die Auswahl der Lieder, die Dramaturgie des Abends stimmten. Mit Gerry Leonard hat sie sich einen kongenialen Gitarristen, der auch mit Bowie oder Laurie Anderson gearbeitet hat, auf die Bühne geholt. Als später noch die Cellistin Stephanie Winters hinzukam und zudem für Percussions sorgte, gewann das Konzert noch weiter in puncto Dichte und Abwechslung. Für Vegas zarte Melodik und die ebenso feinen, stimmungsvollen Arrangements war diese Zweier-Dreier-Combo die ideale Besetzung. Doch ein Konzerterlebnis besteht leider nicht nur aus der (Präsentation der) Musik. Ein Sitzplatz in der siebten Reihe klingt erst mal nicht schlecht. Allerdings war dieser weit außen. Für einen Blick auf die ikonisch klassisch in einem schwarzen Jackett gekleidete New Yorkerin, die sich zu „Marlene on the Wall“ Marlene-Dietrich-like einen Zylinder aufsetzte, war es ein zu langer Weg. Für mich schmälerte dies den Genuss dieses Abends bedauerlicherweise entscheidend.

17
HINDS
Gebäude 9 Köln 5.3.

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Die vier Spanierinnen kommen ohne protziges Show-Brimborium und ohne falschen Glamour aus. Stattdessen: höchstes Energielevel und pure Lebensfreude. Der überschaubare, angenehm abgerockte Club erwies sich als die ideale Spielstätte für die quirlige Girlband und ihren unkomplizierten Indie-Garage-Rock, der auf den Alben teilweise poppiger klingt. In Köln ging es die meiste Zeit fetzig zu, aber stets augenzwinkernd. Hinds coverten Charli XCX und The Clash, das Gebäude 9 wurde zur Hupfburg, und zum Schluss wurde es noch wilder: Carlotta Cosials und Ana García Perrote, die Lennons/McCartneys von Hinds, sprangen von der Bühne und tanzten mit den rund 400 begeisterten Fans.

16
JOAN AS POLICE WOMAN
Karlstorbahnhof Heidelberg 25.4.

Das minimalistisch instrumentierte letzte Werk von Joan Wasser, „Lemons, Limes, Orchids“, gab den Ton des Konzerts vor: Sechs Titel des soulig-intimen Albums standen auf der Setlist, und die damals 54-jährige US-Amerikanerin trat solo auf. Daran musste man sich gewöhnen. Bei der hohen musikalischen Qualität der zunächst lange am Flügel, dann zur Gitarre greifenden ausgebildeten Violinistin kein Problem! War der Kampf mit der eigenen Erwartungshaltung gewonnen, konnte man sich verzaubern lassen von dieser warmen, klaren Stimme, den mal jazzig sanften Harmonien und einem dann wieder pochend dynamischen Klavier-Crescendo – konzentriert, hingebungsvoll & leidenschaftlich gespielt. Zum Konzert passte auch der Rahmen: Die Architektur des Karlstorbahnhofs wirkt in ihrer modernen Großzügigkeit offen und einladend. Das entspricht dem Wechselspiel zwischen Nähe und Coolness, das Wasser und ihre Musik charakterisiert. Wer sich davon überzeugen möchte, kann dies tun am 17. Februar 2027 an gleicher Stelle.

15
ELVIS COSTELLO & WDR BIG BAND
Forum Leverkusen 5.11.

Ich wollte endlich einmal Elvis Costello sehen, nachdem ich sein Bonner Konzert genau 20 Jahre zuvor verpasst hatte. Fast 50 Jahre bin ich seiner musikalischen Entwicklung wohlwollend gefolgt, seinen Rendezvous mit Country, Soul, Kammermusik, Jazz, Barock-Pop, Easy Listening. Aber was hatte ich erwartet von einem Crossover-Konzert mit der WDR Big Band?! Das legendäre Rockpalast-Konzert in der Grugahalle 1983 + einige Meilensteine der späteren Alben + die Virtuosität der WDR Big Band, die ich mehrfach begeistert gesehen und gehört habe = eine Potenzierung der Power + eine Verstärkung von Costellos Crooner-Qualitäten? So hatte ich mir das wohl gedacht. Falsch gedacht. Die renommierte Big Band, dirigiert von Michael Leonhart, gab den Ton an. Und so waren am Ende mehr Jazz-Soli zu hören als Klassiker des 72-jährigen ehemaligen Pubrock-Punk-New-Wavers. Dass Elvis Costello, der kein begnadeter Sänger ist, aber einen sehr markanten Gesangsstil hat, an diesem Abend schlecht bei Stimme war, trug mit dazu bei, dass eines meiner mit größter Vorfreude erwarteten Konzert 2025 eine kleine Enttäuschung wurde (hier geht’s zum Konzert bei den Leverkusener Jazztagen 2025, professionell vom WDR-Fernsehen aufgezeichnet!).

14
ROBERT FORSTER
Stadtgarten Köln 7.10.

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Es war ein Konzert wie unter Freunden. Unter den rund 350 Besuchern in einem der freundlichsten Veranstaltungsorte in Köln (mehr Breitwand als Schlauch!) konnte man vornehmlich Wegbegleiter von Robert Forster, seit seinen Anfängen mit den Go-Betweens, ausmachen. Der 69-jährige Gitarrist, Sänger und Songwriter spielte sich durch seine letzten Solo-Alben, allen voran sein neustes, „Strawberries“, das nach überstandener Krankheit seiner Frau wie eine leicht melancholische Feier des Lebens klingt. Mit dem Titelsong ging es los; Höhepunkt des Albums und der erste im Konzert: „Breakfast On The Train“. Nicht fehlen durften aber auch die unvergessenen Songs aus den Go-Betweens-Zeiten (zehn an der Zahl) wie „Dive For Your Memory“ oder „Surfing Magazines“. Zwischendurch erwies sich Forster als launiger Erzähler, der immer mal wieder ins Deutsch umswitschte. Mit seiner großen Liebe, eine Deutsche, lebte er einige Zeit auf einem niederbayerischen Bauernhof. Den Song dazu gibt‘s auch: „German Farmhouse“, leicht punkiger Rumpelrock. Das Meiste an diesem Abend geht in Richtung relaxter Indie-Folk. Forster spielt ihn mit seinen Freunden (drei Schweden), für die Freunde im Saal und für sich selbst. Wie ein Blättern im Familienfotoalbum.

13
FONTAINES D.C.
Kunst!Rasen Bonn 19.8.

Rockbands neueren Datums sind selten geworden. Die beste, ja, einzig hörenswerte, ist für mich Fontaines D.C., die es mit vier Alben innerhalb von sechs Jahren ganz nach oben geschafft haben: im Vergleich zu den 45.000 Menschen, die im Sommer zum Londoner Konzert kamen, nahm sich die Kulisse von 6000 Zuhörern auf dem Bonner Kunstrasen vergleichsweise bescheiden aus. Frenetisch bejubelt von den zumeist sehr jungen, textsicheren Fans wurde jeder Song, egal, ob älter oder neu. Mir gefiel es, dass sie ihr letztes, bislang reifstes Album „Romance“ ins Zentrum des Konzerts rückten: „Bugs“, „Favourite“, „In The Modern World“ und selbst ihr Mega-Hit „Starburster“ (Titelsong der Serie MobLand“) sind angenehm weit entfernt von den post-punkigen Anfängen der Band. Die Setlist war perfekt, stellte alle Fanlager zufrieden. Nur über die politischen Botschaften der fünf Iren um den energiegeladenen Frontman Grian Chatten, besonders deren Plakativität (unvermittelte „Free Palestine“-Parolen, eine Palästina-Fahne am Keyboard), kann man geteilter Meinung sein.

12
GALLIANO
Palmengarten Musikpavillon Frankfurt 29.7.

Obwohl ich die Acid-Nu-Jazz-Pioniere erst rückwirkend letztes Jahr dank ihres famosen Comeback-Albums nach 28 Jahren Pause, „Halfway Somewhere“ (nachzuhören im Album-Ranking 2024, Position 2), begeistert für mich entdeckt habe, hatte der Abend einen nostalgischen Mehrwert: Ich erinnerte mich an ein Konzert mit dem legendären, viel zu früh verstorbenen Jazzgitarristen Volker Kriegel an gleicher Stelle, vor fast 50 Jahren. Und so war ich über 90 Minuten lang gleich doppelt emotionalisiert: Jazz, Funk, Dub/Reggae/Soul, einige Cover-Songs („I Want to Take You Higher“ des kurz zuvor verstorbenen Sly Stone) – das hielt nicht nur mich nicht lange auf dem Sitz. Klasse der stete Wechsel zwischen dem launigen Rob Gallagher und der grandiosen Valerie Étienne im Sologesang, so entwickelten die Songs eine größere Vielfalt an Stimmen & Stimmungen. Ein energiegeladenes, bisweilen meditatives & entsprechend mitreißendes Konzert.

11
Doppelkonzert: CAMILLE BERTAULT | DOMINIC MILLER
Bundeskunsthalle Bonn 17.5.

Ein Doppelkonzert beim Jazzfest Bonn, das es in sich hatte. Gitarrist Dominic Miller habe ich, abseits seiner Einsätze für Sting, zum dritten Mal gesehen, stets in anderen Besetzungen. Nun, als Quartett, mit dem Bassisten Nicolas Fiszman, dem Pianisten Mike Lindup und Drummer Nicolas Viccaro, war die Bandbreite der musikalischen Möglichkeiten größer als beispielsweise im Gitarre-Bass-Duett – wenngleich die Sound-Fülle Millers Virtuosität etwas bremsen musste (konnte mir als Nicht-Gitarrenjazz-Puristen nur recht sein). Dafür war es umso großartiger, wie die Arrangements die volle Klangpalette zwischen leise & laut ausschöpften, geradezu perfekt im Beatles-Klassiker „A Day In The Life“. Den Abend eröffnete Camille Bertault, die wie Miller in Paris lebt, „mit einem lockeren Baiser, das sich über ein herrliches Chanson-Konfekt legte“, dichtete der Kritiker des General-Anzeigers und lag mit diesem Bild nicht falsch: Leichtfüßig tän-zelte die ausgebildete Tänzerin über die Bühne, ebenso locker scattete die damals 38-Jährige über die Akkorde. Aber ihre Stimme, ihr Gesangsstil weiß mit den verschiedensten Tonlagen zu verführen: mal jazzig, mal poppig, mal ZAZ-like. Nicht nur ihr letztes Album, „Bonjour mon amour“ (2023), sei dem geneigten Liebhaber gehobener französischer Sangeskunst wärmstens ans Herz gelegt.

10
Doppelkonzert: KOKOROKO | KEZIAH JONES
Forum Leverkusen 6.11.

Jazz gehört in den eigenen vier Wänden nicht zu meinen bevorzugten Musikgattungen. Das Album „Tuff Times Never Last“ aber lief bei mir durchaus gern als Begleitmusik beim Lesen oder Dösen. Fand das Konzert auch im Rahmen der Leverkusener Jazztage statt, so sind doch die musikalischen Wurzeln von Kokoroko vielfältig: britischer R&B der 1980er Jahre, Neo-Soul, Bossa Nova, nur eine Prise Funk, dafür jede Menge Afrobeat. Alles sehr locker und geschmeidig mit Bläsern und viel Percussion präsentiert. Ein schönes Konzert zum aufmerksamen Zuhören und ein bisschen Mitwippen. Keziah Jones hatte ich 1995 kurzzeitig auf dem Schirm. Seine „Best of“-Platte erhöhte meine Erwartungen an einen hörenswerten Gig deutlich. Und sie wurden nicht enttäuscht. Sein perkussiv dynamisches Gitarrenspiel, dass er mit Slapping-Effekten anreichert, erzeugt jenen minimalistischen, aber harten, treibenden Funk-Stil“ (ARD-Kultur), den er „Blufunk“ nennt. Dass Jimi Hendrix zu seinen Vorbildern gehört, glaubt man gern. Spätestens beim zweiten Titel, „Million Miles Away From Home“, hatte mich der Nigerianer am Haken, 70 Minuten lang. Sein Motto: „Rhythm Is Love“.

9
HATTLER
Harmonie Bonn 15.10.

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Über die Jahrzehnte ist er der deutsche Musiker, mit dem ich in all meinen Lebensphasen am meisten anfangen konnte und – dank seiner robusten Natur (er erkrankte 2017 schwer) immer noch kann. Immer wieder tourt er, im Herbst 2026 mal wieder mit Kraan, 2025 mit Hattler, seinem zweiten, mittlerweile 26 Jahre währenden elektronischen Projekt, das – anders als davor Tab Two – eine „richtige“ Band geworden ist. Und die Bonner Harmonie gehört zu den Stammclubs des sympathischen 74-jährigen Schwaben. Kraan, Can, Kraftwerk, das ist für mich DAS innovative Trio des Krautrocks. Und Hattler ist bekanntermaßen einer der besten deutschen Jazzrock-Bassisten. Er arbeitet nur mit exzellenten Musikern zusammen, mit denen er sich blind versteht (ohne dass es je langweilig werden würde); die aktuelle Hattler-Besetzung besteht seit 2006. Dennoch ist seine Musik mehr von den komplexen Kompositionen, dem Wechselspiel aus druckvollem Groove und melodiösen Nu-Jazz-Harmonien geprägt als der Überbetonung der Virtuosität der Musiker; was mich beim Jazz alter Schule eher nervt. Klare Sache, dass man bei Hattler live nicht stillstehen kann (hier geht’s zum Konzert bei den Leverkusener Jazztagen 2025, professionell vom WDR-Fernsehen aufgezeichnet!).

8
JAZZRAUSCH BIG BAND
Harmonie Bonn 24.5.

Bereits zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren ließ ich mich von der Münchner Jazzrausch Big Band live mit- und hinreißen. Ob in der Bonner Oper oder jetzt im kompakten Harmonie-Ambiente: Party ist bei dieser „Meute“ immer angesagt – und das, obwohl hier jeder der 15 Musiker und Musikerinnen in Jazz-Manier mit mindestens einem Solo glänzen darf und sich dafür den verdienten Applaus abholt; was nach mehreren Jazz-Konzerten in Folge für meinen Geschmack immer etwas standardisiert wirkt. Fehlt nur noch Schlips und Krawatte. Das ist bei diesen jungen, größtenteils (ehemaligen) Musikstudent*innen aber nicht zu befürchten. Auch klingen Kompositionen & Sound – anders als bei anderen Big-Bands – nie schwerfällig oder steril. Das liegt an der wilden Fusion aus Jazz und Techno. Die neueren Titel sind Bass-lastiger, locken mit mehr Beats pro Minute zu ausgelassenen Hüftschwungen im Publikum. Und dass öfter als bisher gesungen wird, auch schon mal eine Ballade, sorgt für noch mehr Abwechslung bei diesem furiosen Zweistunden-Programm.

7
NOGA EREZ
Live Music Hall Köln 23.11.

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Für mich war Noga Erez mit ihrem dritten Album „The Vandalist“ die Überraschung des Jahres 2024: HipHop und Rap gehören in der Regel nicht zu meinen favorisierten Musikstilen, doch ihre top produzierte Hook-reiche Mixtur aus Sprechgesang, EDM und eingängigen Refrains klang anders als das Gebrabbel vieler Kolleg*innen. Diese supercoole Israelin hat Power, platzt vor Ideen und besticht doch gleichzeitig live durch ihren Hang zur Reduktion in Bild und Ton: Licht, Farben, Motion, Emotion, Sound – alles fließt. Ich hatte das Glück, das Trio, Erez mit ihrem Lebensgefährten Ori Rousso (Sampler, Synthesizer) sowie Ran Jacobovitz (Electro-Drums, Percussion), in der ausverkauften, knapp 1500 Besucher fassenden Live Music Hall zu sehen, einer ehemaligen Blechschlosserei, und vor allem in der ersten Reihe zu stehen. So waren die vielen kleinen Zwischentöne in der Interaktion auf der Bühne, die Neckereien, das Augenzwinkern, das Spiel mit Nähe und Distanz, besser zu erkennen als von weiter weg. Diese Präsenz, die zarte, megahübsche, ungewöhnlich asexuell auf der Bühne hin und her tigernde Noga Erez über 90 Minuten ungefiltert vor Augen zu haben, alle Songs vor dem Konzert ausreichend im Ohr … einfach hinreißend.

6
STEREOLAB
Gloria Köln 26.5.

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Nach 15 Jahren überraschten die Klangbastler des elektronischen Postrocks sowohl mit einem neuen Album als auch mit einer ausgedehnten Tour. Für Pop-Hörer mag die Musik experimentell und ambitioniert klingen, die drei Männer um das Gründungsduo Tim Gane und die charismatische Französin Lætitia Sadier, Gesicht und Stimme der Band, halten es auf der Bühne allerdings mehr mit britischem Understatement. Ohne großes Tamtam betreten sie die Bühne, bevor sie mit „Aerial Troubles“, einen der besten neuen Songs, das Publikum auf das Album „Instant Holograms On Metal Film“ einstimmen. Und es folgen jede Menge weitere Stücke dieser exzellenten Platte (nachzuhören im Album-Ranking 2024, Position 16). Die Songs haben etwas Flächiges, durch Sadiers Gesang bekommen sie eine zauberhaft-melancholische Färbung. Easy-Listening-Frenchpop meets Krautrock-Rhythmik, ergibt federleichte Electro-Avantgarde.

5
ST. VINCENT
Live Music Hall Köln 8.7.

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Obwohl Annie Clark in Köln im Gegensatz zu Berlin meine zwei Lieblingssongs von „All Born Screaming“ (nachzuhören im Album-Ranking 2024, Position 11) „Big Time Nothing“ und das James-Bond-like „Violent Times“ nicht gespielt hat, wird mir dieses St.-Vincent-Konzert lange in Erinnerung bleiben. Ihre zum Chaos neigende Bühnenpräsenz entpuppt sich als lustvolles Bowie-likes Spielen mit den verschiedensten Rollen, inklusive überdeutliches Rausfallen aus eben diesen. Bei dieser queeren Künstlerin kannst du dir live niemals sicher sein, so wie man auch nie wissen kann, was einen auf einer neuen Platte von ihr erwartet. Auf jeden Fall kein eingängiger Pop, kein niederschwelliger Wohlklang. Im Angebot hat sie Breitwand-Post-Waviges, Progrockiges der aggressiven Art, Glam-Pop bis Industrial-Art. Ihr Gitarrenspiel erinnert mit den Verzerrungen und kratzigen Dissonanzen an Anna Calvi, und ihre Songstrukturen sind höchst komplex. Sie brüllt, wispert und torkelt scheinbar unberechenbar und doch kühl kalkuliert über die Bretter, die ihr die Welt bedeuten. Wer „echte“ Gefühle braucht, ist bei dieser Gestaltwandlerin an der falschen Adresse.

4
JAN DELAY & Disko No. 1
Kunst!Rasen Bonn 14.8.

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Mit Deutsch-Rock, Rap oder Singersongwritern muss man mir nicht kommen. Mit drei Ausnahmen: fürs Nostalgiebedürfnis Achim Reichel, für die Einheit von kluger Kopf- und grooviger Beinarbeit Helmut Hattler und fürs Partymachen Jan Delay. Auch zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren begeisterte mich der Entertainer mit seiner fantastischen Bigband Disko No. 1 bei 35 Grad im kuschligen Front-of-Stage-Bereich – und doch blieb genug Platz, seinen Speck (und den der „Nachbarn“) zu schütteln. „Forever Jan“, hieß das Motto der Tour – und man bekam das Beste vom Besten zu hören, alle Hits, alle Gassenhauer. Eine schweißtreibende Tour-de-Force durch Funk und Soul, durch Rock, Rap, Reggae, ein musikalisch wilder Ritt durch die Jahrzehnte, es dauerte nicht lange – und die Glückshormone tanzten. Bläser-Remmidemmi, knackige Breaks, ironische Einwürfe dieser näselnden Ober-Rampensau, Backgroundsängerinnen der Extraklasse, ein Rio-Reiser-Cover („Für immer und dich“) und schließlich und endlich: „Immer wenn der Mond scheint, dann ist Showtime“. Um 22 Uhr müssen Open-Air-Konzerte in Bonn beendet sein. Nach über zwei Stunden beschließt Jan Delay sein viertes Konzert seit 2012 in der Rheinaue auf die Sekunde. Nicht nur das zeugt von einer Professionalität mit Stil & Haltung.

3
WOLF ALICE
E-Werk Köln 17.11.

Dass Wolf Alice mal ein Album wie „The Clearing“ abliefern würden, hätte ich vor zehn Jahren nicht gedacht. Das Londoner Quartett begann als eine von vielen britischen Gitarrenbands, allein die gelegentlichen Wohlklang-Vocals von Sängerin Ellie Rowsell ließen erahnen, dass da was in Richtung Fleetwood Mac zu machen ist; obgleich sie 2016 bisweilen noch etwas verschüchtert auf der Bühne herumstand. Das ist heute anders. Aus blond wurde brünett, aus verhuscht wurde selbstbewusst. Da das allerdings mehr nach „Sex sells“ als nach selbstbestimmter Selbstermächtigung aussieht, haben nicht alle Fans die 2025er-Wandlung der Indie-Lieblinge inklusive des Wechsels zu einem Majorlabel mitgemacht. Vielleicht musste das Konzert deshalb vom Palladium in das halb so große E-Werk (2000 Personen) verlegt werden. Mir war’s recht. Die 90 Minuten hatten es in sich. Es begann überraschenderweise mit der Ballade „Thorns“, Opener auch des neuen Albums, gefolgt von „Bloom Baby Bloom“, dem Mega-Hit der Band: Meine frühen Zweifel an der Dramaturgie des Abends haben sich rasch verflüchtigt. Das Beste aus den vier Alben war zu hören. Rowsell bildete das Zentrum der Show, ohne sich penetrant in den Vordergrund zu schieben. Des String-Bodys hätte es dabei gar nicht bedurft. Auch mit mehr Textilien ist sie sexy – weil sie eine starke Performance als Sängerin und Gitarristin abliefert(e) und weil sie eine ebenso attraktive wie charismatische und zugleich zurückhaltende Person ist. Ob mitreißende Beats, noisige Breaks, beseelte Ruhemomente, eingängige Refrains oder Dreampop-Akzente – das Konzert war ein Spiegelbild von „The Clearing“: eine perfekte, professionelle Performance.

2
PIXIES
Palladium Köln 2.5.

Als die Pixies Ende der 1980er Jahre an der Schnittstelle zwischen Velvet Underground, Alternative-Noise-Rock & Grunge Kult-Status erlangten, gehörte ich noch nicht zu deren Fans. Erst über 20 Jahre später entdeckte ich ihre Perlen „Here Comes Your Man“, „Where Is My Mind“ oder „Debaser“, und die letzten beiden Alben, von eingefleischten Pixies-Anhängern weniger geschätzt, gehörten schließlich zu meinen Lieblingen des Jahrzehnts. Die Rabauken von einst sind ruhiger und entspannter geworden. Das Konzert in Köln war die perfekte Mischung aus Alt und Neu. Wenn es mal so richtig nostalgisch, ja, fast punkig krachte, dauerte es nicht lange, bis die wunderbar eingängigen Refrains und Hooks der letzten Platte, „The Night The Zomies Came“ (nachzuhören im Album-Ranking 2024, Position 8), erklangen. Drei alte Männer und eine ultracoole Frau (seit 2024) am Bass peitschten 94 Minuten lang dem Publikum im ausverkauften Palladium ein. Sie brachten es auf 32 Stücke, kurz & knackig – und ließen den 4000 begeisterten Zuhörern keine Atempause.

1
AIR
Kunst!Rasen Bonn 6.8.

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Open-Air-Konzerte im Sommer sind eine zweischneidige Sache: Neben dem Wetter ist es die Helligkeit, die die Wirkung von Lightshows & Videoprojektionen beeinträchtigt. Schon allein aus diesem Grund war die Idee, die Höhe der Bühne zu halbieren und Nicolas Godin, Jean-Benoit Dunckel und den Gast-Schlagzeuger Louis Delorme in einem weißen Kubus zu platzieren, einfach genial. Dass das Ganze nicht nur durch die kontrastreichen, häufig wechselnden Farbspiele auf der Rückwand phänomenal aussah, sondern auch die ideale Präsentationsform für eine elektronische Musik ist, die einen zwischen melancholischer Trance und moderatem Retro-Futurismus beglückt, das macht diesen Abend zu weit mehr als einem (gewöhnlichen) Konzert. Diese 100 Minuten wirkten eher wie eine Bühnenaufführung: Kostüm, Ausstattung, Farbdesign, alles edel & bestens aufeinander abgestimmt. Und dann diese Musik. Das Electro-Duo Air spielt „Moon Safari“, dieses Meisterwerk eines Genres, das irrtümlicherweise manch einer als Easy-Listening-Pop für Fahrstühle, Lounges und Beach-Chill-Out abtut. Das über zwei Millionen Mal verkaufte Album von 1998 spielte die Band vollständig, hinzu kamen weitere Top-Songs ihrer späteren Alben, allen voran „Talkie Walkie“ und dem famosen Soundtrack zu dem ebenso famosen Sofia-Coppola-Film „The Virgin Suicides“. Besonders treffend die letzte Zugabe: „Electronic Performers“. Fazit: erlesen, elegant, wunderschön.

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