2024 war das zweite Jahr, das ganz im Zeichen des t.tv-Relaunchs stand, das arbeitsintensivste Jahr meines nicht mehr ganz jungen Lebens. Ich hatte entsprechend wenig Freizeit. So erklären sich die nur zwölf Konzerte, die ich besucht habe. Zehn davon konnten sich sehen und hören lassen, zwei davon gehören zu meinen All-time-Favourites.
Weshalb diese Rubrik? Ist das nicht zu narzisstisch oder selbstbezogen? Ich denke nicht. Denn während sich die Generationen Y und Z bei Konzerten häufig zu Tode knipsen, sich in den sozialen Medien die Hände wund posten oder musikverrückte Boomer wie ich möglicherweise ihr persönliches Konzerte-Tagebuch führen, geht es mir neben dem privaten Reflektieren und dem Sich-Erinnern immer auch um einen journalistischen Mehrwert. Die Kurzkritiken der Live-Auftritte ergänzen in etlichen Fällen die Album-des-Jahres-Rankings. Der an Pop- und Rockmusik interessierte Leser bekommt eine Vorstellung, WAS sich für ihn lohnen könnte.
Selbstermächtigung und Provokation gehören zu Beth Ditto genauso wie ihre gewaltige Stimme und der kraftvoll treibende Rhythmus der meisten Songs ihrer Band Gossip. Der Punk und Garagenrock der frühen Jahre, Indie, Disco, Soul der „Heavy Cross“-Zeiten und die stärker elektro-poppige Spätphase fließen auch beim Bonner Konzert zu einer stimmigen Power-Melange, dazu Dittos orkanhafter Gesang. Nach 12 Jahren Gossip-Pause konnte man das nicht unbedingt erwarten. So gut die Harmonie in der Band – Ditto lebt nicht nur ihr Bad‑Girl‑Image samt dazu passender schriller Haute‑Couture, sondern es steckt auch jede Menge Wut in dieser Frau. Dass sie während des Konzerts einen verbalen Kleinkrieg mit einer jungen Frau aus dem Publikum anzettelt, bei dem sie ihre Machtposition übel ausnutzt, ist falsch verstandene Self-Empowerment. Von wegen „Move In The Right Direction“! Und so liegt ein Schatten auf diesem musikalisch tollen Konzert.
Dass Dave Stewart seine Band ohne Annie Lennox Eurythmics nennt, ist schon ein wenig vermessen. Das Konzert in der Bonner Rheinaue konnte sich dennoch hören und sehen lassen. Mit einer großartigen, international besetzten Frauenband brachte der musikalische Mastermind – leider nur vor 1200 Fans – fast alle Hits der legendären Synthie-Pop-Band zu Gehör. Als Sängerin holte er sich keine Unbekannte: Die Australierin Vanessa Amorosi hatte um die Jahrtausendwende auch im Rest der Welt einen Superhit und ein Bestseller-Album. Ihre Stimme ist weniger cool als die von Lennox und geht eher in Richtung Soul-Röhre, was besonders späteren Eurythmics-Titeln wie „Thorn In My Side“ oder „Sisters Are Doin‘ It For Themselves“ entgegenkam. Neben Dave Stewarts markanten Gitarrensoli riss mich vor allem das kraftvolle Saxofon von Yasmin Ogilvie mit; eine Klasse für sich war auch das betörend lässig gespielte „Lily Was Here“, ein Song aus einem Film, der Stewart und Candy Dulfer einst einen großen Erfolg bescherte. 16 Songs in 90 Minuten. Ein bisschen zu routiniert runtergespielt. Dennoch hat es sich gelohnt, auch ohne die Magie einer Annie Lennox.
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Mehr InformationenEtwas wehmütig wurde mir schon, am 31. März im Kölner Gloria: Achim Reichel, seit 1960 im Geschäft, auf seiner „Schön war es doch!“-Abschiedstournee. Dreimal habe ich ihn innerhalb der letzten 30 Jahre live gesehen. Seine musikalische Bandbreite ist einzigartig: Folk, Pop, Rock, Shantys, Lyrik-Klassiker, Gassenhauer. Der Abend wird eine Reise durch das gesamte Schaffen dieses Hamburger Jung, der sich Bodenständigkeit und Natürlichkeit über all die Jahre bewahrt hat, und es wird eine Reise in meine eigene Vergangenheit. War Udo Lindenberg mein deutscher „Held“ in den Siebzigern, begleitete mich Reichel nach den Shanty-Alben (1976/77) und „Regenballade“ (1978) auch durch die kommenden Jahrzehnte, von „Blues in Blond“ (1981) bis „Volxlieder“ (2006). 140 Minuten ohne Pause, so was gibt es selten. Und Reichel bricht auch mit der Konzert-Konvention, dem Abgang vor dem Zugabenteil. Lieber erzählt er noch eine Anekdote aus seinem Leben. 80 ist der Mann, den ich mir schon bei seinem Konzert 2004 zum Vorbild fürs Älterwerden genommen habe.
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Mehr InformationenSein funky Gitarrenspiel ist legendär: Mit seinen synkopierten, „tanzenden“ Riffs, seinen stakkatoartigen, rhythmisch präzisen Akkorden und seinem präzisen, reduzierten Groove hat er zeitlose Hits für seine Band Chic („The Freak“) geschaffen und er hat aus Sternchen (Sister Sledge: „We Are The Family“, Madonna: „Like A Virgin“) Superstars und so unterschiedliche Popgrößen wie Diana Ross, David Bowie, Duran Duran oder Daft Punk hat er noch erfolgreicher gemacht – mit Nummer-1-Hits wie „Upside Down“, dem Album „Let’s Dance“, mit „Notorious“ oder „Get Lucky“. Bei seinen Live-Auftritten kann er also aus dem Vollen schöpfen. Mit seiner top besetzten Dance Combo, die noch immer Chic heißt, mit den beiden großartigen Sängerinnen Kimberly Davis und Audrey Martells, verpackt der Funk-Architekt einige der weltberühmten Songs in kunstvolle Medleys. Zwischendurch gibt’s Anekdoten aus seinem nicht nur bes(ch)wingten Leben. Zweimal ist er dem Tod von der Schippe gesprungen. Nile Rodgers ist ein echter Profi, er weiß nicht nur, wie man Musik macht.
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Mehr Informationen40 Jahre und kein bisschen leise! Obwohl, ganz so noisy wie in ihren Anfangsjahren sind The Jesus And Mary Chain bei ihrem Konzert in Köln nicht mehr. Zumindest die erste Hälfte ihres Gigs ist moderater Shoegaze, die Gitarren zwar gewohnt schief & verzerrt und der Sound wie eine Klangwand, aber eben auch melancholisch verträumt, in psychedelischen Sixties-Sphären schwebend („Some Candy Talking“). Die späteren Songs sind nicht krachiger („Just Like Honey“), es wurde nur am Lautstärkeregler gedreht. Die Stimmung ist von Beginn an großartig. Das Ambiente ist erwartungsgemäß düster, die Reid-Brothers verzichten auf Rock’n’Roll-Klischees, sind aber nicht mehr so gewollt depri wie in den Achtzigern – Kontakt mit dem Publikum inklusive. Auch das hat seine Coolness zu Hause gelassen: Es wird gewippt, geschunkelt und nur selten gerempelt.
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Mehr InformationenIm Juni 1982 gab es in den Kölner Sartory-Sälen ein „Rockpalast“-Doppelkonzert mit Simple Minds und The Pretenders. Ein unvergessliches Rock-Event. Während die Band um Jim Kerr für mich bald an Attraktivität verlor, hat mich Chrissie Hynde (auch solo) 47 Jahre lang mit all ihren Platten begleitet. 2024 war ich glücklich, sie noch einmal mit verjüngten Mannen live sehen zu können. „Sie trägt ihre wechselnden Gitarren wie ein Schusswaffe“, schrieb ein Kritiker. Das ist mir so nicht aufgefallen. Offensichtlicher ist indes: dass sie das Sagen hat in der Band, dass sie auch schon mal leicht motzig rüberkommt (ihr Punk-Erbe!), dass sie live eine echte Rockerin ist (ihr Outfit: Röhrenjeans, schwarzes T-Shirt, hohe Lederstiefel) und dass sie auf die legendären Softrock-Songs mit filigranen Gesangseinlagen verzichtet, weil das Vibrieren ihrer Altstimme, ihr Markenzeichen, mit 73, nur noch schwer zu halten ist. „Kid“ und „I Go To Sleep“ gibt’s trotzdem, auch meinen Liebling „Back On The Chain Gang“. Nur auf das Phil-Spector-like „Stob Your Sobbing“ und den einzigen Nummer-1-Hit „Brass In Pocket“ (beide 1979) wartete ich vergebens. Trotzdem ergab sich eine stimmige Setlist: 23 Titel aus zwölf Studioalben. Es war ein Fan-Treffen, aber mehr als nur ein nostalgischer Abend.
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Mehr InformationenWenn ehemalige Heroes sich nach längerer Pause mal wieder vors Live-Publikum wagen, kann das leicht zur großen Enttäuschung werden. Marc Almond in Köln gehört nicht in diese Konzert-Kategorie. Der ehemalige Soft-Cell-Sänger ist bestens bei Stimme und die Künstler und Songs seiner Setlist suchen ihresgleichen: Cher, Eartha Kitt, Charles Aznavour, Dusty Springfield, David Bowie („London Boys“), T. Rex („Children Of The Revolution“), Jacques Brel, Cockney Rebel, Syd Barrett, dazu die eigenen Monster-Hits wie „Tainted Love“ oder „Something’s Gotten Hold Of My Heart“ – 26 Titel, einer exquisiter als der andere. Einen guten Geschmack und das Gespür, was er sich und seiner Stimme anverwandeln kann, hatte der 68-jährige Brite schon immer. Ein stilvollendetes Konzert in der perfekten Location: das Gloria mit seinem roten, plüschig samtigen Ambiente.
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Mehr InformationenMit 25 sah er aus wie 18, beim Konzert in Bonn 2024, mit 45, sah er aus wie 35: Jamie Cullum, der Brite, der Jazz zu Pop macht und dessen Musikalität vor keiner Stilrichtung Halt macht: Soul, HipHop, Salsa, Boogie oder Funk-Elemente – zu sagen, er mische die Stile, mag für die Alben gelten, für seine Live-Auftritte klingt das zu technisch. Man hat eher das Gefühl, die Songs, die Klangmischungen und Improvisationen sprudeln nur so aus ihm heraus. Cullum ist virtuos wie ein Jazzer, aber das enorme Tempo, die Energie und Ekstase, die das Set aus 20 Titeln durchzieht, lässt einen diese Künstlergenialität vergessen und schiebt den Spaß in den Vordergrund. Wie ein Derwisch fegt der 1,64-Mann über die Bühne, vom Flügel an die Congas, um Sekunden später am Mikro den perfekten Crooner zu geben. Mit Cole Porters Klassiker „I Get A Kick Out Of You“ beginnt der gut zweistündige Abend vor 4200 Fans, er endet mit „Singin‘ In The Rain“. Und es tröpfelt dazu.
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Mehr InformationenIn Róisín Murphys Musik verschmelzen Electro-Pop, House, Disco, Soul, Glam- und Avantgarde-Elemente zu einer betörenden Melange. Ergänzt wird dieser tanzbare Mix durch Murphys wandlungsfähige Stimme: samtig, cool, kraftvoll, dramatisch. Das musikalische Konzept wirkt intellektuell, Berührungspunkte mit dem Mainstream gibt es dennoch; „Hit Parade“ (2023) heißt ihr bestes Album. Wie alle ihre Konzerte gleicht auch ihr Auftritt in Köln einer Modenschau: Mit jedem Lied wechselt sie Kostüm und Kopfbedeckung, Brecht-like im Scheinwerferlicht. Sie spielt sich durch die verschiedensten Frauenbilder. Wozu Madonna Jahre brauchte, Murphy schafft’s an einem Abend. Das ist alles schööön exzentrisch, theatralisch und stilvoll ausgeflippt. Dennoch, das Wichtigste ist dieser pulsierende Groove-to-Move, über dem Murphys Stimme schwebt. Trotz Diva-Attitüde bleibt die queere Ikone nahbar und das Konzert ist immer auch Party, Mitsingen erwünscht.
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Mehr InformationenMittlerweile 27 Jahre spielen The National in fünfköpfiger Urbesetzung ihren melancholischen Indie-Rock. Mal leise, verspielt und fein nuanciert, mal in kraftvolleren Breitwand-Arrangements, aber immer dicht und nie überladen: Besonders live kommen diese Gegensätze noch stärker zum Tragen. Selbst Open Air vor 6000 Zuschauern bleibt die konzentrierte Performance mehr Bühnen-Kammerspiel als Spektakel. Keine Showeinlagen, kaum Effekte, dafür überlebensgroße Gefühle, die Kleidung schwarz. Viele Songs kreisen um Ängste, seelische Krisen, amouröse Irrungen und Wirrungen. Das Gitarristen-Brüderpaar Aaron und Bryce Dessner komponiert (u.a. auch bei Taylor Swifts Ausnahme-Album „Folklore“), und Matt Berninger, mit seinem markanten Bariton auch solo erfolgreich, schreibt die Texte; Schmerz ist dabei eine wichtige Quelle. Vor Publikum legt der charismatische Frontmann noch mehr Ausdruck in die Songs als im Studio. Weit über zwei Stunden beweisen The National, dass sie zu den besten Bands des neuen Jahrhunderts gehören.
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