Tatort – Die letzten Menschen von Köln

Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Katharina Schüttler, Florian Stetter, die Zahns, Weiler. Schaf im Wolfspelz

18.09.2026 20:15 ARD-Mediathek Streaming-Premiere
20.09.2026 20:15 ARD TV-Premiere
21.09.2026 23:45 ARD
Foto: WDR / Thomas Kost
Foto Tilmann P. Gangloff

Der ungewöhnliche Titel dieses Kölner Krimis bezieht sich auf eine Gruppe, die den Ernstfall probt: Die Stadt liegt in Schutt und Asche. Fünf Personen konnten sich in einen unterirdischen Schutzraum retten, aber eine Teilnehmerin dieses Überlebenstrainings spielt ein doppeltes Spiel; derweil suchen Ballauf und Schenk nach dem Mörder ihres Bruders. Das Ehepaar Zahn (Buch) und Marcus Weiler (Regie) haben vor einigen Jahren mit „Hubertys Rache“ für einen der spannendsten Filme der jüngeren „Tatort“-Historie gesorgt; diesem Maßstab wird „Die letzten Menschen von Köln“ (WDR / Bavaria Fiction) nicht gerecht. Sehenswert ist der Krimi nicht zuletzt wegen der sorgfältigen Bildgestaltung trotzdem, zumal die komplexe Handlung einige Überraschungen bereithält.

Ironie des Schicksals: Während fünf Personen in einem unterirdischen Schutzraum den Untergang proben, weil die Stadt nach einem russischen Atombombenanschlag auf Düsseldorf (!) laut Szenario in Schutt und Asche liegt, wird oben drüber eine Weltkriegsbombe entschärft. Gut möglich, dass aus dem Spiel Wirklichkeit geworden ist, wenn die Gruppe an die Oberfläche zurückkehrt; immerhin sind sie, wie es der Übungsleiter formuliert, „die letzten Menschen von Köln“. Die Rahmenbedingungen von Fall Nummer 96 für das Duo Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) sind also schon mal interessant. Zum Krimi wird der Film durch den obligaten Todesfall: Die Handlung beginnt um 4 Uhr morgens, Elara Schmidtke (Katharina Schüttler) ist schon vor dem Wecker wach. Lippenstift wäre angesichts des drohenden Weltuntergangs unpassend, aber ihre Nervosität hat andere Gründe: Sie kann ihren Bruder nicht erreichen. Linus wollte ebenfalls beim Survival-Seminar mitmachen; seine Leiche wird entdeckt, während sich Elara und die anderen in die Unterwelt begeben.

Tatort – Die letzten Menschen von KölnFoto: WDR / Thomas Kost
In die Enge getrieben. ER ist unheimlich und undurchschaubar. SIE verhält sich (für den Zuschauer) anfangs auch seltsam. Der verschwommenen Bedrohungslage entspricht eine diffuse Figurenpsychologie. Etwas Mehr-Wissen hätte dem an sich reizvollen, reduzierten Bunker-Szenario gutgetan. Florian Stetter und Katharina Schüttler in „Tatort – Die letzten Menschen von Köln“

Das vielfach ausgezeichnete Ehepaar Eva und Volker A. Zahn (Grimme-Preis für „Ihr könnt euch niemals sicher sein“, 2009), hat bereits einige bemerkenswerte Drehbücher für die Kölner Kommissare geschrieben. Ihre Geschichten zeichnen sich nicht zuletzt durch den regionalen Charakter aus, weil sie Ballauf und Schenk auch mal im Braunkohlegebiet („Abbruchkante“, 2023) oder, wie zuletzt, im mythischen Kölner Fernmeldeturm ermitteln lassen („Colonius“, 2025). Diesmal geht’s im Hintergrund um die „Jahrhundertflut“ vor fünf Jahren. Zu den Opfern damals gehörte auch die Mutter der Geschwister, wie sich schließlich herausstellt. Wie ihr Tod mit den aktuellen Ereignissen zusammenhängt und welche Rolle der Übungsleiter dabei gespielt hat, würde in der Nacherzählung konstruiert wirken; innerhalb der Handlung sind die Verkettungen völlig plausibel.

Notorische Krimifans werden allerdings schon beim Vorspann aufmerken. Florian Stetter, beim breiten Publikum von 2009 bis 2011 als Kommissar an der Seite von Ulrike Kriener in der ZDF-Reihe „Kommissarin Lucas“ bekannt geworden, hat darstellerisch später die Seiten gewechselt und wird gern als Wolf im Schafspelz besetzt: sanft im Auftritt, eiskalt im Abgang, in Perfektion dargeboten seit 2022 als gewalttätiger Ehemann einer Polizistin in den Filmen mit Franziska Hartmann als „Katharina Tempel“ (ebenfalls ZDF). Die Wandlung von Übungsleiter Moritz Zechmann, im Grunde eine tragische Figur, zum Schaf im Wolfspelz ist jedoch nur bedingt glaubwürdig, und das hat nichts mit Stetters Filmografie zu tun.

Tatort – Die letzten Menschen von KölnFoto: WDR / Thomas Kost
Angespannte Stimmung beim Überlebenstraining im Bunker: Muss man töten oder kooperieren, um zu überleben? Das ist eine der beunruhigenden Fragen, die von den Preppern diskutiert wird. Zechmanns Sohn Mats (Paul Ahrens) und Julian (Dominik Flade). Weshalb gibt Zechmann (Florian Stetter) diese Kurse? Vor Jahren hatte er eine andere Weltsicht, war sozial engagiert.

Aber auch bei der Umsetzung gibt es ein paar weitere Stolperstellen. Im Rahmen des Trainings wird Elara im angeblich stockfinsteren „Leichenkeller“ eingesperrt. Sie tastet sich vorsichtig durch den Raum, was etwas seltsam anmutet: Die Bilder zeigen zwar ein Zwielicht, aber es ist keineswegs zappenduster. Einige Auslassungen wiederum waren vermutlich eine Frage des Budgets. Zwischendurch fährt mal ein Streifenwagen durch den menschenleeren nächtlichen Stadtteil, aber davon abgesehen finden die Bombenentschärfung und das daraus resultierende Verkehrs-Chaos allein auf Dialogebene statt. Die unvermeidliche Rückblende gegen Ende gilt nicht dem eigentlichen Auslöser der Tragödie, der Flutkatastrophe, sondern einem zufällig mitangehörten Gespräch. Auch darstellerisch ist der Film zwischendurch etwas unrund. Was den Spannungsgrad angeht, hat Regisseur Marcus Weiler vor einigen Jahren mit seinem ersten Kölner Krimi einen Maßstab gesetzt, den seine Inszenierung diesmal nicht erreicht. „Hubertys Rache“ (2022, ebenfalls nach einem Zahn-Drehbuch) über eine Geiselnahme auf einem Ausflugsschiff war damals der packendste Fall für Ballauf und Schenk seit langem.

Immerhin sorgen ein paar kleine Schockmomente sowie die elektronische Thriller-Musik (Olaf Didolff) für einigen Nervenkitzel, und wenn die Elara panisch nach einem Fluchtweg aus dem zumindest für sie zur Falle gewordenen Schutzraum sucht, ist das durchaus fesselnd (gedreht wurde in einem ehemaligen Zivilschutzbunker in Köln-Kalk). Wenig elegant, aber „Tatort“-typisch ist die eine oder andere Erklärung von Sachverhalten, die sich dem Publikum längst erschlossen haben, und ausgerechnet das beinahe zu ausführliche und entsprechend wortreiche Finale, das einen unerwarteten weiteren Todesfall mit sich bringt, ist in der Inszenierung vergleichsweise unspektakulär ausgefallen, was dem Genrewechsel in Richtung Familiendrama entspricht. Sehenswert ist der Krimi nicht zuletzt wegen der sorgfältigen Bildgestaltung (Ralph Kaechele), zumal die komplexe Handlung noch einige Überraschungen bereithält.

Tatort – Die letzten Menschen von KölnFoto: WDR / Thomas Kost
Und oben scheint die Sonne und das Leben geht weiter für Nina Zechmann. Mehr und mehr macht sie ihrem Namen alle Ehre. Dabei liefert Katrin Wichmann eine schön schräge Performance ab, die an „Borowski und das Glück der Anderen“ erinnert.

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Reihe

WDR

Mit Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Katharina Schüttler, Florian Stetter, Roland Riebeling, Ann-Kathrin Kramer, Katrin Wichmann, Paul Ahrens, Tinka Fürst, Dominik Flade, Denis Marshall Ölmez, Joe Bausch

Kamera: Ralph Kaechele

Szenenbild: Christiane Schmid

Kostüm: Martina Jeddicke

Schnitt: Thomas Stange

Musik: Olaf Didolff

Soundtrack: Louis Armstrong („What A Wonderful World“), Vicky Leandros („Ich liebe das Leben“)

Redaktion: Götz Bolten

Produktionsfirma: Bavaria Fiction

Produktion: Jan Kruse

Drehbuch: Eva Zahn, Volker A. Zahn

Regie: Marcus Weiler

EA: 18.09.2026 20:15 Uhr | ARD-Mediathek

weitere EA: 20.09.2026 20:15 Uhr | ARD-Mediathek

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