„Alles muss raus!“, heißt es im Räumungsverkauf. Für deutsche TV-Krimis gilt ein ähnliches Motto: „Alles kommt raus.“ Kein Wunder, dass Kripo-Kollegin Novak einigermaßen fassungslos ist, dass Nora Weiss wirklich geglaubt hat, ihre Vertuschungsaktion würde nicht auffliegen. Tatsächlich ist das Fundament dieses elften Falls für Anna Maria Mühe als Kieler LKA-Kommissarin etwas wackelig. Dass sie keine Mörderin ist, versteht sich von selbst. Dass sie am Ende trotzdem unter Mordverdacht steht, ist ebenfalls keine Überraschung. Deshalb resultiert die Spannung vor allem aus zwei Fragen: Wie wird es ihr gelingen, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen? Und wenn sie es nicht war: Wer hat den ehemaligen Fußballprofi Sören Paulitz erschlagen?
Gunnar Fuß (Kamera und Regie), der mit „Blackout“ seine fünfte „Solo für Weiss“-Episode in Folge inszeniert hat, beginnt den Film mit einem stimmungsvoll fotografierten abendlichen Auftakt. Weiss schaut versonnen einem Partyboot hinterher. Ihr selbst ist nach dem Tod von Ben Salawi („Gefährliche Gewässer“, 2025) nicht nach feiern zumute. Trost sucht und findet sie bei einem Fremden. Am nächsten Morgen wird der Mann, den sie in einer Kneipe kennengelernt und mit nach Hause genommen hat, tot im Bett gefunden; zum Glück zwar nicht in ihrem, sondern in seinem, aber sie ist dennoch erschüttert. Paulitz ist nach einer mittelprächtigen Kickerkarriere als Sport-Influencer zum „Social Media“-Star geworden. Angesichts seiner Prominenz hat das Landeskriminalamt sehr zum Unmut der eigentlich zuständigen Kripo-Kommissarin (Catrin Striebeck) den Fall übernommen. LKA-Chef Geissler (Peter Jordan) überträgt ihn seiner ehemaligen Geliebten, die erst mal ein Indiz verschwinden lässt: In der Hosentasche des Opfers steckt noch der Bierdeckel, auf dem sie in der Kneipe ihre Telefonnummer notiert hat. Geschickt lässt Fuß offen, ob die kurz abgelenkte Novak das mitbekommen hat oder ob sie bloß generell irritiert ist, dass Weiss, offenkundig völlig verkatert, derart indisponiert zum Dienst erscheint.
Foto: ZDF / Christine Schroeder
Fortan werden kurze Erinnerungsfetzen dafür sorgen, dass die gewohnte Selbstgewissheit der psychisch ohnehin angeschlagenen LKA-Beamtin Stück für Stück bröckelt. Immerhin gelingt es ihr, zumindest Momentaufnahmen des gestrigen Abends zu rekonstruieren, aber im Grunde weiß sie nur das, was auch die beiden Weingläser und die aufgerissene Kondomverpackung in ihrem Haus dokumentieren. Der Titel „Blackout“ hat zwar noch eine andere Bewandtnis, wie sich zeigen wird, aber erst mal verwischt Weiss eine weitere Spur: Das spätere Opfer hat die Kneipenrechnung mit seiner Kreditkarte bezahlt. Sie und Paulitz haben das Lokal getrennt verlassen, doch auf den Aufzeichnungen der Überwachungskamera ist deutlich zu sehen, wie sie gemeinsam in ein Taxi steigen.
Spätestens jetzt müsste die Kommissarin ihren Vorgesetzten einweihen, womit sie selbstredend raus aus dem Fall wäre. Weil sie stattdessen die Aufnahme löscht, kann Novak schließlich eine etwas abenteuerliche, aber durchaus einleuchtende These konstruieren, warum die Kollegin den „One-Night-Stand“ auf dem Gewissen hat. Dass Weiss ihre Ermittlungen trotz Suspendierung und Verhaftung fortsetzen kann, ist ein weiterer Plausibilitätstest, der nur mit Blick auf ihr spezielles Verhältnis zu Geissler sowie im Rahmen von „Solo für Weiss“ glaubwürdig ist. Der Reihentitel erklärt auch, warum sie die Hilfe des Polizeipsychologen (Mehmet Atesci) ablehnt, obwohl sich beide im Sinne Sophokles’ einig sind: „Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mensch“.
Foto: ZDF / Christine Schroeder
Mathias Klaschka, gemeinsam mit Thomas Berger Schöpfer der 2016 gestarteten Reihe und an acht Drehbüchern mindestens maßgeblich beteiligt, präsentiert eine ganze Riege interessanter und passend besetzter Verdächtiger, allen voran Ulrich Brandhoff als Tobias Sternberg, Schwager des Opfers: Paulitz’ Schwester war gleichzeitig seine Managerin, Familie Sternberg hat ausgezeichnet von der Vermarktung des Sport-Stars gelebt, aber das war dem Gatten nicht genug. Für ungleich mehr Nervenkitzel sorgt jedoch eine andere Ebene: Irgendjemand schickt Weiss mehrfach Fotos, die sie und Paulitz in der Kneipe zeigen. Die Zeitlupenstudie vorm Finale hätte sich Fuß sparen können, aber ansonsten ist die sorgfältige Bildgestaltung auch wegen des unheimeligen Lichts sehenswert. Ähnlich hervorzuheben ist die ausgezeichnete Musik von Florian Tessloff, die dank verschiedener Vorzeichen für akustische Abwechslung sorgt: elektronisch, wenn’s spannend wird, streichorchestrig in den Dramaszenen.

