Mely (Seyneb Saleh) und Paul (Anton Spieker) sind eher nicht die Typen für alberne Junggesellenabschiede. Es sind ausgerechnet ihre Partner, die die beiden darin bestärken, sich mit Freunden und Freundinnen ein letztes Mal unverheiratet die Kante zu geben. Beide Cliquen treffen sich zufällig vor einer Karaoke-Bar. Doch aus dem lustigen Abend wird nichts. Nach einem Schlagabtausch mit drei Nazi-Dumpfbacken, bei dem Mely und Paul ein paar Schrammen abbekommen, begegnen sie sich wenig später in der Notaufnahme eines Krankenhauses ein zweites Mal. Sie nutzen die Wartezeit, um ein bisschen miteinander zu plaudern – über sich, ihre Partner und was sie so umtreibt im Leben. Ist es die besondere Situation, die die beiden so offen und gesprächig macht? Oder ist da mehr? Jedenfalls geht Paul Mely nicht mehr aus dem Kopf. Und sie versucht, ihre Gefühle zu verdrängen; schließlich hat sie bereits eine Beziehung zerstört, die Ehe von Matthias (Nico Rogner), ihrem Bräutigam, zum Leidwesen seiner Tochter Amelie (Virginia Leithäuser). Als sie sich ein drittes Mal über den Weg laufen, kommen sie nicht umhin, ehrlich miteinander zu sein. Beide sind auf dem besten Weg, sich ineinander zu verlieben. Trotzdem oder gerade deshalb verabschieden sie sich für immer. „Heirate schön“, sagt Mely mit einem Lächeln. „Werde glücklich“, erwidert Paul, nachdenklich. Insgeheim würde er sie gern wiedersehen. Das kann doch alles kein Zufall sein, denkt er sich.
Foto: Degeto / Michel Vertongen
Ist das, was den beiden bereits vergebenen Hauptfiguren in dem ARD-Fernsehfilm „Nächte vor Hochzeiten“ passiert, Zufall, Fügung oder gar Schicksal? Anders als in den handelsüblichen TV-Romanzen entscheidet im Film von Ingo Rasper in dieser Sache nicht das Genre, indem diese mutmaßliche Liebe auf den ersten Blick überhöht, dramaturgisch determiniert und verkitscht wird, sondern die Figuren selbst, vor allem der hin und hergerissene Paul, reflektieren diese magischen Momente dieser vermeintlich zufälligen Begegnungen. Autor Sathyan Ramesh, ein Experte auf dem Gebiet des wahrhaftigen Liebesfilms, hat ein scheinbar völlig unrealistisches Was-wäre-Wenn-Szenario als Ausgangspunkt gewählt, um ein ewig faszinierendes Phänomen zu beleuchten: Wie entsteht Liebe? Weshalb macht es bei manchen sofort klick? Dass eine ähnliche Lebensphase, in der zwei Menschen sich befinden, dabei oft ein Faktor ist, wird hier geradezu ad absurdum geführt: Beide stehen eine Woche vor ihrer Hochzeit, beide haben ihre Liebe gefunden – und dann das! Oder sind möglicherweise die Partner, für die sich Mely und Paul entschieden haben, nicht die richtigen? Melys Mutter (Siir Eloglu) jedenfalls mag den Zukünftigen ihrer Tochter nicht, spürt, dass er sie nicht glücklich machen werde. Und Saskia (Hanna Plaß), Pauls Auserwählte, ist weder die Medizinstudentin noch die Frohnatur, für die sie sich gern ausgibt. Allerdings ist Paul viel zu integer und verantwortungsbewusst, als dass er seine Langzeitfreundin in ihrer bislang heftigsten Lebenskrise im Stich lassen könnte.
Foto: Degeto / Michel Vertongen
Bräute, die sich nicht trauen, oder eine Heiratswillige, die sich mal eben in der „Nacht vor der Hochzeit“ einen anderen Bräutigam ausguckt, haben Komödiengeschichte geschrieben. „Nächte vor Hochzeiten“ ist dagegen ein Drama, das sowohl den Glücksfall einer außergewöhnlichen Liebe als auch die tragischen Momente von Trennungen gleichermaßen ernsthaft anvisiert. Und es kommen weitere seelische Konflikte ins Spiel, die die Geschichte in der Realität verankern und die Charaktere psychologisch erden: So gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Saskia, die sich jahrelang für das Wohlbefinden ihres Vaters (Jan-Gregor Kremp) verantwortlich fühlte, und Matthias Tochter Amelie, die sich immer noch zu viele Gedanken um ihre unter der Trennung leidende Mutter macht. Das Zusammenführen von Matthias, Amelie und Saskia, der das Cateringunternehmen für die Hochzeit abgesagt wurde, ist ein schöner Zufall, der auch diesen Figuren Konturen verleiht und die Nebenbeziehungen psychologisch vertieft. Die Verzahnung des ersten Dates zwischen Mely und Paul mit dem Probeessen in Matthias‘ Restaurant ist auch Plot-technisch clever, weil sie die Geschichte in die richtige Richtung lenkt und die Spannung auf den Ausgang erhöht. Anders als bei Rameshs Drehbuch zu „Vier sind einer zuviel“ könnte man hier schlussfolgern: Vier sind (für zwei Ehen) keiner zu viel. Auf diese wohlfeile Pilcher-eske Lösung des Problems darf man bei Ramesh aber nicht hoffen.
Ein Film über den Zauber der Liebe steht und fällt mit seinen Protagonisten. Die Psychologie der Charaktere stimmt in „Nächte vor Hochzeiten“. Aber dass der Kritiker und möglicherweise auch der Normalzuschauer (der keine Unterscheidung zwischen Liebesfilm und Film über die Liebe macht) bereit ist, dieser romantischen Bestimmungsgeschichte 90 Minuten lang zu folgen, das ist maßgeblich ein Verdienst von Seyneb Saleh („Munich Games“) und Anton Spieker („303“). Ihr glaubt man dieses Wesen, für das Männer ihre Frauen verlassen, und ihm den außer Kontrolle geratenen jungen Mann, der ungewollt mal eben drei bis vier Menschen unglücklich macht. Beide sind für ihre Rollen die perfekten, geschlechterübergreifenden Identifikationsobjekte. Mitgefühl ist garantiert, und die Hoffnung auf ein Happy End spannender als jeder Thriller. Ihre Blicke sind kinofilmreif, Verhaltensweisen und Sprache dem Leben abgeguckt. Die Inszenierung ihrer Dialogwechsel inklusive der Momente sanften Schweigens betont die Nähe zwischen den beiden und sorgt mit einer (kamera)flexiblen Auflösung für Abwechslung. Selten waren Gespräche in TV-Filmen so intim, so sexy und zugleich so romantisch. Und sie sind nie belanglos, oft geht es um Sinnfragen über das nur Individuelle hinaus. Eine Szene wie die im Gang des Krankenhauses, wo die beiden schon mal einen Hochzeitswalzer üben (eine stimmungsvolle Metapher ihrer Gefühlslage) oder das abendliche Treffen im schnuckeligen Romantik-Hotel sollten zum Pflichtprogramm für „Herzkino“-Macher werden.
Foto: Degeto / Michel Vertongen


1 Antwort
Herzschmerz und Wirrungen vom Feinsten.
Hat mir sehr gut gefallen.
Alles kann mitgefühlt werden.
Wenn man es nur gelesen hätte, hätte es vermutlich nicht diesselbe Wirkung, wie sie von den Schauspielern transportiert wurde.