Zieglerfilm präsentiert die Ausnahme-Serie vorab auf DVD
Ein Kind wird aus seinem Bett im Schullandheim geraubt und ermordet. In Verdacht gerät der gerade aus der Haft entlassene Holger Nussbaum. Kommissarin Klara Blum wird mit einem alten Fall und einem neuen Schweizer Kollegen konfrontiert. Die Folge „Nachtkrapp“ des nun zehn Jahre alten Bodensee-„Tatorts“ bietet viel Atmosphäre, gute Bilder, dramaturgische Umständlichkeiten und – recht solide Spannung. Das Schweizer TV sitzt mit im Boot.
Foto: SWR / Peter Hollenbach10 Jahre Bodensee-"Tatort". Der Jubiläumsfall kann sich sehen lassen. Matthes
Moritz fürchtet sich vor dem Nachtkrapp, einem Kinderschreck in Vogelgestalt, der der Legende nach nachts die Kinder holt. Sein bester Freund Beat zieht ihn damit auf – und tauscht mit Moritz bei der gemeinsamen Jugendfreizeit in einem Schullandheim die Betten. Am nächsten Morgen wird Beat am Ufer des Bodensees missbraucht und ermordet aufgefunden. Schnell in Verdacht gerät Holger Nussbaum (stark: Hansa Czypionka), der vor 15 Jahren nach ähnlichen Kindsmord-Fällen verurteilt worden war und gerade aus der Haft entlassen wurde.
Kommissarin Klara Blum und ihr Ehemann waren damals mit dem Fall betraut, allerdings beteuerte Nussbaum immer seine Unschuld. Außerdem bekommt Blum es mit einem neuen, offenbar wenig teamfähigen Kollegen zu tun: Weil die katholische Jugendgruppe aus der nahen Schweiz stammt, ermittelt auch Matteo Lüthi von der Thurgauer Kantonspolizei. Lüthi hat zuvor beim Geheimdienst gearbeitet, gibt sich schroff und rückt Informationen nur ungern heraus. Dafür kümmert er sich rührend um den verängstigten Moritz. Auch sein Chinesisch klingt recht überzeugend. Da bleiben für spätere Fälle noch einige Fragen offen, zum Beispiel: Was tut der Schweizer Geheimdienst in China? Oder für wen hat Lüthi wirklich gearbeitet?
Foto: SWR / Peter HollenbachKommissarin Klara Blum (Eva Matthes) wird in die Schweiz entführt. Czypionka
Der 23. Fall von Klara Blum hat alles, was einen guten Bodensee-„Tatort“ ausmacht, der kein temporeicher Großstadt-Krimi sein will: ein Buch, das das landschaftliche Umfeld einbezieht, die komplizierte grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Polizei thematisiert und dennoch die Spannung hält. Eine herausragende Kamera, die nicht nur dank des trüben Herbst-Nebels am See eine mysteriöse Stimmung und auch ohne direkte Gewaltszenen eine beklemmende Atmosphäre erzeugt. Und mit Eva Matthes besitzt diese seit zehn Jahren laufende Reihe ein schauspielerisches Pfund. Ohne viele Worte vermittelt sie mit ihrem Spiel das Unbehagen von Klara Blum über den alten Fall und ihre wachsenden Zweifel an der Schuld Nussbaums. In der Hochgebirgs-Kulisse der Schweizer Alpen kommt es schließlich zu einer Art Zweikampf zwischen beiden. „Nachtkrapp“ ist ein würdiger Film für diesen runden Geburtstag.
Obwohl Blum und Lüthi weitgehend getrennt ermitteln, verliert die Inszenierung von Patrick Winczewski den roten Faden nicht. Die Angst des schmalen, dunkelhaarigen Moritz vor dem Nachtkrapp bildet den unterschwelligen Grundton des Films. Dabei spielt auch eine Rolle, dass das Publikum dank kurzer Hinweise auf den wahren Täter der Polizei einen Schritt voraus ist. Der Nachteil einer solchen Konstruktion: Es wirkt übertrieben lange, ehe die Polizei erkennt, dass Beat, das Opfer, nicht ins Beuteschema des Täters passte und eigentlich Moritz entführt werden sollte. Seltsam, dass das Kind selbst dann noch nicht vom Ort des Geschehens fortgebracht wird – dass die Oma leider in Indien weilt, ist eine ziemlich lahme Idee. Überflüssig, wie oberflächlich auch noch die Missbrauchsfälle der Katholischen Kirche verarbeitet werden. Dennoch ein recht solider Whodunit-Film mit viel Atmosphäre.
Foto: SWR / Peter HollenbachDer Schweizer Kommissar Lüthi (Roland Koch) übernimmt den Fall. Sebastian Bezzel
Thomas Gehringer, freiberuflicher Journalist aus Köln, schreibt für epd medien, den "Tagesspiegel" und andere regionale Tageszeitungen, Mitglied in Jurys und Nominierungskommissionen des Grimme-Preises.